Premiere am Deutschen Theater 48 Tote in zwei Stunden

Eine streng getaktete Hetzjagd des Todes: Von Märtyern und Helden erzählt Regisseur Christopher Rüping in seinem Projekt "100 Sekunden (wofür leben)" am Deutschen Theater Berlin. Und entpuppt sich als Meister der Manipulation.

Michael Goldberg und Camill Jammal in "100 Sekunden (wofür leben)": Sterben für ihren Gott oder ihre Ideale
Arno Declair

Michael Goldberg und Camill Jammal in "100 Sekunden (wofür leben)": Sterben für ihren Gott oder ihre Ideale


Der Countdown läuft. 100, 90, 80... Das setzt alle unter Stress, Schauspieler wie Zuschauer. Ein Leben, inklusive Ende, in 100 Sekunden. Wer war die Person? Was war ihr wichtig im Leben? Wofür ist sie gestorben?

100 Sekunden, bevor das Schicksal (in Form einer zunächst unsichtbaren Megafonstimme) zuschlägt, "Stop" ruft und der Geschichte ein Ende macht: der Geschichte von Fatma al-Nejar etwa, einer Palästinenserin, die neun Kinder hat und sich in die Luft sprengt, um gegen die israelischen Besatzer zu protestieren, in der Hoffnung, ihr Tod sei "nützlicher, als mein Leben hätte sein können". Genauso wie der Geschichte von Liz Joyce, die sich entschließt, lieber an Krebs zu sterben, als mit der Chemotherapie ihr ungeborenes Kind zu töten.

48 solcher Episoden hat der Regisseur Christopher Rüping - 30 Jahre alt und ein experimentierfreudiger, fantasiebegabter und selbstbewusster Nachwuchsstar des deutschen Stadttheaters - für seine Inszenierung "100 Sekunden (wofür leben)" in den Kammerspielen des Deutschen Theaters zusammengetragen. Es geht um Märtyrer und Helden, historische wie zeitgenössische.

Sie sind alle gestorben für ihren Glauben an ihren Gott oder an ihre Ideale, an ein Prinzip oder ein Land: der tunesische Gemüsehändler Mohammed Bouazizi, der mit seiner Selbstverbrennung den Arabischen Frühling auslöste, und der hungerstreikende RAF-Terrorist Holger Meins; Catharina, die Königin von Georgien, die der iranische Schah 1624 zu Tode folterte, und der französische Politiker Jean Moulin, der sich umbrachte, als die Nazis ihn zu einem falschen Geständnis zwingen wollten. Es sind Geschichten, die viel zu groß sind für die 100 Sekunden, die ihnen zugestanden werden. Aber der Zeitstress verhindert auch das Pathos.

Rüping benötigt für seine Inszenierung nur vier Schauspieler: Katharina Matz, bei der sich 60 Jahre Bühnenerfahrung und jugendliche Ausstrahlung zu einer einmaligen Präsenz verbinden, die junge, wunderbar klare Wiebke Mollenhauer, Michael Goldberg, der auf ulkiges Overacting spezialisiert ist, aber auch großes Drama kann. Und Camill Jammal, der nicht nur als Musiker und Sänger eine Entdeckung ist. Der Regisseur lässt die vier, zunächst in Alltagskleidung, inmitten der 100 Zuschauer auftreten, die er auf der Bühne platziert hat.

Die Texte wechseln im Ton, mal nüchtern, mal eher märchenhaft wird da ein Leben nach dem anderen verdichtet auf 100 Sekunden, nur selten werden große Dichter zitiert (Schillers Jungfrau von Orléans, Goethes Werther). Das hat schon eine Wucht, und nur das leise Lied, das Mollenhauer und Jammal zwischendurch immer wieder anstimmen, lässt einen ab und zu zum Durchatmen kommen in dieser streng getakteten Hetzjagd des Todes.

Memento mori

Und gerade als man denkt, der sonst gern vor Regieeinfällen überbordende Regisseur habe sich diesmal absichtlich beschränkt zugunsten der ernsten, klaren, wenn auch nicht sonderlich originellen Frage nach dem Sinn des Lebens, kommt die ironische Brechung.

Der Vorhang geht auf, und die Schauspieler wandern hinüber in den Zuschauerraum - offenbar das Jenseits, wo sie in Glitzer- und Astronautenkostüme steigen und viel vom sorglosen Leben singen, in dem der Tod so gern verdrängt wird: "Always look on the bright side of life", "It's a wonderful, wonderful life". Das ist ganz lustig und ziemlich albern, und man wünscht sich bald die Schicksalsstimme zurück, die nach 100 Sekunden "Stop" ruft, aber die gibt es im Jenseits natürlich nicht mehr. Goldberg darf auch einen seltsamen Zeitgenossen spielen, der das World Trade Center geliebt hat wie einen Menschen, und dann sind er und Mollenhauer noch "Ken" und "Sexy Cora", zwei moderne verhinderte Helden, die beide bei Schönheits-OPs gestorben sind.

Im Programmheft heißt es dazu: "Warum kommen wir kaum umhin, diese Geschichten zu werten und wie manipulativ ist diese Wertung?" Mit "wir" meint der Regisseur in diesem Fall aber nicht die Zuschauer: So, wie er die einen Geschichten ernsthaft-pur, die anderen verwitzelt inszeniert, wertet er sie selbst. Und wenn er dann den Teil des Publikums, dem der erste Teil zu schlicht und ergreifend war, mit dem ironisierenden zweiten Teil eingefangen hat - Motto: Man kann natürlich immer alles auch ganz anders sehen -, dann kehrt er am Ende noch einmal zum Ernst des Sterbens zurück: zu André Gorz, der sich umbringt, weil er nicht ohne seine Frau leben will, und zu Günther Messner, der erfriert, weil er versuchte, seinen Bruder zu übertrumpfen.

Schließlich führen die Schauspieler ihr Publikum hinüber in den Zuschauerraum, ins Jenseits, und zünden auf jedem nun leeren Stuhl auf der Bühne eine Kerze an. Man blickt zurück auf das eigene Leben, das man soeben verlassen hat, und sieht, wie einem selbst gedacht wird. Memento mori. Das funktioniert, aber, um es mit dem Regisseur zu sagen: Wie manipulativ ist das denn?


100 Sekunden (wofür leben) . Berlin, Kammerspiele im Deutschen Theater, wieder am 22., 24. und 25.10. sowie 4., 14. und 16.11., Tel. 030 28 44 12 25.



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