WM-Finale Der große Deutschland-Argentinien-Vergleich

Lothar oder Diego, Benedikt oder Franziskus, Schnitzel oder Steak: Deutschland und Argentinien sind so verschieden. Gibt es da überhaupt Gemeinsamkeiten? Der große Ländervergleich in 13 Klischees.
Von Florian Diekmann, Stefan Kuzmany und Rainer Leurs
Lothar Matthäus, Diego Maradona: Nach dem Titel ging's erst richtig los

Lothar Matthäus, Diego Maradona: Nach dem Titel ging's erst richtig los

Foto: Getty Images
Stammtisch in Almstorf (l.), Nachtleben in Buenos Aires (r.)

Stammtisch in Almstorf (l.), Nachtleben in Buenos Aires (r.)

Foto: DPA; AP


1. Mentalität

Trifft man sich in Deutschland mit Freunden, wird sich zur Begrüßung freundlich zugenickt (außer bei Unpünktlichkeit, dann wird die Stirn gerunzelt), anschließend sitzt man sich bis spät in die Nacht das Gesäß bei mehr oder minder fundierten politischen Gesprächen am Biertisch platt. Unbekannten Neuankömmlingen wird mit sogenanntem gesundem Misstrauen begegnet.

Eine solche Abendgestaltung ist in Argentinien völlig undenkbar. Zunächst kommt jeder zu spät (was sich damit wieder ausgleicht und sowieso keinerlei schlechte Laune erzeugt), dann fällt man sich ausgiebig um die Hälse, um sich zu küssen. Still gesessen wird nicht lange, lieber ausgegangen und getanzt. Und wenn man dort interessanten Fremden begegnet: umso besser! Noch mehr Gelegenheit zum Küssen.

BMW-Werk in Regensburg (l.), Werft bei Buenos Aires (r.)

BMW-Werk in Regensburg (l.), Werft bei Buenos Aires (r.)

Foto: [M] DPA;AFP


2. Wirtschaft

Hier könnte der Unterschied nicht größer sein. Während Deutschland wirtschaftlich gesehen ein Traktor ist, der die Europäische Union kraftvoll puckernd über einen matschigen Acker schleppt, eiert Argentinien gerade auf den zweiten Staatsbankrott innerhalb von 13 Jahren zu. Ökonomisch sind Nachbarn wie Chile und - zumindest was das Wachstum betrifft - Brasilien an dem Land vorbeigezogen.

Benedikt XVI. (l.), Franziskus

Benedikt XVI. (l.), Franziskus

Foto: DPA; AFP

Längst ist auch eine Redewendung vergessen, die noch vor rund hundert Jahren in Europa üblich war: "Reich wie ein Argentinier", sagte man damals, schließlich gehörte der aktuelle Finalgegner zu den zehn wohlhabendsten Ländern der Welt.


3. Papst

Was waren die Deutschen im siebten Himmel, damals im April 2005. Sie waren plötzlich Papst, alle miteinander, "Bild"-Zeitung hatte das so verordnet. Leider blieb die Begeisterung über Benedikt XVI., den Pontifex aus Marktl am Inn, den Grübler und Mystiker, in der Folge zunehmend auf das erweiterte Gebiet um Bayern beschränkt. Im Rest der Welt nahm man eher wahr: Vatikanbank-Skandale, Missbrauch, Annäherung an Holocaust-Leugner, vermeintliches Islam-Bashing.

Bei vielen wird als größte Leistung Benedikts Rücktritt in Erinnerung bleiben - weil der den Weg frei machte für den derzeit weltweit mit Sicherheit beliebtesten Argentinier: Franziskus. Ein Papst, der die katholische Kirche umkrempelt, als wäre er der Fantasie romantischer Groschenheft-Autoren entsprungen: herzlich, bescheiden, weltoffen. Und das alles nur, weil ein Deutscher zugunsten eines Argentiniers auf seinen Titel verzichtet hat.

Nun könnte wohl bis auf alle Zeit Einmaliges geschehen: Zwei Päpste gucken gemeinsam ein WM-Finale zwischen ihren Heimatländern. Dass es so kommen wird, ist aber laut Vatikan "unwahrscheinlich". Schade.

Deutschland (l.), Argentinien (r.)

Deutschland (l.), Argentinien (r.)

