"Dexter"-Star Michael C. Hall "Ich bin vor dem Killer auf der Hut"

In "Six Feet Under" spielte er einen Bestatter, jetzt brilliert er als höflicher Killer in der Serie "Dexter". Im Interview erklärt Michael C. Hall, warum wir Fieslinge lieben, Psychopathen die besseren Partner sind - und warum er keine Journalisten ermordet.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Hall, wie viele Leute haben Sie als Dexter denn bislang abgeschlachtet?

Hall: Schwierig zu sagen. Dexter hat diese Box mit den Blutproben seiner Opfer. Die geht am Ende der ersten Staffel verloren. Dann fängt er wieder von vorn an. Ich schätze, ich bin jetzt bei ungefähr 40.

"Dexter Star"-Hall: Ein Serienheld mit Schneid - und einer Riesenmacke
Showtime Networks

"Dexter Star"-Hall: Ein Serienheld mit Schneid - und einer Riesenmacke

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt man sich als der kaputteste Held der Serien-Geschichte?

Hall: Ich würde nicht sagen, dass Dexter der kaputteste ist. Er könnte ja noch viel irrer sein. Außerdem hat er einen moralischen Code. Er tötet nur Leute, die selber schuldig geworden sind.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht ein Kniff, um Selbstjustiz zu rechtfertigen und reaktionäre Gelüste beim Zuschauer zu befriedigen?

Hall: Dexter hat tatsächlich etwas Attraktives für die extreme Rechte. Man kann sich Zuschauer vorstellen, die heimlich in den Wäldern Waffen bunkern, um eine Miliz ins Leben zu rufen. Diese Leute mögen es wahrscheinlich, wie Dexter Macht und Kontrolle ausübt in einer Welt, die für uns, die Durchschnittsmenschen, ziemlich unkontrollierbar ist. Andererseits können die Liberalen die Serie als Reflexion über Moral genießen. Das Spektrum ist ziemlich groß. Vielleicht liegt darin das subversive Potential von Dexter: dass die Serie so widersprüchlich ist.



SPIEGEL ONLINE: Moralisch wird es jedenfalls ziemlich eng für den Zuschauer.

Hall: Das ist der Trick. Leute sagten mir, sie fühlten sich schuldig, dass sie die Serie mögen. Dexter killt Killer - das entlastet den Zuschauer zwar ein wenig. Aber durch den Voice-Over-Kommentar kommt man der Figur extrem nahe, wird zu ihrem Vertrauten und Mitwisser. Indem man zuschaut, ist man schon Komplize.

SPIEGEL ONLINE: Der "Los Angeles Times" haben Sie einmal gesagt, sie würden Dexter auch während der Drehpausen nicht los. Sie würden ihn zurück "in den Ofen stecken" und da "vor sich hinbrutzeln lassen". Wie ist das denn, wenn ein Massenmörder im eigenen Unterbewusstsein vor sich hinschmort?

Hall: Ich bin froh, dass wir nur viereinhalb Monate am Stück drehen. Danach habe ich Zeit, mich zu erholen. Aber solange wir nicht die letzte Szene der letzten Staffel abgedreht haben, bin ich auf der Hut. Denn ich weiß, er wartet in den dunklen Winkeln meiner Persönlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Hoffentlich kommt er nicht während eines Interviews zum Vorschein.

Hall: Unwahrscheinlich. Die Darstellung eines Massenmörders ist ja wie ein Ritual. Und es könnte doch sein, dass diese rituelle Spielhandlung, dieses fiktive Opfern von etwas, auch etwas Reinigendes hat.

SPIEGEL ONLINE: Dexter ist überaus freundlich, ein ziviler Charakter. Sind Ihnen höfliche Mitmenschen - der nette Nachbar, der hilfsbereite Verkäufer - mittlerweile suspekt?

Hall: Neulich wurde ich gefragt, ob ich schon mal jemanden wie Dexter getroffen hätte. Zum Glück konnte ich sagen: Ich weiß es nicht. Und ich will es auch gar nicht wissen.

