S.P.O.N. - Oben und unten Gebt mir Fußball zurück

Ich wünschte, die Fußball-EM würde ewig weitergehen, ich wünschte, es gäbe jeden Abend mehrere Spiele, die Millionen Menschen sich reinziehen, ohne mich.

"Griezmann!"
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"Griezmann!"

Eine Kolumne von


Ich liebe Fußball so sehr, also nicht direkt Fußball an sich, sondern die Zeiten, in denen Fußball-Großereignisse sind. Es sind so glückliche Zeiten und diejenigen Wochen im Jahr, wo ich im völligen Einklang mit dem Universum lebe und mich am allerbesten konzentrieren kann, weil ich durch jeden Verzweiflungsschrei im Hinterhof und jedes Sticker sammelnde Kind, das sich mit einem anderen Sticker sammelnden Kind prügelt, wieder daran erinnert werde, dass es etwas gibt, das meine Seele per Gleichgültigkeit läutert wie ein Aderlass nach Hildegard von Bingen. Fußball ist für mich Detox, Hasch und Ritalin zu gleich, und das muss man erst mal schaffen.

Jemand schreibt auf Facebook "Griezmann!", nur den Namen, mehr nicht, und ich denke, entweder es ist irgendein Intellektueller gestorben, den ich nicht kannte, oder es ist irgendwo ein Tor gefallen oder nicht gefallen. Da kommentiert schon irgendwer und ich sehe: niemand tot, nur Fußball. Es ist egal, so tief und schön egal.

Wenn ich an Fußball denke, tritt eine vollständige emotionale Leere in mir ein, aber nicht im depressiven Sinne, sondern in der sanften Variante der lieblichen Gleichgültigkeit. Ich beginne auf magische Art, alle Religionen und Weltanschauungen zu verstehen, die Askese predigen und die paradoxe Erfüllung, die durch das Nichtkümmern entsteht.

Totenstille im Supermarkt

Wochenlang labe ich mich am Nektar der Indifferenz wie eine rollige Biene, nur ab und zu höre ich irgendwo was über ein gewisses Island, was nicht weiter stört, denn der Gedanke an Island ist angenehm, weil es so weit weg ist und in meiner Vorstellung hauptsächlich aus Schafen besteht, die in einer quasiapokalyptischen Landschaft rumstehen und Nordlichter gucken, und ich weiß nicht, was geiler wäre.

Dann und wann höre ich von irgendwo, Leute hätten Probleme mit einer Frau, die im Fernsehen Spiele kommentiert, die Info blinkt kurz auf wie ein Leuchtturm in weiter Ferne, der mir das Gefühl gibt, ach ja, alles noch da. Mein Job ist gesichert.

Es gibt den Begriff des Happy Place: ein Ort, an den man sich in Glückseligkeit zurückziehen kann. Mein Happy Place sind Fußball-Großereignisse. Es entspannt mich, wenn sich Nachrichtenseiten mit Sätzen füllen wie "Dass Ronaldo so hoch springen kann, hat er auch seiner Schlankheit zu verdanken", das funktioniert bei mir ähnlich wie ein Ausmalbuch für Erwachsene. Auf dem Weg zwischen meiner Wohnung und dem Supermarkt, wo ich einkaufe, gibt es drei Orte, an denen Fußball geguckt wird. Ein Restaurant, eine Shisha-Bar, ein Café. Dreimal egal, dreimal schön. So viele beschäftigte Menschen, die nichts Böses tun. Dann, im Supermarkt: Totenstille. Ich bin die einzige Person, die einkaufen will, es ist, als wäre der Kapitalismus zusammengebrochen und ich hätte es nicht gemerkt.

Überhaupt, das Nichtwissen. Es ist meine liebste Gelassenheitsübung, möglichst lange nicht mitzukriegen, ob EM oder WM ist, und ich bin sehr gut darin. Als ich 9 oder 10 war, fand ich Fußballgucken super und wollte auch immer "ran" sehen, aber das Einzige, was davon geblieben ist, ist die Fähigkeit, das Kinderbild von Mehmet Scholl auf einer Packung Kinderschokolade zu erkennen.

Die komplette Spa-Landschaft für uns allein

Fußball macht alles schön. Einmal sollte ich für die "taz" was über Fußballgucken in einer Kneipe berichten, und weil es eine russische Kneipe war, haben meine Begleitung und ich sechs Sorten russischen Wodka getestet, es war perfekt. Und dann, als WM-Finale war und Deutschland spielte, war ich den ganzen Abend in der Sauna. Mein Freund und ich hatten eine komplette Spa-Landschaft für uns alleine, bis auf ein paar Sauna-Arbeiter, die still hinterm Tresen saßen mit Handy und Ohrstöpseln drin, und zwei andere Leute, die immer am anderen Ende abhingen, und wahrscheinlich fanden die auch, sie hatten alles für sich alleine. Völlig abgeschieden von der Welt nackt mit einem Glas Weizen in einem Whirlpool zu liegen, kommt meiner Vorstellung vom Paradies sehr nahe, und dafür liebe ich Fußball.

Bald werde ich den Schmerz über das Ende der EM mit den Olympischen Spielen dämpfen und weiter harren in seliger Vorfreude auf die nächste EM oder WM, scheißegal, es wird Liebe sein.



insgesamt 189 Beiträge
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Seite 1
andreasclevert 12.07.2016
1. Normalerweise...
...haben Sie Themen, nicht Banalitäten. Sommerloch?
doppelpost123 12.07.2016
2. Jede Woche fünf Minuten (meistens) zum Schmunzeln
Ich liebe diese Schreibe einfach - egal zu welchem Thema und ob ich der gleichen Meinung bin oder nicht ;)
brooklyner 12.07.2016
3.
Hätte mich auch schwer gewundert, wenn Frau Stokowski eine andere Meinung zum Fussball gehabt hätte, wobei sie doch eigentlich aussieht wie Miroslav Klose mit langen Haaren.
Don_Draper 12.07.2016
4. Hm,
was genau liebt der Verfasser denn nun? Das er überall viel Platz hat, weil alle anderen Fußball gucken? Für diese Erkennnis ist der Artikel aber ziemlich lang.
ulf-kirsten 12.07.2016
5.
Toller Artikel...völlig sinnfrei und irrelevant. Als würde Charlotte Roche bei spon arbeiten!
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