Foto: Google Earth


4. Geografie

Stellt man sich Südamerika als ein Stück Buttercremetorte vor, ist Argentinien jener spitz zulaufende Teil, der beim Servieren abbricht, runterfällt und die Tischdecke versaut (Chile ist übrigens der Teil, der an der Zellophanfolie vom Bäcker kleben bleibt). Auch weil Argentinien weit im Süden liegt und deshalb zum Teil moderates Pulloverklima besitzt, spricht man gern vom europäischsten Land des Kontinents. Lassen Sie sich davon aber bitte nicht irritieren: In Buenos Aires herrschen selbst im südamerikanischen Winter noch Temperaturen wie bei uns im Mai. Ab November wird es dort dann so heiß wie im sommerlichen Rom.

Hitze können sie also ab, die Argentinier, aber im Finale gegen Deutschland wird ihnen das nichts nutzen. Erwartet werden in Rio de Janeiro für Sonntag maximal 18 Grad, Luftfeuchtigkeit: 85 Prozent. Damit kommen auch deutsche Fußballer klar.

Matthäus (l.), Maradona (r.)

Matthäus (l.), Maradona (r.)

Foto: Getty Images


5. Legenden

Viel Respekt zollt man in Deutschland dem Rekordnationalspieler Lothar Matthäus - aber ausschließlich wegen seiner fußballerischen Leistung. Abgesehen davon gilt der Franke als konsensfähige Zielscheibe beißenden Spottes. Seien es seine dürftigen Englischkenntnisse, sein Hang zu jungen Damen aus Osteuropa oder seine nie erhörte Hoffnung auf das Amt des Bundestrainers: Matthäus gilt als lächerliche Figur.

In Argentinien hingegen gibt es keinen größeren Helden als Über-Nationalspieler Diego Maradona, und der kann offenbar tun, was er will, ohne seinen gottgleichen Status zu verlieren. Drogensucht? Kein Problem. Mafia-Kontakte? Na und. Als Nationaltrainer 0:4 gegen die Deutschen verlieren? Ach ja. Als Maradona mit lebensbedrohlichen Beschwerden, angeblich infolge zu heftigen Drogenkonsums, im April 2004 ins Krankenhaus kam, brach in Buenos Aires der Verkehr zusammen, weil seine Fans zur Klinik eilten. Und wenn sich Maradona spontan entscheidet, eine TV-Show mit einem Besuch zu beehren, dann freut sich das Saalpublikum und skandiert minutenlang: "Diego! Diego!"

Ohne Lothar Matthäus zu nahe treten zu wollen - das kann man sich in einem deutschen Fernsehstudio kaum vorstellen.


Deutsche Fans (l.), argentinische Fans (r.)

Deutsche Fans (l.), argentinische Fans (r.)

Foto: DPA; AFP

6. Image

Wenig ist den Deutschen so wichtig wie die Frage, wie das Ausland sie wohl findet. Jahrzehntelang trug diese charmante Neurose zum Reiz von "Wetten, dass...?" bei ("Wahnsinn, der Tom Hanks auf dem Sofa vom Lanz! Was der wohl jetzt denkt?"). Tatsache ist, dass die Deutschen nicht zuletzt durch die WM 2006 in der Beliebtheitsskala zulegen konnten. Regelmäßig ergeben Umfragen, dass uns andere Nationen angenehm finden - gut, von jüngsten Sympathiewert-Abstürzen in Griechenland, Spanien und Italien einmal abgesehen.

Argentinier hingegen sorgen bei ihren südamerikanischen Nachbarn für Augenrollen, nicht zuletzt aufgrund ihrer durch nichts zu erschütternden Überzeugung, in allem und überall die Besten, Schönsten und Größten zu sein - eine Selbsteinschätzung, die sich wohl aus längst verblassten, großen Zeiten gehalten hat. Sogar den Kugelschreiber haben die Argentinier erfunden, na ja, angeblich, aber vielleicht war es doch eher ein Mann aus Ungarn, der später nach Argentinien ausgewandert ist . Immerhin, der seit Jahren beliebte Song "La argentinidad al palo" (mit "Argentinien ist geil" nur unzureichend übersetzt) von Bersuit Vergarabat, in dem sämtliche Vorzüge des Landes in übertriebenster Weise dargestellt werden, könnte möglicherweise selbstironisch sein. Möglicherweise. Aber urteilen Sie selbst:


Spottobjekt Oranje-Fan (l.), argentinische Brasilien-Spötter (r.)

Spottobjekt Oranje-Fan (l.), argentinische Brasilien-Spötter (r.)

