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Fanfest-Impressionen: Deutsche feiern ihre Fußballhelden

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Deutschland nach dem 4:0 Kein schöner Schland

Ob Wulff-Wahl oder Gesundheitsreform, ob Merkel-Krise oder Angst um den Euro - alle Misere ist vergessen. Die Kicker von Jogi Löw haben das Land verzaubert und die schwarz-gelbe Koalition gerettet. Jetzt sind wir alle eine große Fan-Familie, meint Stefan Kuzmany.

Wo waren Sie, als Deutschland gegen Argentinien gewann? Waren Sie dabei? Haben Sie es erlebt? Gespürt? Sind Sie beim Autokorso betrunken aus dem offenen Schiebedach gepurzelt? Haben Ihren Gegner nach dem Auffahrunfall nicht angezeigt, sondern umarmt? Planen Sie, die Schramme an der Stoßstange nicht zu reparieren, sondern zu konservieren, als Erinnerung an diesen wunderbaren Nachmittag, als vier Tore die Nationalmannschaft ins Halbfinale katapultierten? Hand aufs Herz: Sind Sie eigentlich schon wieder nüchtern?

Angela Merkel

Deutschland fühlt sich nach dem Argentinienspiel recht rotgesichtig an, etwa so rot wie der Blazer von , den sie im Stadion von Kapstadt getragen hat. Sie war extra eingeflogen, um die Nationalelf anzufeuern - eine "Glücksbringerin" hatte der DFB-Sprecher Harald Stenger sie vorher genannt, und noch Minuten vor dem Spiel hatte man das als böses Omen deuten müssen.

Denn so, wie es jüngst mit dem Glück der Kanzlerin bestellt war, hätte die Mannschaft allein durch ihre Anwesenheit haushoch verlieren müssen. Aber nun schweigen alle Unken, und die Spaßbremsen vom Bund der Steuerzahler, die Merkels Reise als zu teuer bemäkelt hatten, sind jetzt aber sowas von abgemeldet, weil: Schland!

Wer interessiert sich noch für Steuergeld oder Eurokrise oder Afghanistan, wenn Schland? Niemand.

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Fanfest-Impressionen: Deutsche feiern ihre Fußballhelden

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Es ist Sommer und wir werden Weltmeister. Ausschließlich diese beiden Tatsachen beanspruchen aktuell die gesamte Aufmerksamkeit des Landes. Vollkommen zurecht. Denn es wäre einfach zu schade gewesen, wäre im Viertelfinale schon wieder alles vorbei gewesen. Dafür haben wir zu lange gewartet. Über vier triste Jahre haben wir die Autofähnchen vom Sommermärchen 2006 aufgehoben, sie sorgsam in einer Kiste oben auf dem Schrank verwahrt, jüngst sogar noch formschöne Verzierungen für die Außenspiegel zugekauft - das durfte doch nicht alles vergeblich gewesen sein, das musste sich doch rechnen.

Einer tiefen Depression entgangen

Jetzt lohnen sich die Investitionen ins Dekor: Die Deutschlandfähnchen dürfen noch am Auto bleiben, zumindest bis Mittwoch, aber wahrscheinlich bis Sonntag, und darüber hinaus, bis sie irgendwann von alleine abfallen. Die Hoffnung lebt weiter, auf den Titel, aber vor allem ganz grundsätzlich: Der Sieg am Samstag hat bewiesen, dass Hoffnung hierzulande möglich ist, auch eine Hoffnung gegen jede Erwartung.

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wäre eingetreten, womit man rechnen musste, hätte Löws Mannschaft gegen die Argentinier verloren. Ein finsterer Abgrund hätte sich aufgetan. Blitzartig wäre das Wetter schlecht geworden und in den Nachrichten nur noch die Rede gewesen von Kopfpauschale, Ölkatastrophe und Koalitionskrach. Am Montag hätte sich das ganze Land mit WM-Kater zur Arbeit geschleppt, an Fußball nur noch mäßig interessiert. Die Nationalelf und in deren Gefolge endgültig auch die Koalition wären spätestens am Dienstag zerbrochen, das Land in eine tiefe Depression gerutscht.

