Kleinskulpturen-Schau Ich hab Kuh-Kitsch im Gesicht

Schluss mit dem Größenwahn! Die Macher der "Triennale Kleinplastik Fellbach" verpassen der Schau mit ihrem Thema "Utopie beginnt im Kleinen" einen fast revolutionären Charme. Mit dabei: umgarntes Katzenfutter in Dosen, gestrickte Boxhandschuhe und Spielzeugvieh auf der Stirn.


Eine "doppelte Herausforderung" sei die "Triennale Kleinplastik Fellbach", das jedenfalls dachten die beiden diesjährigen Kuratoren Yilmaz Dziewior und Angelika Nollert am Anfang ihrer Arbeit an der 12. Triennale: nämlich die "Beschränkung auf das kleine Format" und die "dezentrale Lage des Ausstellungsortes". Dann allerdings fanden sie heraus, dass Fellbach nur 15 Minuten oder sechs S-Bahn-Stationen vom Stuttgarter Hauptbahnhof entfernt ist und dass das "Kleine" nicht automatisch harmlos und hübsch sein muss, sondern ein Gegenentwurf zum derzeitigen gigantomanischen Kunstbetrieb sein kann.

Und nun haben Dziewior und Nollert unter dem Titel "Utopie beginnt im Kleinen" zusammen mit 55 internationalen Künstlern eine großartige Ausstellung hingelegt.

Kleines repräsentiert Großes

"Was bedeutet eigentlich klein?", sei eine ihrer Ausgangsfragen gewesen, so Nollert. Das Modell zum Beispiel, besonders in der Architektur, stehe nicht nur für Veranschaulichung und dafür, dass das Kleine das Große repräsentiere. Und es müsse auch nicht unbedingt realisiert werden. Es könne auch "eine Möglichkeitsform" oder "ein Symbol für etwas anderes" sein, und man könne daher eine kleinformatige Arbeit als autonomes abgeschlossenes Kunstwerk verstehen, zugleich aber auch als gedankliches Potential für Veränderung.

"Natürlich geht es bei den Künstlern nicht um die Bebilderung bestimmter Utopien", sagt Dziewior und nennt als Beispiel die Skulptur "Plastic Bags" von Pascale Marthine Tayou, die mitten in der riesigen Ausstellungshalle hängt und auf den ersten Blick mit ihrer Größe nicht in das Format "Kleinskulptur" passt. Aber der afrikanische Künstler hat sie aus Tausenden von bunten Plastiktüten zusammengefügt und spricht mit dem globalen Abfall symbolhaft die Frage nach Konsum, Werbung, Recycling und nach unseren Wertvorstellungen an.

Eine ganz neue Ausstellungsarchitektur hat der Berliner Architekt Arno Brandlhuber zusammen mit dem Bildhauer Manfred Pernice entworfen und umgesetzt. Die 3000 Quadratmeter große, 1906 gebaute rechteckige Halle "Alte Kelter" wird von einem imposanten freitragenden Dachstuhl überspannt. Sie war bisher mit ihren riesigen Ausmaßen von 30 Metern Breite und 100 Metern Länge immer eine Herausforderung an das kleine Format der Triennale.

Jetzt sind die bisher verbauten Fenster freigelegt, Einbauten entfernt und die vorher genutzten Stellwände einfach um 90 Grad gekippt, so dass sie jetzt wie Tische funktionieren. Und weil die lange Halle einen Höhenunterschied von einem Meter auf ihrer Länge hat, liegen einige der Wände jetzt einfach auf der Erde, andere haben Beine, damit alle Tisch-Ausstellungsflächen auf derselben Höhe sind. So wird das Gefälle der Halle für den Besucher erstmals sichtbar. Die breiten Kanten der Tische sind mit unterschiedlich farbigem Fachwerkmuster bemalt, das einen Bezug zur Fachwerkkonstruktion der Decke herstellt - kleiner Eingriff, große Wirkung.

Kleine Eingriffe, große Wirkung

Dziewior und Nollert haben neben Bildenden Künstlern auch Architekten, Designer und Theatermacher eingeladen, sie stellen einige historische Zitate aus, wie zum Beispiel Bühnenmodelle des großen Theatererneuerers Erwin Piscator oder die gefalteten und beweglichen geometrischen Metallplatten der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark. Die 55 Künstler aller Altersgruppen kommen aus aller Welt. Alle Künstler bewegen sich in unterschiedlichen Medien, sie suchen nach neuen gesellschaftlichen Lebensentwürfen, stellen Fragen nach den Auswirkungen des Wendejahrs 1989 und dem Ende des real existierenden Sozialismus und nach Utopien und Ideologien, die bleiben, obwohl die Systeme, die kommunistischen wie die kapitalistischen, kollabiert oder schwer beschädigt sind.

Diesen und ähnlichen Fragen geht die Ausstellung nach. In Architekturmodellen des Architekten und Utopisten Yona Friedman zum Beispiel oder im "Raumstadtmodell" von Eckhard Schulze-Fielitz von 1962. Oder in der Installation von Rita Ponce de León mit hölzernen Kegeln, Trapezen, Platten und Stöcken, die von Besuchern neu arrangiert werden können. Damit will die Peruanerin die "utopische Idee der Disponibilität des Sozialen und die Veränderbarkeit des Zusammenhangs aller durch alle" erfahrbar machen.

Der 75-jährige, in Lübeck geborene Uruguayer Luis Camnitzer zeigt ein Foto seines Gesichtes, auf das er mit Spielzeugfiguren Haus, Baum und Tiere platziert hat - eine Idylle, die wir mit uns tragen und die ein Teil unserer Identität ist. Von Meschac Gaba aus Benin sind geknüpfte und gestrickte Kunsthaar-Perücken zu sehen, die Berlinerin Judith Hopf zeigt Masken und ihre "Erschöpften Vasen", während Haegue Yang liebevoll mit buntem Garn umwickelte kleine Dosen mit Katzenfutter ausstellt und sie damit zu Kunst umwidmet.

Und Nora Schultz baut ihre "Faustsammlung" auf, die aus vergrößerten Ausschnitten aus linkspolitischen Flyern und Magazinen stammen. Auch das Designerduo Bless beschäftigt sich mit Fäusten: Sie zeigen ihre gestrickten Boxhandschuhe "Boxknit" und stellen damit die Frage nach dem Gebrauchswert von Kunst, Mode und Design. Und den "Ludwig Gies Preis für kleine Skulptur" bekommt Nathan Coley aus Glasgow für die Modelle seiner "Camouflage Church".

Am Ende ist es eine große Ausstellung geworden, denn "alle Künstler arbeiten mit der Vorstellung", so Dziewior, dass über die Architektur, über das Design oder die Kunst "das ganz Große verändert werden kann, nämlich die Gesellschaft".


"12. Triennale Kleinplastik. Utopie beginnt im Kleinen". Fellbach. Alte Kelter. Bis 29.9.



insgesamt 2 Beiträge
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sebastian_stgt 02.07.2013
1. wow
spon entdeckt, dass es ausser wutbürgern auch anderes in ba-wü gibt ... hoffnung auf andere sichten ausser zentralismus?
asphodelia 02.07.2013
2. Vhs
Ich muss sagen, dieser ganze Ramsch sieht auch sehr nach Fellbach aus. Genauer gesagt nach der VHS Fellbach oder war es etwa der Kunst Leistungskurs des örtlichen Gymnasiums, welcher anlässlich des Abiturs...
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