Foto: REUTERS; AP

7. Erzrivale

Offenkundig hat Deutschland im vereinten Europa keine natürlichen Feinde mehr. Das ändert sich allerdings, wenn Fußball gespielt wird. Mit den Niederlanden verbindet die Deutschen eine Rivalität, die jahrzehntelang gehegt und mit vom Munde abgespartem Rotz genährt wurde.

Argentinien wiederum finden - wie gesagt - ohnehin alle blöd. Allerdings ist die Feindschaft mit Brasilien besonders leidenschaftlich, wie zuletzt im unten angehängten Video zu besichtigen war. Gezeigt wird darin die Reaktion argentinischer Fußballfans auf den Wirbelbruch von Brasiliens Stürmerstar Neymar.

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Es ist nicht ohne Ironie, dass beide Erzfeinde im laufenden Turnier quasi über Kreuz aus dem Weg geräumt wurden - Brasilien von Deutschland, die Niederlande von Argentinien. Dass die verbliebenen Nationen jetzt im Finale miteinander vorliebnehmen müssen, hat ein bisschen was von Dorfdisco um 5 Uhr morgens. Restekicken halt.


Schnitzel (l.), Steak (r.)

Schnitzel (l.), Steak (r.)

Foto: Corbis

8. Fleisch

In Buenos Aires grillt man Steak, in Berlin wird Schnitzel frittiert - das ist ein Klischee, klar. Aber ein zutreffendes. Beim Rindfleischverzehr sind die Argentinier Weltklasse, beim Schweine-Essen macht den Deutschen kaum jemand etwas vor. Ungefähr 60 Kilo vom jeweiligen Lieblingstier verzehren sie pro Kopf im Jahr, ob Argentinier oder Deutsche. Wer glaubt, dass sich daran bald etwas ändert, wird eines Besseren belehrt, wenn es in der Kantine mal wieder Schnitzel oder Currywurst gibt.

Doch während die argentinischen Rinderbarone ihren Tieren auf den ebenso saftigen wie unendlichen Weiden der Pampa ein unfassbar delikates Fleisch wachsen lassen, haben Deutschlands Viehbarone die winzige Fläche um Vechta und Cloppenburg zu einer Art güllebesudeltem Schweine-Ghetto umgestaltet. Ein Großteil der rund 28 Millionen Schweine in Deutschland lebt hier, bevor er auf dem Teller landet.


Sparkasse in Erfurt (l.), Rave in Buenos Aires (r.)

Sparkasse in Erfurt (l.), Rave in Buenos Aires (r.)

Foto: AP

9. Haushalten

Hier ist der Graben ähnlich tief wie bei der Wirtschaftskraft: Die Deutschen könnten es sich von allen Völkern der Erde zwar mit am ehesten leisten, mal schön auf dicke Hose zu machen. Dennoch neigen sie dazu, ihr Geld beisammenzuhalten. Dass Angela Merkel die "schwäbische Hausfrau" zum Ideal erhebt, sagt eigentlich schon alles: Deutsche legen mehr als jeden zehnten Euro auf die hohe Kante. Sie misstrauen Kreditkarten (Krediten sowieso), zahlen im Restaurant grundsätzlich getrennt und wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, wie der Nachbar Niederlande (siehe Punkt 7, Erzrivale) die Ein-Cent-Münze abzuschaffen. Dass die Bundeskanzlerin halb Europa mit ihrem Sparzwang auf den Wecker geht, erfüllt sie mit Stolz.

Die Argentinier hingegen legen wenig Geld aufs Sparkonto, wohl auch aus berechtigter Sorge, es nicht mehr abheben zu können, wenn die Banken und die Staatsfinanzen zusammenkrachen, so wie damals im Dezember 2001 . Aber auch wer nichts hat, gibt es gerne aus: Weil man gerne feiert, weil man sich etwas leisten möchte. Und weil es praktisch alles auf Raten zu kaufen gibt, sogar Kinokarten.


Halbfinalverlierer Ballack (l.), Finalverlierer Maradona (r.)

Halbfinalverlierer Ballack (l.), Finalverlierer Maradona (r.)

Foto: [M] DPA;AP

10. Frustrationsbewältigung

Es gehört zur Logik des Fußballsports, dass es neben dem Sieger immer einen Verlierer geben muss: Wo gejubelt wird, fließen direkt nebenan die Tränen. Oder es wird zumindest geschubst, geboxt und getreten, wie 2006 bei der Viertelfinalniederlage Argentiniens im Elfmeterschießen gegen Deutschland.

