Stammtisch für feine Herren Hier Genie, da Genitalien

Mit den vielen feministischen Debatten wächst die Panik mancher Männer, die Kontrolle zu verlieren. Zu viel weibliche Sexualität, zu viele Vulven - das fürchten rechte wie auch linke Intellektuelle.

Vulva-Cupcakes
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Vulva-Cupcakes

Eine Kolumne von


Man kann ja viel über Feministinnen sagen, aber dass man von ihnen derzeit wenig hört, wäre gelogen. Ein viel beachtetes Buch der Philosophin Kate Manne ist kürzlich auf Deutsch erschienen, es heißt "Down Girl" und untersucht die Logik der Misogynie.

Eine der Hauptthesen Mannes ist, dass man Frauenhass besser versteht, wenn man ihn nicht als Eigenschaft einzelner Personen betrachtet, sondern als systematisches gesellschaftliches Phänomen: "Eine solche Feindseligkeit muss nicht zwangsläufig eine unmittelbare Grundlage in der (...) Psyche eines einzelnen Akteurs haben. Institutionen und andere gesellschaftliche Umgebungsfaktoren können ebenfalls selektiv abschreckend, 'eisig' oder feindselig gegenüber Frauen sein." Eine relativ simple Einsicht, die in der Diskussion zum Equal Pay Day viel hätte helfen können.

Ein anderes frisch übersetztes Buch ist "I'm every woman" der Comiczeichnerin Liv Strömquist (lesen Sie hier die Kritik von SPIEGEL ONLINE). Sie erzählt von berühmten männlichen Genies, allerdings aus der Sicht der Frauen, die an ihrer Seite beziehungsweise in ihrem Schatten lebten und nicht selten darunter litten.

Apropos Genies und Leid. Die Fülle neuer feministischer Publikationen ist nicht für jeden erträglich. Auftritt Slavoj Zizek! Stop in the name of love, so könnte man seinen Text in der "NZZ" übertiteln, wenn er nicht schon den wenig subtilen Titel hätte: "Soll denn nun auch alles Erotische entzaubert werden? In was für langweiligen Zeiten leben wir eigentlich?"

Frauen wollen ihre Vulva zurück

Der Philosoph ist entsetzt von der Vielzahl neuer feministischer Werke, die sich mit dem weiblichen Körper beschäftigen. Hier ein Buch mit Vulva-Bildern, dort Workshops über weibliche Genitalien: Hölle. Manchmal sind es eben doch einzelne, sehr konkrete Akteure, die es nicht gut verkraften, wenn Frauen tun, worauf sie Lust haben.

Zizek stellt fest, dass Feministinnen nur eins im Sinn haben: "Die männliche Fetischisierung der Vagina als das ultimativ mysteriöse Objekt der (männlichen) Begierde muss überwunden werden. Anstelle dessen soll die Vulva für Frauen zurückerobert werden, in all jener Komplexität, die frei ist von sexistischen Mythen."

Preisabfragezeitpunkt:
21.04.2019, 15:10 Uhr
Ohne Gewähr

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Liv Strömquist
I'm every woman

Verlag:
avant-verlag GmbH
Seiten:
112
Preis:
EUR 20,00

Die Frauen wollen sich also die Vulva zurückerobern und das ist natürlich frech ohne Ende. Zizek zählt als Beispiel ein Buch der bereits oben genannten Liv Strömquist auf. Auf Deutsch heißt es "Der Ursprung der Welt", eine Graphic Novel zur Kulturgeschichte der Vulva und der Menstruation. Es geht darin um alle möglichen Tabus im Zusammenhang mit Genitalien, um Klassiker der Tamponwerbung (immer mit blauem "Blut" und nie mit rotem), um Schönheitsoperationen (bei Männern: untenrum alles größer, bei Frauen: alles kleiner), und auch wenn man ganze Regalmeter von Literatur über Sexualität gelesen hat, lernt man darin noch etwas Neues. Würde ich sagen. Zizek sagt: Schwierig, da noch einen hochzukriegen.

