Deutsches Theater in Down Under Gut gebrüllt, Darling!

"Ja Scheißdreck!" - beim Kunstfestival in Adelaide begeistern sich Australier für derbe deutsche Theaterwertarbeit: Die Berliner Schaubühne gastiert mit Thomas Ostermeiers Version der "Katze auf dem heißen Blechdach" und man spielt aktuelle Stücke von Marius von Mayenburg und Falk Richter.

Aus Adelaide, Australien berichtet


Wenn Deutsche irgendwo in der Welt Theater machen, dann wird gebrüllt. Alice Darling findet das nicht schlimm. Sie ist Schauspielerin, 23 Jahre alt, trägt sehr viel Gloss auf ihren Lippen und dazu schwarzglänzende Spaghettihaare. Darling hat vor ein paar Wochen ihre Ausbildung an der Flinders University im australischen Adelaide beendet, jetzt spielt sie schon zum zweiten Mal in einem deutschen Stück mit. Und schreit nach Leibeskräften.

Das Stück "Sieben Sekunden" von Falk Richter trägt bereits im deutschen Original den weltläufigen Untertitel "In God We Trust" und ist entschieden zum Fürchten. Darling spielt eine von drei Frauen, die in Gesellschaft zweier junger Männer mit schneidenden Stimmen über erschossene Kinder, Folter und Kriegsziele im Irak dozieren. Die fünf jungen Darsteller, alle in Einheitskluft, marschieren im Schritt, springen in die Höh’ und werfen sich in Deckung, und irgendwann formen sie aus ihren Körpern die Umrisse eines abstürzendes Flugzeugs, man hört das Heulen abschmierender Motoren. Plötzlich brüllt es mit aller Macht aus fünf Jungschauspieler-Kehlen: "Freeze!" - Lustiges Kommando in einer Stadt, in der seit Wochen fast 40 Grad Celsius im Schatten herrschen.

In Adelaide im Süden Australiens ist Festivalzeit wie seit 48 Jahren in jedem zweiten Spätsommer für knapp drei Wochen. Das Adelaide Art Festival ist das älteste und renommierteste Kunstfestival des Landes, hört neuerdings wegen eines eitlen Sponsors aber auf den neuen Namen "Adelaide Bank Festival of Arts". Es bietet Oper, Theater, Konzerte und Ausstellungen und bringt derart viel Leben in die sonst eher beschauliche 1,1-Millionen-Einwohner-Stadt, dass auch jene Bürger Adelaides stolz drauf sind, die sich keines der (diesmal 1,3 Millionen) Tickets kaufen. Jedenfalls zeigen die Bewohner des Bundesstaats Südaustralien wie sonst wohl nirgendwo auf der Welt sogar auf ihren Kfz-Schildern Kulturbegeisterung. "South Australia – The Festival State" ist das offizielle Autokennzeichenlogo hier.

Man möchte hier Weltkultur auf Weltniveau zeigen – nach dem Vorbild des alljährlich stattfindenden Festivals im schottischen Edinburgh. Das mag immer noch ein bisschen traditionsreicher und ein bisschen berühmter sein, aber ehrgeizmäßig dürfte Adelaide-Programmchef Brett Sheehy, ein sehr glatter Machertyp, längst die Nase vorn haben. In diesem Jahr präsentiert er unter anderem eine Hommage an den amerikanischen Komponisten Philip Glass, der aus Gedichten und Songtexten von Leonard Cohen eine neue Komposition namens "Book of Longing" ("Buch der Sehnsucht") zusammengefrickelt hat. Und wo feiert das Werk Weltpremiere? In Australien!

Familientyrannen und schwule Söhne

Das ist Theater im Zeitalter der Globalisierung. Es gibt einen von indischen und srilankischen Darstellern gespielten "Sommernachtstraum" vom alten Ehren-Inder William Shakespeare – und eine ganze Menge Deutsches. Die Berliner Schaubühne ist mit Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tennessee Williams "Katze auf dem heißen Blechdach" angereist. Und der junge deutsche Dramatiker Marius von Mayenburg lässt ein neues Stück namens "Freie Sicht" unter dem Titel "Moving Target" in Adelaide uraufführen.