SPIEGEL ONLINE: So viele der neuen Serienhelden - von der Dope verkaufenden Vorort-Mami in "Weeds" bis zur intriganten Rechtsanwältin in "Damages" - sind moralisch total degeneriert. Warum finden wir Fieslinge eigentlich so anziehend?

Hall: Ich glaube, das Publikum hat großen Spaß daran, sich mit Figuren zu identifizieren, die schlimme Macken haben. Weil wir alle Macken haben. Dexter ist ein Held der Grautöne, und genauso spielt sich unser Leben doch ab. Nicht als Schwarzweißfilm, sondern als undeutliche Mischung von Gut und Böse.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende der zweiten Staffel sagt Dexter von sich selbst: "Ich bin ein Konzept, das Gestalt angenommen hat." Welches Konzept wäre das?

Hall: Dexter ist ein Racheengel, eine vormoderne Figur. Und dann wiederum hat er eine erschreckend komplexe Psychologie. Mit jedem Mord tötet er einen Teil von sich selbst. Er ist sich seiner Monstrosität vollkommen bewusst. Und deshalb tötet er permanent die Figur, die er selber geworden, wäre, hätte er nicht diesen speziellen Code, nur Verbrecher zu töten.

SPIEGEL ONLINE: Sie könnten Dexters Therapeut sein.

Hall: Ich glaube, er ist sein eigener Therapeut. Als er Lyla, seine Geliebte, am Ende der zweiten Staffel tötet, wächst er richtig über sich hinaus. Er empfindet eine immense Dankbarkeit für sie, weil sie ihm geholfen hat, zu genesen - aber nicht im konventionellen Sinn, sondern in dem Sinn, dass sie ihn unbewusst förderte, ein noch potenterer Killer zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Eine raffinierte, aber auch zynische Kritik an Therapie, an Gesetzen - all den Formen, die unser gesellschaftliches Leben regeln.

Hall: Genau. Eine Kritik an den Geschichten, die wir uns selber erzählen, um Sinn herzustellen. Und Dexter erzählt sich eine eigene, ziemlich irre Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Ein Rezensent meinte, Dexter verschaffe uns die unheimliche Erfahrung zu empfinden, was es heißt, nichts zu empfinden.

Hall: Dexter ist tatsächlich ganz mit dem Vorgaukeln von sozialen Regungen beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Und er ist ein hundertprozentiger Profi. Das zeichnet auch viele von diesen neuen Serienhelden aus: emotional durchgedreht, aber unheimlich kompetent.

Hall: Das ist Dexters Vorteil: Er kümmert sich nicht darum, er selbst und authentisch zu sein, wie das die meisten Leute tun. Er ist ein Simulant. Und das macht ihn so versiert in beruflichen Dingen, aber auch im Management des Privatlebens. Deshalb ist er auch der perfekte Partner für eine Frau. Er kompliziert die Verhältnisse nicht mit Fragen nach der eigenen Identität, den eigenen Gefühlen. Er spielt einfach von Anfang an eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Michael C. Hall ist also ein Darsteller, der einen Darsteller darstellt.

Hall: Und ist das nicht ein schöner Kommentar zu unserer Existenz, die man sich auch als Bühne denken muss? Ich präsentiere, jetzt hier in diesem Interview, ja auch eine Version meiner Persönlichkeit. Inwiefern sich da meine innerste Befindlichkeit spiegelt? Schwer zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Angst hat Dexter aber auch: vor dem Vaterwerden zum Beispiel. Er kann pro Folge einen Menschen tranchieren, aber wenn die Freundin ihm erklärt, sie sei schwanger, kriegt er Schweißausbrüche.

Hall: Natürlich, weil das einen Verlust an Kontrolle bedeutet. Er ist in einem streng umgrenzten Rahmen ein Stressbewältigungsvirtuose. Aber ein Kind? Damit hat ein Massenmörder ja eher wenig Erfahrung.

Das Interview führte Daniel Haas


"Dexter", die 2. Staffel ab 21. März bei Premiere



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