Sibylle Berg

Offenheit und Vielfalt Was für ein spießiges Jahrtausend

Hat sich was mit Offenheit und Vielfalt: Der genormte Kleingeist in Outdoorjacke setzt sich durch. Scheußlich.
AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland

AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland

Foto: AXEL SCHMIDT/ REUTERS

"Ich hatte gehofft..." So fangen Sätze an, die damit enden, dass man mit einem Pappschild vor irgendwas steht und demonstriert.

Ich hatte gehofft, dass beeindruckende Teile Europas, mit Erreichen eines neuen Jahrtausends, ihre Spießigkeit verlieren würden. Unklar, wie ich darauf kam - Globalisierung, Offenheit, Bildung, Internet, Entwicklungen, die auch jenen, die es bevorzugen, ein eher angepasst unauffälliges Leben zu führen, ermöglichen, schmunzelnd zu sagen: Hey, ich pflege meinen Vorgartenzaun mit Möbelpolitur und habe diese Schrankwand mit Muschelaschenbechern, ich sehe aus, wie man aussieht, mit einem Kopf und einem Betonhaarschnitt oder ohne Haare und ich trage stolz eine verwaschene Jeans und einen Allzweck-Outdoorjackenscheiß, aber ich beurteile andere nicht für ein Aussehen, das meinem nicht ähnelt.

Ich meine, es wäre ja auch vollkommen unsinnig, wenn wir alle gleich aussehen würden, Biologie, Diversifikation, Engpässe im Outdoorjackenscheißladen und so weiter.

Aber.

Der gefühlte Verdrängungskampf begünstigt den Hang zur uniformen - ich lehne alles ab, was komisch aussieht, und was komisch aussieht, bestimme ich - Kleidungsmanier. Der Kampf um die Ressourcen, die knapper werden, wovon der gemeine Mensch nichts weiß, er hat da nur so ein Gefühl, lässt eine neue Spießigkeit blühen. Die Anderen. Sie wissen schon. Die Anderen sind auch jene, die nicht der eignen Altersgruppe angehören. Hurra, endlich wieder ein belebter Generationskonflikt? Die alten weißen Männer versus die jungen Milchgesichtmänner. Österreicher Kurz und Juso Kühnert, Greis Gauland. Die einen senil, die anderen welpendumm.

Dass Frauen nach Verwertbarkeit für sexuelle Handlungen nach ihrem Alter klassifiziert werden, ist zur Gewohnheit geworden. Aber dass es nun auch Männer erwischt. Die Unsitte, hinter jede Nase in den Printmedien irgendeine, meist falsche, weil aus dem Netz gezogene, Altersangabe zu drucken, ist Gradmesser der neuen Gagahaftigkeit. Warum nicht die Schuhgröße? Den BMI? Oder die Quersumme der Gespräche, die der/die Betroffene mit seiner Hand führt? Was sagt eine meist falsche Zahl über die Fähigkeit, erfreulich zu denken und zu agieren? Es gibt junge und alte Vollidioten.

Brillanz und Menschlichkeit sind altersunabhängig. Wie auch die Handlungen und Fähigkeiten von jenen, die ohne Kurzhaarschnitt und Outdoorjacke bzw. Anzug durch die Straßen eiern. Nein, scheint der Bürger in der Krise zu schreien, Globalisierung hat mir schon nichts gebracht, warum soll ich mich mit den Inhalten beschäftigen, wenn ich doch auch sonst schon nicht denken mag. Wenn nach Äußerlichkeiten zu urteilen, so viel einfacher ist. Alles, was von einer unauffälligen Vorgabe abweicht, wird abgelehnt. Nicht mal ignoriert, sondern gehasst. Hass gegen alles, was sich nicht geschlechterkonform kleidet. Was körperlich nicht intakt scheint. Was verwirrende geschlechtliche Aussagen macht.

Hat sich was mit Offenheit und Vielfalt. Die beschränken sich auf ein paar Viertel in großen Städten. Wehe, wenn ein Mensch, der nicht genormt aussieht, die verlässt. Dann gibt es Kommentare, da wird auf den Boden gespuckt, gelästert, gestarrt, im Netz mit Hass kommentiert. Alles was seltsam ist, muss verschwinden. Damit die Umgebung in prächtiger Form uniformiert und durchschnittlich gefällig ist.

Was für ein sagenhaft spießiges, dummes Jahrtausend - so far.