Letzte Ausgabe der "FTD" Im Zeichen des Eigenlobs

Ein wenig geknickt, um Originalität bemüht und verdammt kokett: Die Redaktion der "Financial Times Deutschland" klopft sich in der finalen Ausgabe auf die Schulter: Zwölf Jahre voller Innovationen, Scoops und Wagnisse! Wenigstens soll das Land wissen, was es für ein Kleinod verliert.
Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland": Die Idee war gut, doch die Welt nicht bereit.

Die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland": Die Idee war gut, doch die Welt nicht bereit.

Foto: dapd

"Liebe 'FTD', ich helfe euch gerne beim Einpacken", sagt die Schlecker-Mitarbeiterin, in einer - natürlich fingierten - Anzeige in der letzten Ausgabe der Zeitung, die am Freitag erschienen ist. "Zum Abschied kondolieren wir uns mit Anzeigen anderer großer Pleitiers", kommentiert die Redaktion. Im Januar 2012 hatte die "FTD" die Schlecker-Insolvenz als "hausgemachtes Problem" bezeichnet - ihre eigene defizitäre Lage dagegen findet sie offensichtlich sehr ungerecht - und vergibt in der letzten Ausgabe nur Bestnoten an sich selbst. "Weil wir nach all den Jahren nicht einfach so aufhören können, zeigen wir in dieser Ausgabe noch einmal, was wir alles so drauf hatten und noch draufhätten", schreibt die Chefredaktion im Editorial. "Die Redaktion hat in den vergangenen Tagen eindrucksvoll bewiesen, wie viel Spirit, Kreativität und Haltung in ihr steckt."

Die letzte Ausgabe, die durch Buchstabenauslassung zur "Final Times" wird und einen schwarzen Titel hat, steht gänzlich im Zeichen des Eigenlobs. Unter der Überschrift "Wir haben's gewusst" blättert die Redaktion "eine Auswahl unserer aufregendsten Scoops" auf, sie zeigt die originellsten Illustrationen ("Bevor die FTD auf den Markt kam, waren deutsche Wirtschaftszeitungen bleigraue Blätter") und preist sich für das Wagnis, ihren Lesern Wahlempfehlungen zu geben: Ein "Tabubruch im deutschen Journalismus", den das Blatt im Juni 2012 auf nichtdeutsches Territorium ausweitete, als es den Hellenen in einem auf griechisch verfassten Leitartikel die Wahl der konservativen Nea Dimokratia empfahl. "Wer sich einmischt, bekommt auch Ärger" kommentiert die Redaktion rückblickend das empörte Medienecho aus Griechenland.

In einem finalen Leitartikel mit der Überschrift "Letzter Wille" bescheinigt sich die Dahinscheidende selbst: "Wir waren anders. Frisch, frech, oft vorlaut, manchmal zu laut" und vergibt ein letztes Mal Ratschläge an die Politik - natürlich nicht, "weil wir so wichtig sind - sondern weil wir diese Herausforderungen für so wichtig halten". Die Kurzfassung: Beherztes Eingreifen für den Euro ("Europa hat eine schwere Erkältung, nicht Tuberkulose"), Schulden machen, wenn nötig ("Der Staat muss intervenieren, wenn ein System abstürzt"), Finger weg von den Errungenschaften der Agenda 2010, dafür aber her mit dem Mindestlohn - und dem Energieminister.

Koketter Abschluss

Zum koketten Abschluss verneigt sich die gesamte Redaktion auf einem doppelseitigen Foto und bittet um Entschuldigung - etwa die "liebe(n) Anzeigenkunden, dass wir so kritisch über Eure Unternehmen berichtet haben", oder die "liebe(n) Pressesprecher, dass wir so oft Euren Formulierungsvorschlägen nicht gefolgt sind" und die "liebe(n) Politiker, dass wir Euch so wenig geglaubt haben". Aber, Ehrensache: "Wenn wir noch einmal von vorne anfangen dürften - wir würden es jederzeit wieder genauso machen."

Die Botschaft: Leute, ihr wisst gar nicht, was ihr hier für ein Kleinod verloren habt! Oder um es mit einem ganz alten Song der Hamburger Band Tocotronic zu besingen: "Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit". Mutmaßungen darüber, ob das wirtschaftliche Scheitern einer Wirtschaftszeitung auch publizistische Gründe hat, sucht man in der finalen Ausgabe vergebens. Ökonomie auch populär, bunt, meinungsstark und reporterhaft zu verkaufen: Womöglich war dieses Konzept für die Kernzielgruppe aus Wirtschaft- und Finanzwelt nicht relevant genug. Und die Hoffnung der Nullerjahre auf eine breite Leserschaft aus Kleinaktionären und Ich-AGs hat sich auch nicht erfüllt.

"Deine Mudda liest das Handelsblatt"

Laut "FTD"-Redaktion, so lässt sich zwischen den Zeilen lesen, lag der Misserfolg nicht am Blatt, sondern an den "deutschen Dogmen", die in den Köpfen der inländischen Wirtschaftssubjekte allzu fest verankert sind und damit für den "angelsächsischen Pragmatismus" der Innovationszeitung nicht empfänglich sind. Kurzum: Selber schuld, ihr Nichtleser! Oder wie es auf einem Protestplakat in den Verlagsfluren von Gruner + Jahr heißt: "Deine Mudda liest das Handesblatt."

Dass ausgerechnet "Interim-Management" das Thema der Sonderbeilage der allerletzten Ausgabe ist, ist wohl eine Ironie der Geschichte. "Unternehmen in Schieflage sind ein gut bezahltes Betätigungsfeld" heißt es dort. Die Redaktion der "FTD" hätte bestimmt nichts gegen einen schnittigen Interimsmanager gehabt, der beim Restrukturierungsprozess geholfen hätte. Aber das war ihr nicht vergönnt. Nach zwölf Jahren, in denen die Zeitung nie aus der Verlustzone herauskam - sie soll das Verlagshaus Gruner + Jahr angeblich 250 Millionen Euro gekostet haben - beschloss der Vorstand am 23. November das endgültige Aus.

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