Die geschenkte Stunde Literaturgroupies im Leserausch

Heiß und voll: Pop-Literaten und Politiker drängelten sich in der Nacht zum Sonntag auf dem Literatur-Marathon "Die geschenkte Stunde". Zur Feier der Zeitumstellung lasen unter anderem Wolfgang Thierse und Florian Illies aus ihren Werken vor.

Von Carolin Ströbele


Pop-Literat Illies: Keine fliegenden BHs

Pop-Literat Illies: Keine fliegenden BHs

Wenn es Literaturgroupies gibt, dann sehen sie so aus wie das junge Mädchen, das seinen roten Regenschirm an die Brust presst und mit feuchten Augen auf Florian Illies starrt. Wer es bis zum Ende der Lesung des Jung-Autors ("Generation Golf") geschafft hatte, musste tatsächlich ein großer Fan gewesen sein. Denn bei geschätzten Temperaturen von etwa 45 Grad wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn die Zuhörer ohnmächtig vor ihrem Lieblings-Schriftsteller zu Boden gesunken wären.

Voll und heiß - so kann man die Literatur-Veranstaltung "Die geschenkte Stunde" kurz zusammenfassen. Das Lese-Spektakel fand in der Nacht zum Sonntag parallel in Berlin, Hamburg und Cottbus statt. Vor dem Berliner Kulturhaus "Tacheles" staute sich schon am frühen Abend die Menschenmenge. Wer keine Karte hatte, blieb sowieso draußen, wer eine besaß, musste sich trotzdem mindestens eine Stunde vor dem völlig überfüllten Eingang den Zutritt erboxen. Von hinten waren immer wieder verzweifelte Rufe diverser Literaturagentinnen zu hören: "Ich hab hier einen Autor, der muss da rein." Hatte der Besucher endlich den Fuß über die Schwelle gebracht, stellte sich sogleich das nächste Problem: Wie bekommt man möglichst viele Promis ohne Zeitüberschneidungen mit?

Denn die Veranstalter der Verlagsgruppe Holtzbrinck hatten für ein ordentliches Staraufgebot gesorgt: Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit las aus "Berlin Alexanderplatz", Wolfgang Thierse aus seinem neuen Buch "Zukunft Ost", Mario Adorf war da, Sarah Khan, Mario Giordano, der die Vorlage zum deutschen Oscar-Anwärter "Das Experiment" lieferte, Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt") stellte sich dem Publikumsgespräch und hatte Freundin Franka Potente im Schlepptau.

"Da hinten jammert Thierse über den Osten"

Im Schlepptau: Tykwer-Freundin Potente
REUTERS

Im Schlepptau: Tykwer-Freundin Potente

Am besten fand man sich im Promi-Dschungel zurecht, wenn man sich einfach im unermüdlich fließenden Menschenstrom mitschieben ließ und markanten Zwischenrufen folgte wie: "Wir besetzen schon mal Plätze für Illies" - "Da hinten jammert Thierse über den Osten". Tatsächlich saß der Bundestagspräsident launig und mit locker verschränkten Beinen auf einer kleinen Tribüne - doch was er vorlas, war kein angenehmes Erzählwerk, sondern eine ungeschminkte Bestandsaufnahme der Situation in Ostdeutschland. Thierse nahm nicht nur die Regierung in die Pflicht, in den neuen Bundesländern eine Forschungs- und Bildungsregion zu etablieren, sondern griff sogar die Ostdeutschen selbst an, indem er eine wachsende "National-Sozialistische" Entwicklung verurteilte.

Bei der anschließenden Diskussion dünnte sich das Publikum deutlich aus - nach so viel Ernst ging es für viele erst mal in Richtung Spaßfraktion. Die war an diesem Abend auch reichlich vertreten: Die Clowns Erkan und Stefan waren aus München angereist, um ihr "Krassbuch" vorzustellen und die unvermeidliche Ariane Sommer hatte ihre "Benimm-Bibel" im Handtäschchen dabei. Und dann gab es natürlich noch Florian Illies, zu dem ohnehin alle wollten.

Als der Pop-Literat dann auf die Bühne trag, flogen zwar keine BHs, aber einen rauschenden Begrüßungsapplaus konnte der Autor immerhin einstreichen. Zu Unrecht - denn was folgte, war nicht nur belanglos, sondern auch noch schlecht vorgetragen. Illies las aus seinem neuen Buch "Anleitung zum Unschuldigsein" vor wie ein Schulbub, mit gleich bleibendem Singsang, ohne Betonung und Begeisterung. Der Nachfolgeroman von "Generation Golf" handelt nach den Worten des Autors vom "schlechten Gewissen", das ihn immer dann befällt, wenn er zum Beispiel eine der hässlichen, ehemaligen Klassenkameradinnen Samstagmorgens im Supermarkt trifft und sie nicht mehr erkennt.

Selbstgefällig und nicht besonders originell

Politiker Thierse: Ungeschminkte Bestandsaufnahme
DPA

Politiker Thierse: Ungeschminkte Bestandsaufnahme

Illies Erzählungen sind immer etwas selbstgefällig und im Großteil auch nicht besonders originell. Doch es ist wohl gerade der Wiedererkennungswert seiner Geschichten, der dem Autor einen so großen Fanclub beschert. Illies erzählt nichts, was seine Zuhörer nicht schon selbst erlebt oder auf diversen bierseligen Partys gewissenhaft erörtert haben. Deswegen johlte das Publikum auch begeistert, als der Autor von den schrecklichen Erfahrungen mit seiner pickligen, bebrillten Tanzschulpartnerin erzählte, und die Mädchen in der ersten Reihe grinsten verlegen und fuhren sich nervös durch die Haare.

Wer aus dem Himmel der Pop-Poeten ein Stockwerk tiefer herabgestiegen war, wurde indessen mit einer wirklich vergnüglichen Lesestunde belohnt. Der Autor Helmut Krausser trug aus seinem Buch "Schmerznovelle" ebenfalls Geschichten vor, die er selbst erlebt hat. Doch während Illies den seichten Alltag eines gestressten Großstadtbürgers wiederkäut, erzählt Krausser Geschichten vom Rand der Gesellschaft.

Von seiner Vermieterin etwa, die mit einem Dackel Gassi geht, der schon seit zwei Jahren weggelaufen ist oder vom Stammgast einer Bratwurstbude, der nach einem "Hausverbot" ausrastet und den Budenbesitzer erschießt. Krausser erzählt diese Geschichten mit der Begeisterung dessen, der genau hinsieht, wenn etwas seltsam ist, und der sich dabei als Erzähler stets selbst ironisch über die Schuler schaut. Ein Dokumentar, kein Selbstdarsteller. Ein seltenes Geschenk an diesem Abend der Lese-Stars.



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