Sexismus-Debatte Vergesst Brüderle!

Was geschah genau an der Maritim-Bar? Ist Laura Himmelreichs "Stern"-Text mutig oder perfide? Hat die Journalistin den Politiker nicht sogar kurz vor ihrer Anklage noch angelächelt? Die Debatte läuft schrecklich schief: Denn es gibt keinen "Fall Brüderle". Und schon gar keinen "Fall Himmelreich".
Rainer Brüderle (FDP): Ein schlechter Politiker, weil er ein schlechter Mensch sei?

Rainer Brüderle (FDP): Ein schlechter Politiker, weil er ein schlechter Mensch sei?

Foto: Christian Charisius/ dpa

Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht? "Brüderle und die Reporterin" titelt die "Bild"-Zeitung und veröffentlicht dazu eine Aufnahme des FDP-Spitzenmanns Rainer Brüderle und der "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich, entstanden bei einem Fabrik-Besuch in Osnabrück am 10. Januar. Der Politiker und die Journalistin sehen sich in die Augen und lächeln sich an. Neben dem Foto steht: "Kurz danach erscheint ihr Artikel 'Der Herrenwitz'". Die Botschaft des "Bild"-Titels ist klar: Diese Frau soll ein Opfer sein? Diese Frau soll unter Brüderle gelitten haben? So sieht sie aber nicht aus!

Und überhaupt: War das alles nicht sogar umgekehrt? War es nicht die nassforsche Laura Himmelreich selbst, die Rainer Brüderle nachts während seines wohlverdienten Feierabends an der Bar des Maritim-Hotels in Stuttgart herausgefordert hat? Und hat der arme Mann nicht nur darauf reagiert, womöglich zwar noch dümmer, aber doch nachvollziehbar? Zu diesem Ergebnis kommt eine Textanalyse des "FAS"-Feuilletonchefs Claudius Seidl .

Mal ganz abgesehen davon, dass jemand, der das nächtliche Beisammensein eines Pulks von Politikern und Journalisten an einer Hotelbar für eine private Freizeitbeschäftigung hält, vielleicht mal Urlaub nehmen sollte, weil er offenbar verlernt hat, was Privatleben ist: Die Debatte um den "Fall Brüderle" läuft schrecklich schief. Und zwar von Anfang an.

Ein gleichzeitig sehr guter und sehr schlechter Text

Laura Himmelreich gibt an, nicht auf eine Debatte über Sexismus abgezielt zu haben. Ihre Absicht sei es gewesen, so lässt sie sich vom Deutschlandfunk zitieren,  aufzuzeigen, dass Brüderle ein Politiker sei, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und dass der 67-Jährige nun als Spitzenkandidat der FDP im Wahljahr 2013 ins Rennen geschickt wird - das passe nicht. Die mittlerweile berühmte Bar-Szene, so erklärte es auch der bisher im Kampf um die Frauenrechte eher zurückhaltende "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn bei Günther Jauch, sei nur als Facette gedacht gewesen in der Berichterstattung über Brüderle.

Tatsächlich handelt es sich bei Himmelreichs "Herrenwitz" um ein gleichzeitig sehr schlechtes und sehr gutes Stück Journalismus. Misslungen ist es, weil es vollkommen ohne eine Auseinandersetzung mit den politischen Positionen des Rainer Brüderle und seiner Partei auskommt. Es argumentiert ad hominem, zielt ausschließlich auf die Person: Brüderle ist ein unmöglicher Typ, so die Botschaft, darum ist er auch ein unmöglicher Politiker. Warum sachlich, wenn es auch persönlich geht?

Doch "Der Herrenwitz" ist eben auch ein sehr guter, wichtiger und mutiger Text. Himmelreich thematisiert die Herablassung, die Zoten, die selbstgerechte Übergriffigkeit eines mächtigen alten Mannes gegenüber einer jungen Frau. Sie hat damit - wie sie jetzt sagt, unbeabsichtigt - eine Debatte über alltäglichen Sexismus angestoßen, die offensichtlich sehr viele Menschen bewegt, wie sich nicht nur in der Twitter-Aktion #Aufschrei zeigt.

Auf die Person gezielt

Die Verteidiger Brüderles zielen nun auf Laura Himmelreich, ebenso ad hominem sprechen sie ihr und dem "Stern" die Berechtigung ab, Brüderles chauvinistisches Verhalten zu kritisieren. Himmelreich habe sich, so unterstellt "Bild", doch ein Jahr lang augenscheinlich ganz wohl gefühlt in der Nähe des FDP-Mannes - als ob eine Frau, die sich sexistische Sprüche anhören muss, nur mit Tränen in den Augen angetroffen werden dürfte.

Und der "Stern", das haben ganz Findige recherchiert, hat in der Vergangenheit mehrmals nackte Frauen auf der Titelseite gehabt - als ob die Chefredaktion einer Illustrierten keine Geschichte veröffentlichen dürfte, von der sie ahnt, dass sie ihre Käufer findet. Das ist kein Widerspruch: Beim "Herrenwitz" wie bei den Nackten geht es um die Auflage. Das mag zwar zynisch sein, aber beides ist völlig legitim. (Lustigerweise werden die alten Titelblätter jetzt tausendfach von Anti-Sexisten über Facebook verschickt, damit jeder sich noch mal daran erfreuen, Verzeihung: darüber empören kann).

Doch anders als Himmelreichs Text hat die Argumentation der Brüderle-Verteidiger keinerlei positiven Effekt. Sie ist ein Ablenkungsmanöver. Die Debatte um den "Fall Brüderle" läuft schief, weil es keinen "Fall Brüderle" gibt - denn dafür ist er viel zu alltäglich. Es geht nicht um Rainer Brüderle und schon gar nicht um Laura Himmelreich. Es geht um die Tatsache, dass es im Jahr 2013 immer noch Männer gibt, die meinen, Frauen mit sexistischen Bemerkungen herabwürdigen zu dürfen.

Die Aufregung um Brüderle wird abebben, so wie die um jedes Aufregerthema abebbt - der Sexismus jedoch wird bleiben. Leider ist nicht zu erwarten, dass sich die vielen alten und jungen Sabberer des Landes vom #Aufschrei der Angezoteten wahrhaftig bekehren lassen.

Aber wenn nur einer daraus lernt, dass sich die Frauen nichts mehr gefallen lassen, dass er damit rechnen muss, erwischt und angeprangert zu werden, wenn nur ein Chefredakteur künftig zweimal darüber nachdenkt, wie er den nächsten "Großen Gesundheitscheck" illustrieren lässt, wenn nur ein von der Sexismus-Debatte verunsicherter Vorgesetzter einfach mal die Klappe hält, wenn er im Flur der attraktiven Praktikantin begegnet: dann wäre schon viel gewonnen.

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