Er sagt es natürlich feiner, es ist immer noch Feuilleton, aber manchmal ist Feuilleton auch nur Stammtisch mit Fachbegriffen, eine geadelte Version dessen, was der kleine Mann von der Straße nur grummeln kann, bis er erleichtert in der Zeitung liest, dass es von seinem Sexismus auch eine intellektuelle Version gibt.

Entmystifizierung der Exkremente?

"Ist dies wirklich ein Fortschritt?", fragt Zizek angesichts des Versuchs, etwas mehr Wissen über weibliche Geschlechtsorgane unters Volk zu bringen: "Wenn ja, dann sollten wir diesen Gedanken konsequent zu Ende führen und auch Exkremente entmystifizieren und entfetischisieren."

Interessant. Wo es doch allen Studien zufolge immer noch Männer sind, die die Kulturtechnik des unverlangt eingesandten Dick Pics in den letzten Jahren so konsequent durchgesetzt haben, dass kaum eine heterosexuelle Frau noch unbepimmelt soziale Medien benutzen kann.

Nun wäre es eigentlich nicht besonders erwähnenswert, wenn ein knapp 70 Jahre alter Philosophieprofessor von feministischer Popkultur überfordert ist. Hier das Genie, da die Genitalien, dazwischen blankes Unverständnis. Diese ungeheure Kränkung, dass nicht nur die Sonne nicht um die Erde, sondern auch die Frau nicht mehr um den Mann kreist.

Mit Charme eines Waldschrats

Natürlich ist es auch ein bisschen lustig, wenn ausgerechnet Zizek Feministinnen vorwirft, die Sexyness des weiblichen Körpers zu zerstören, während sein eigener Kultstatus bei Linken und Philosophiestudenten unter anderem darauf beruht, dass er den Charme eines wetternden Waldschrats versprüht - ein Auftreten, das eine Frau sich nie erlauben dürfte, wenn sie auch nur einen Fuß in den Kultur- oder akademischen Betrieb setzen wollte.

Lustig ist es aber vor allem auch, dass Zizek allerlei Psychoanalyse und kritische Theorie auffährt, um am Ende auch nur zu sagen, was alle #MeToo-Kritiker sagen, die Angst haben, dass ihre Flirttechniken nicht mehr als Lifehacks durchgehen: "Das Ergebnis ist nicht eine neue Freiheit, sondern die graue Realität, in der Sex vollkommen unterdrückt wird."

Preisabfragezeitpunkt:
21.04.2019, 19:00 Uhr
Ohne Gewähr

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Kate Manne
Down Girl: Die Logik der Misogynie

Verlag:
Suhrkamp Verlag
Seiten:
500
Preis:
EUR 32,00
Übersetzt von:
Ulrike Bischoff

Ein anderer Intellektueller, der fürchtet, dass es mit dem Sex bergab gehen könnte, ist Jordan Peterson, ein Psychologe, der von Rechtsextremen gefeiert wird und kürzlich in der "Zeit" erklären durfte, dass Männlichkeit für Ordnung steht und Weiblichkeit für Chaos. Petersons claim to fame ist es, dass er sich 2016 von den Plänen der kanadischen Regierung unterdrückt fühlte, ein Gesetz einzuführen, das Transgender vor Diskriminierung durch falsche Bezeichnungen schützen soll. Peterson befand sich davon in seiner Redefreiheit eingeschränkt.

Fürs "Zeit"-Feuilleton ist das nicht abstoßend genug, ihm nicht in einem langen Interview zu hofieren. "Heute ist er ein Star der Maskulinisten, die die Männlichkeit gegen die Anfeindungen des Feminismus verteidigen - und der rechtsextremen Alt-Right-Bewegung. Zum Gespräch in Zürich erscheint Jordan Peterson im eng geschnittenen Dreiteiler. Er habe, erklärt er, stark abgenommen, seit er sich ausschließlich von Fleisch ernähre."

