S.P.O.N. - Der Kritiker Im Strudel des Strukturwandels

Die Woche der Pressekrise war auch eine Woche der Krise des politischen Journalismus: Medien rackern sich an einer Realität ab, die sie längst abgeschafft haben. Selten zeigte sich das so deutlich wie am Gehechel um eine mögliche schwarz-grüne Koalition.

Was ist Journalismus? Wenn man im Restaurant Borchardt sitzt? Wenn man in den Berliner Nebel schaut, wie er über der Axel-Springer-Straße wabert? Wenn man sich die Welt so klein redet, dass sie noch in jede Koalitionsoption passt?

Es war die Woche der Pressekrise, und es war die Woche, in der der Journalismus, jedenfalls der politische Journalismus, wie er in Berlin oft gepflegt wird, gezeigt hat, warum er eine Krise hat: Ein einziges Delirieren über die Frage, ob bald zwei Pfarrerstöchter aus Ostdeutschland die Republik regieren, wer wohl Finanzminister einer schwarz-grünen Regierung wird, ob das alles das Ende der CDU ist oder der Anfang einer konservativen Revolution.

Es war die Woche, in der der Journalismus an sich selbst scheiterte. "Wer zum Teufel sind Sie", fragte Arno Luik Katrin Göring-Eckardt, als sei es ihre Schuld, dass der "Stern"-Interviewer sie nicht versteht: nicht versteht, dass Glaube nicht an sich konservativ ist; nicht versteht, was es heißt, in der DDR mit einem Vater aufzuwachsen, der "Mein Kampf" las, eingewickelt in das "Neue Deutschland"; nicht versteht, dass Politiker manchmal, Überraschung, nicht so dumm sind, wie Journalisten sie gern machen - mit all diesen albernen, ewigen Diskussionen darüber, wer etwa 2013 mit wem.

Die Berliner Prominenz schweigt auffällig

Besonders lustig oder traurig, man kann das in diesen Zeiten nicht mehr recht sagen, war in diesem Zusammenhang "Die Welt" als Beispiel für die hyperventilierende Hauptstadtpresse: Da wurden auf dem Leitartikelplatz mal wieder fast ausschließlich Fragen beantwortet, die niemand gestellt hatte. An einem Tag war Schwarz-Grün eine "maßgeschneiderte Kooperation", am anderen Tag hieß es, die "Gesellschaftsvision der Grünen ist überholt", beide Texte vom gleichen Autor, aber Meinungen holt man sich ja aus dem Kleiderschrank.

Es ist auf die Dauer kein Spaß, dabei zuzusehen, wie sich Journalisten an einer Realität abrackern, die sie längst abgeschafft haben. Meine Kollegen Lobo und Münchau haben in dieser Woche gut und genau beschrieben, welche strukturellen Gründe es für die Pressekrise gibt - die Willkür, die Selbstbezogenheit, das Gehechel der Spekulationen über Schwarz-Grün sind ein Beispiel für die inhaltliche Krise eines Journalismus, der in Gefahr ist, sich in dieser Form überflüssig zu machen. Das hat schon Züge von Hospitalismus.

Da versichert man sich gegenseitig der Relevanz dessen, was man schreibt. Da ist es ein Zeichen für einen gesellschaftlichen Wandel, wenn Katrin Göring-Eckart ein Holzkreuz auf dem Schreibtisch stehen hat. Da ist die grüne Basis mal fortschrittlicher als die Parteispitze und mal ist die Basis das Problem für eine Partei, die sich noch weigert anzuerkennen, was sich Berliner Journalisten für sie ausgedacht haben.

Eine Krise der demokratischen Öffentlichkeit

Ist das schon Politik? Auffällig war in diesen Tagen ja auch das Schweigen der Berliner Prominenz zur Pressekrise: Das Problem der Journalisten, so scheint es, ist das Problem der Journalisten. Aber ist es so einfach? Warum interessieren sich erste und zweite Gewalt nicht dafür, was mit der vierten Gewalt geschieht? Weil sie zu sehr Teil eines gemeinsamen Systems von Bedeutung und Bedeutungen sind und Angst haben, sie könnten mit hineingezogen werden in den Strudel des postdemokratischen Strukturwandels, in dem sie längst stecken?

Viel wird in diesen Tagen darüber geredet, welche Konsequenzen das Internet für den Journalismus hat - und wenig wird geredet von Originalität, Klugheit, Individualismus, Leidenschaft, Mut. Dabei fehlt das doch, im Journalismus wie in der Politik. Dabei sind es doch die Inhalte, die der Leser sucht, online oder auf Papier - Analysen, die überraschen sollen, Haltungen, die verstören müssen, Geschichten aus einer Welt, die der Leser nicht kennt.

Was also ist eine Nachricht, was ist eine Neuigkeit? Der Philosoph Achille Mbembe, der in Südafrika lebt, hat gerade bei einem Vortrag in Berlin gesagt, dass Europa "zernagt ist von Narzissmus und verletzt durch den historischen Abstieg und sich nur noch um sich selbst dreht" - irgendwie ist das auch ein Bild für die Presse und für die Politik in diesem Land. Je mehr die Welt kracht, desto mehr wird über Schwarz-Grün diskutiert.

Aber Journalismus ist ja kein Selbstvergewisserungsgeschäft. Politik ist es auch nicht. Und die Krise der Zeitungen ist schon auch, so oder so, eine Krise der demokratischen Öffentlichkeit.