"Die Pest" Wie der Schwarze Tod nach Oberammergau kam

Die Passionsspiele in Oberammergau sind weltberühmt, alle zehn Jahre kommen Hunderttausende Zuschauer. Aber wer kennt die Geschichte dahinter? Das Stück "Die Pest" erklärt alles, was man wissen muss - und stellt die Laiendarsteller auf eine Bewährungsprobe.

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Willst Du was gelten, mach Dich selten! Kaum ein Kulturereignis profitiert so sehr von dem Psycho-Mechanismus, der dieser goldenen Beziehungsregel zugrunde liegt, wie die Oberammergauer Passionsspiele: Nur alle zehn Jahre stellen die Einwohner des Dorfes im Landkreis Garmisch-Partenkirchen die letzten Tage im Leben Jesu nach - und so sind die Beziehungen zu den Besuchern bestens. Im Jahr 2000 kamen mehr als eine halbe Million Gäste, und weniger werden es wohl auch 2010 nicht sein, wenn die Passionsspiele ihre 41. Auflage seit 1634 erleben.


Wer mitwirken will, muss in Oberammergau geboren sein oder seit mindestens 20 Jahren dort leben. Und er muss sich Zeit nehmen für monatelange Proben und eine Saison, die über hundert Vorstellungen zwischen Mai und Oktober umfasst. Eine harte Ausschlussklausel, keine Frage, und doch herrscht kein Mangel an Schauspielern, Sängern, Musikern und all den anderen Helfern: Fast jeder zweite der 5300 Oberammergauer Bürger ist aktiv dabei, ob nun auf oder hinter der Bühne. Das ist Ehrensache.

Die Passionsspiele sind eben ein Mega-Ereignis mit einer Mega-Tradition. Bloß: Wie kam es eigentlich dazu?

Die Antwort gibt das sogenannte Pestspiel, das seit 1933 im Vorfeld der Passionsspiele aufgeführt wird: als Sekundärbrauch, entweder ein oder zwei Jahre vor dem Hauptbrauch. Dieses Mal ist die Premiere am Freitag, 3. Juli.

Das Stück "Die Pest" befasst sich mit den historischen Gründen für das Passionsgelübde, mit der Geschichte des Oberammergauer Tagelöhners Kaspar Schisler: Im Sommer 1633, mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, schuftete er als Knecht bei einem Bauern im benachbarten Eschenlohe. In dem Ort wütete, wie damals in vielen Teilen Bayerns, der sogenannte Schwarze Tod: die Pest.

Dank strenger Wachen an den Ortsgrenzen war Oberammergau bislang verschont geblieben. Doch dann kam Schisler: Der Tagelöhner hatte Sehnsucht nach Frau und Kindern, und so schlich er sich zum Kirchweihfest an den Pestwachen vorbei ins Dorf. Schon am Montag nach der Kirchweih war er tot, bis zum 28. Oktober starben 84 weitere Bewohner. Eine Katastrophe.

In ihrer Not gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu aufzuführen, damit Gott ihr Leiden beende. Seit diesem Tag, so will es die Überlieferung, starb kein Einwohner mehr an der Pest - und die dankbaren Oberammergauer veranstalteten im Folgejahr 1634 erstmals ein Passionsspiel. Bis heute haben sie sich beinahe lückenlos an die Zehn-Jahres-Tradition gehalten.

In das Passionstheater passen fast 5000 Zuschauer; für "Die Pest" jedoch wird eine zusätzliche Wand eingezogen, um den Platz zu begrenzen: Etwa 1400 Gäste finden so pro Vorstellung Einlass - was immer noch immens ist, gemessen an gängigen Stadttheaterdimensionen.

Regie bei den Passions- wie bei den Pestspielen führt der 47-jährige Christian Stückl, ein Oberammergauer Gastwirtssohn, der im Hauptberuf Intendant des Münchner Volkstheaters ist. Und auch die wichtigsten anderen Beteiligten haben große Aufgaben in beiden Inszenierungen: Der Psychologe Andreas Richter, 32, und der Pressesprecher des Volkstheaters, Frederik Mayet, 29, zum Beispiel teilen sich 2010 die Jesus-Hauptrolle, nun spielen sie den Pfarrer und den Totengräber.

Die Proben laufen seit Anfang Mai, und das beinahe täglich. "Für uns wird die Inszenierung so etwas wie ein Vorbereitungsspiel sein, bei dem wir uns aufeinander einstimmen können und an den Raum gewöhnen", sagt Mayet.

Der Sekundärbrauch "Die Pest" ist ihr Gesellenstück, eine genau beäugte Bewährungsprobe - vor allem im Dorf, das für und von den Passionsspielen lebt: Mehrere Millionen Euro soll die Tradition 2010 der Gemeindekasse eintragen.


Die Pest. Premiere 3. Juli, weitere Aufführungen 4., 10., 11., 17. und 18. Juli, jeweils 20 Uhr, Passionstheater Oberammergau, Karten zwischen 19 und 39 Euro, Tel. 08822/92 31 58.



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