Misogynie verbindet Rechte mit Linken

Diese lebendige Karikatur einer Männerrechtlers erklärt im Interview, dass Linke und Feministinnen nicht froh genug sind über den Segen des Patriarchats: "Es gibt nicht genug Dankbarkeit. Sie verhungern nicht, ich auch nicht. Wir haben keine Pest, wir haben keinen Krieg, es gibt keine verdammten Straßenkrawalle. Die Leute nehmen das alles als gegeben hin. Sie beklagen sich über das repressive Patriarchat."

Kein Krieg, keine Krawalle, kein Widerspruch des "Zeit"-Interviewers. Stattdessen viel Platz für Beobachtungen wie diese: "Aber gerade die radikale Linke hat einen Knoten in der Unterhose wegen der sexuellen Übergriffe. Die #MeToo-Bewegung ist überall. In 20 amerikanischen Staaten haben wir Gesetze, die die ausdrückliche Zustimmung zu Sex regeln." Ja, grausame Zeiten, in denen man Leute nicht ungefragt vögeln darf.

So verschieden Zizek und Peterson auf den ersten Blick wirken - hier der Star der Linken, da der Star der Rechten -, so nah sind sie sich in der Panik, dass Männern die Kontrolle über Frauen und Sex entgleitet. Und wenn heute gefragt wird, wie die Linke und die Rechte jemals wieder in einen Dialog treten können, so ist das vielleicht die lang ersehnte Lösung: vereint in Misogynie. Eine gemeinsame Veranstaltung von Zizek und Peterson soll im April in Toronto stattfinden. "Happiness: Capitalism v. Marxism" ist der Titel, die günstigsten Tickets kosten aktuell um die 500 Euro.



insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
zeichenkette 19.03.2019
1. Hmm
Man könnte natürlich zu dem Schluss kommen, dass eine Enterotisierung der Geschlechtsorgane und dafür eine Erotisierung des Lebens gar nicht schlecht, sondern vielmehr gut wäre. Aber dann müsste man sich ja freuen anstatt zu wüten, und wer will das heute schon!
Claudius32 19.03.2019
2. Parallelwelten
Liebe Frau Stokowski, Sie haben Probleme! Wahrscheinlich 99% der Menschen in Deutschland und ein großer Teil der SPON-Leser erkennen nicht mehr, um was es Ihnen und Ihren Mitstreiterinnen eigentlich geht... Sie streiten um Probleme, die auch wenn man sie von dem akademischen Gequase entblättert, keiner nachvollziehen kann und die wahrscheinlich nur in einer sehr speziellen Blase bestehen. Dennoch gebe ich zu: Ich habe es nun auch gelesen und damit ist Ihr Honorar gerechtfertigt. Weiter so!
Nachtjacke 19.03.2019
3. Lesen bildet
Vielleicht sollte die Autorin mal das Buch Jordan Peterson lesen, aber bitte nicht die deutsche Übersetzung, die ist eine Zumutung. Dann dürfte evt. sogar ihr klar werden, wofür Peterson steht.
joern0801 19.03.2019
4. Margarete Stokowski
wird dereinst verantwortlich dafür sein, dass ich als (schwuler) alter weisser Mann beim Lesen ihrer Elaborate ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln bekomme.
Freier.Buerger 19.03.2019
5. von hinten durch die Brust ins Auge
Ok, wir wissen jetzt, wenn niemand mehr Frauen hasst, so bleibt ein gesellschaftlicher Frauenhass diffus bestehen und wenn niemand mehr diskriminiert wird, bleibt eine strukturelle Diskriminierung übrig. Die anerkannte Maßeinheit für beide Phänomene ist der GPG. Bewiesen wird das durch MS anhand von Rede und Gegenrede zweier wenig bedeutsamen Personen. Aber was bleibt noch übrig Frau Stokowski wenn Sie es sich jetzt auch noch mit den Linken verscherzen?
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