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Deutschland vs. Argentinien: Gala gegen die Gauchos

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Netzer

Guido Westerwelle

Aus diesem Tief hätte uns dann ausgerechnet der blasseste Bundespräsident aller Zeiten herausholen sollen - eine mühsame, fast unmögliche Aufgabe für Christian Wulff, erschwert noch durch eine von der Niederlage ausgelöste Kaskade von Rücktritten: erst Löw, daraufhin , Minuten später Merkel, aus alter Verbundenheit dann Steinmeier. Im darauffolgenden allgemeinen Chaos beinahe untergegangen schockiert (als wäre die Lage nicht schlimm genug!) die Ankündigung von Lena Meyer-Landrut, erstens doch nicht beim nächsten Grand Prix antreten zu wollen und zweitens ihr Studium hinzuschmeißen. Schließlich die folgenschwere gemeinsame Pressekonferenz von Michael Ballack und , auf der sich beide für "erwiesenermaßen unverzichtbar" erklären.

Sehen wir den Fakten ins Auge: das Land wäre nichts weniger als komplett am Ende gewesen.

Mit dem Sieg der Nationalelf über Argentinien aber ist wieder alles möglich. Die Arbeitslosenzahlen werden weiter sinken, die Stimmung steigt, und auch die schwarz-gelbe Koalition wird sich jetzt nahtlos in eine Erfolgsregierung wandeln. Die Gesundheitsreform, wir werden es kaum bemerken, wird sich praktisch von alleine regeln, die paar Euro mehr zahlen Halbfinalisten doch aus der Portokasse. Guido Westerwelle wird auf einen Schlag sympathisch und seine Partei in den Umfragen ab morgen zweifellos wieder über fünf Prozent kommen, denn die armen Liberalen gehören doch auch mit dazu.

Siegerschweiß mit Bundesadler

Wir freuen uns alle zusammen, wir sind eine große Familie, und das feiern wir gemeinsam, da soll keiner außen vor bleiben müssen. Hat nicht Christian Wulff, der, wie man bereits heute feststellen darf, beste Bundespräsident aller Zeiten, es so ähnlich gesagt, in seiner Antrittsrede? Dass Deutschland bunter werden soll, integrativer, offener?

Joachim Löw

Mit dieser Erkenntnis hat unser frischgebackenes Staatsoberhaupt einen Trend gesetzt, ein Leitbild geschaffen, dem sofort die gesamte deutsche Gesellschaft folgte. Sogar Bundestrainer konnte nicht mehr anders, als Wulffs Philosophie flugs und gerade noch rechtzeitig vor dem Argentinienspiel in seiner Aufstellung umzusetzen. Danke, Herr Präsident! Und: Respekt. Seit Sie präsidieren, zählt hier endlich das Gemeinsame, das Team, nicht mehr die Herkunft. Das deutsche Wir ist gewachsen.

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DFB-Einzelkritik: Wer Argentinien am meisten wehtat

Foto: FRANCOIS-XAVIER MARIT/ AFP

Wir, das sind nicht mehr nur die Rotgesichtigen aus der Kneipe "Rustikal" um die Ecke, die sich den Siegerschweiß mit Bundesadler-verzierten Frotteearmbändchen aus der Stirn wischen, nicht mehr ganz nüchtern, weil es im "Rustikal" einen Schnaps frei pro Deutschlandtor gegeben hat, und vier Schnäpse knallen ganz schön rein bei all dem Bier nebenher.

Wir, das sind jetzt auch die arabisch sprechenden Frauen, die sich zum Picknick neben das Kinderplanschbecken im Freibad gelagert haben und einen einsamen Argentinienfan spontan adoptieren, aus Mitleid vielleicht, oder im Überschwang des Sieges, wahrscheinlich aber aus purer Gastfreundschaft. Schon beim Drei zu Null geben sie eine Runde selbstgemachter Fleischtaschen aus, singen ausgelassen und rufen: "Jetzt wird Deutschland Weltmeister, Inschallah!", so Gott will.

Deutschland fühlt sich nach dem Argentinienspiel ziemlich bunt an. Was für eine schöne Zeit in einem glücklichen Land.

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