Generell darf man den Argentiniern unterstellen, ihrer Trauer gern auch körperlich Ausdruck zu verleihen, während Deutsche im Moment der Niederlage eher friedfertig bleiben, konsterniert auf dem Rasen sitzen und losheulen (vgl. Andy Möller).

Im Fluchen hingegen sind beide Nationen Weltmeister, wobei es auch hier einen entscheidenden Unterschied gibt: Während der Deutsche vor allem fäkal ausfällig wird (Scheiße, Arsch etc.),  bemühen Argentinier am liebsten Flüche aus dem Genitalbereich. Wir veranschaulichen Ihnen das gern an einem Videobeispiel: Es zeigt einen älteren Herrn, der 2011 das Relegationsspiel seiner Lieblingsmannschaft River Plate Buenos Aires im Fernsehen verfolgt. Schicken Sie aber bitte vorher die Kinder raus.

Wie sich ein vergleichbarer Erregungszustand in Deutschland anhört, zeigt dieses kleine Hörspiel: Dabei reklamiert ein Kunde beim Elektronikmarkt seinen kaputten Videorekorder - ein echter Klassiker.

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Bierkrug in München (l.), argentinischer Rotwein (r.)

Bierkrug in München (l.), argentinischer Rotwein (r.)

Foto: DPA; Getty Images

11. Getränke

Deutschland
ist das Land, in dem Bier und Kaffee fließen - immer noch oder immer wieder, je nachdem. Zwar trinkt jeder Deutsche ab 15 Jahren aufwärts pro Tag eine Flasche Bier, also rein rechnerisch - das ist aber schon viel weniger als früher, Tendenz weiter stark fallend. Ganz anders beim Kaffee, da bleibt der Deutsche am Ball, 2,6 Tassen trinkt er jeden Tag, vom Säugling bis zum Greis.

Derartiges ist dem Argentinier fremd, das ganze 40-Millionen-Volk importiert weniger Kaffee als die 8,5 Millionen Österreicher. Stattdessen macht er sich mit Mate wach, ob kalt oder heiß, allein oder in der Gruppe. Und als Absacker darf es dann doch eher ein vollmundiger Rotwein sein, Bier gilt als geschmackloses Exotikum.

Festzustellen ist: Rein trendmäßig eilen die Deutschen in Riesenschritten auf die Argentinier zu - zuletzt hätte es die Partei der Mate-Trinker fast in den Bundestag geschafft. Und ein Freund teurer Weine wollte Kanzler werden . Allerdings ist er es auch genau deshalb nicht geworden.


DFB-Elf (l.), Messi und Mitspieler (r.)

DFB-Elf (l.), Messi und Mitspieler (r.)

Foto: [M] DPA;DPA

12. Gruppendynamik

Sicher kennen Sie den bereits jetzt legendären Ausspruch von Thomas Müller (nach dem Brasilien-Spiel): "Wir sind 'ne Mannschaft mit 'nem geilen Team." Da ist viel Wahres dran, denn während die Deutschen bei dieser WM als homogene Gruppe auftreten, ragt bei den Argentiniern unweigerlich ein Mann heraus - Lionel Messi, Zauberdribbler, großer Schweiger, vierfacher Weltfußballer des Jahres.

Ein historischer Zufall ist das beileibe nicht: Schon immer hatte Argentinien die Tendenz, sich an genialen Einzelspielern aufzurichten. Oder fällt Ihnen aus der argentinischen Elf im Finale von 1990 noch jemand anderes ein als Diego Armando Maradona? Oder von jener 1986? Eben.

Bei uns Deutschen dagegen gibt es dieses generelle Misstrauen herausragenden Einzelpersonen gegenüber. Vom genussvollen Bashing des Maradona-Gegenparts Lothar Matthäus war hier bereits die Rede, ebenso wie von der schnell abkühlenden Papst-Euphorie nach der Wahl Benedikts. Selbst politisch ist dieser kleine Unterschied spürbar: Argentinien ist eine Präsidialrepublik, während der deutsche Regierungschef nicht einmal Staatsoberhaupt sein darf. Und apropos Regierung:


Deutsche Regierungschefin (l.), argentinische Regierungschefin (r.)

Deutsche Regierungschefin (l.), argentinische Regierungschefin (r.)

Foto: REUTERS; Getty Images

13. Regierung

Ohne Worte.

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