Und dann ist da natürlich Falk Richters "Sieben Sekunden"-Kriegsspiel beim alternativen Festival-Nebenspektakel, das "Fringe" heißt wie in Edinburgh. "Es ist ein schlauer Kommentar zum Zeitalter des Terrors, in dem wir leben", sagt die Schauspielerin Alice Darling über das Stück des Dramatikers Richter, das sie und ihre Mitspieler vor den Betonwänden eines Mini-Theaters ohne Klimaanlage aufführen. Beherzt turnen sich die fünf Jungdarsteller durch eine streng am Text orientierte, athletisch anspruchsvolle Choreografie, der eher schmale Zuschauerraum aber ist nur halb gefüllt. Da ist die spätsommerlichen Hitze sicher mit dran schuld.

Tags darauf jedenfalls treten die Schaubühnen-Künstler in einem brutal heruntergekühlten, schönen alten Theaterbau vor bis auf den letzten Platz gefüllten Zuschauerrängen an. Her Majesty’s Theatre heißt das Haus, und wie ein bärbeißiger, souveräner König tänzelt Josef Bierbichler auf die Bühne. Er spielt einen alten Familientyrannen aus den US-Südstaaten in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" und Mark Waschke seinen schwulen versoffenen Sohn.

Ein amerikanisches Stück, deutsche Theater-Wertarbeit, an einem Ort, der von Berlin und dem Grand Old South fast gleich weit entfernt ist. Da muss man selbst die deutsche Neigung zum Gebrüll nicht traurig finden. Bei Bierbichler nämlich ist die Schreierei grandios. Jedesmal, wenn er im Stück "Ja, Scheißdreck!" schreit (er tut es zirka vierzehnmal), dann beömmeln sich 500 australische Zuschauer und glucksen und prusten.

Mut zur Härte

Wer die Deutschen einlädt, der will keine brave Deklamierkunst, sondern ein bisschen Lärm und Schock", sagt Klaus Krischok, ein schlaksiger, sehr umtriebiger Mann, der als Statthalter des Goethe-Instituts in Sydney die deutsche Theaterpräsenz in Adelaide mit Reise- und Übersetzungszuschüssen sponsert.

Und klar kriegen die Australier auch in Mayenburgs "Moving Target" Krawall geboten. Noch ein bisschen apokalyptischer als bei Falk Richter. Mayenburg und sein Regisseur Benedict Andrews sperren sechs Menschen in einen Raum zu einem Psycho-Versteckspiel. Einer muss bis 100 zählen, die anderen schreien, bibbern, prügeln sich. Jeder fürchtet jeden, jeder beschuldigt jeden, jeder terrorisiert jeden. Und was schreibt die australische Presse? Leicht ratloses Lob, typischer Kernsatz: "Definitiv ein Kommentar zu unserer Zeit."

Die Schauspielerin Alice Darling ist auf einer abgelegenen Farm viele Kilometer von Adelaide entfernt aufgewachsen. Sie formuliert es so: "Es gibt einen Mut zur Härte und zur Poesie in deutschen Stücken, den ich bewundere." Das erste deutsche Drama, in dem sie mitgespielt hat, war übrigens ausgerechnet eines von Marius von Mayenburg. "Feuergesicht", ein drastischer, gruseliger, nervenzermürbender Inzest-Reißer. "Phantastisch", sagt Darling.

Alice Darling wird übrigens in ein paar Wochen nach Melbourne umziehen. "Außerhalb der Festivalzeit kann man in Adelaide als Schauspielerin alle Hoffnung begraben", sagt sie. "Da wollen die Menschen hier nichts wissen von der Sorte Kunst, die sie aus ihrem netten Bürgerleben aufschrecken könnte."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.