Die Simpsons und die Philosophie Ich denke, also caramba!

Erfüllt Bart Simpson Nietzsches Übermenschen-Ideal? Wie steht Homer vor der Aristotelischen Tugendlehre da? Und ist Serien-Schöpfer Matt Groening der legitime Erbe von Sokrates? Fragen über Fragen - Antworten gibt der Essayband "Die Simpsons und die Philosophie".

Von Uh-Young Kim


Wer bietet sich mehr für einen produktiven Flirt zwischen Popkultur und Geisteswissenschaften an als die Simpsons - die dysfunktionale Sippe aus Springfield? Kaum eine andere Serie verhandelt eine so hohe Verweisdichte pro Einstellung und bietet mehr Schnittstellen für soziologische, filmwissenschaftliche, psychologische, philosophische Exkurse an. Außerdem wird der Cartoon mitterweile in mehr als 60 Ländern ausgestrahlt und verewigt sich nach 20 Jahren im Fernsehen nun auch auf der Leinwand als popkulturelle Ikone, als Metakommentar der Gegenwart.

Bart und Homer in "Die Simpsons - der Film": "Obere-untere-Mittelklasse"
20th Century Fox

Bart und Homer in "Die Simpsons - der Film": "Obere-untere-Mittelklasse"

Bei allen Unterschieden haben die Höhlenschatten von Platon und die Strichfolgen des ehemaligen Philosophiestudenten Groening eine grundlegende Methode gemeinsam. Sie reflektieren das Leben, indem sie es in 2D abstrahieren, um erhellende Einblicke in die komplexe conditio humana zu ermöglichen.

Es war also nur eine Frage der Zeit, dass sich die Geisteswissenschaft mit den Simpsons beschäftigt. 13 US-Autoren stellen in "Die Simpsons und die Philosophie" die gelben Zeichentrickfiguren den Ideen der abendländischen Geistesgeschichte gegenüber - und finden Antworten auf zahlreiche existenzielle Fragen.

Dass der Band dabei nicht zur spröden Lektüre für den Akademiker als Nerd wird, ist vor allem den spielerischen Lesarten zu verdanken. Die Beiträge sind dann am besten, wenn die Autoren die Figuren mit all ihren Macken und Widersprüchen ernst nehmen. So analysiert beispielsweise Daniel Barwick leichtfüßig, warum Mr. Burns nie sein Glück finden kann: Für den Prototypen des bösen Kapitalisten stellt das Gute keinen Wert an sich dar, stets misst er allem eine zweckhafte Symbolik bei. An anderer Stelle gelingt über eine Charakterstudie des korrupten Polizeichefs Wiggum eine amüsante Erweiterung der klassischen Auffassung von Heuchelei.

Wunderbare Bluesbruderschaft

Als weniger zugänglich erweisen sich Aufsätze, die erst 20 Seiten lang Fachbegriffe erklären, um etwa das Heideggersche Denken mit Barts abweichendem Verhalten kurzzuschließen - ohne dass dabei ein Funke überspringt. Demgegenüber stehen ausufernde Nacherzählungen einzelner Sequenzen und ganzer Episoden. Dabei ist es doch eigentlich unmöglich, eine Simpsons-Folge nachzuerzählen, ohne sich in ihrem dichten Verweisknäuel zu verstricken. Auch wenn einem dabei nochmal die wunderbare Bluesbruderschaft zwischen der intellektuellen Galionsfigur Lisa und dem Straßenmusiker Bleeding Gums Murphy vor Augen geführt wird.

Hartgesottene Hermeneutiker lässt das entgrenzte Serienpanorama immer wieder ins Leere laufen. Die Ordnung im vielstimmigen Biotop Springfield wird permanent über den Haufen geworfen, um den Fluss in dieser "Milchstraße winziger Informationen" (Roland Barthes) zu beschleunigen und das ohnehin schon überbordende Anknüpfungspotential zu vergrößern. Nur James M. Wallace lässt sich in seinem Essay "Ein Marxist in Springfield" zu einer negativen Kritik hinreißen. Zwar findet er liberale Ansichten und bezeichnet den Trickfilm gar als "Brechtsche Fernsehsendung". Der subversive Gestus jedoch würde unter anderem durch das Bild der Arbeiter als dumme Subjekte oder durch Marges Hausfrauenrolle unterlaufen. Die Familie aus der "Oberen-unteren-Mittelklasse" (Homer Simpson) zementiere somit bestehende Machtverhältnisse.

Dass sich schon aus kulturindustrieller Sicht die gegenkulturelle Position als Wunschdenken entpuppt, haben auch die Herausgeber des deutschen Bands "Subversion zur Primetime – Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft" erfahren. Das nicht gerade für Meinungsvielfalt bekannte Medienkonglomerat Fox, das die Serie zu einer der profitabelsten popkulturellen Marken getrimmt hat, untersagte die Erstveröffentlichung im Jahr 2001 wegen ungeklärter Bildrechte. Umso gnadenloser - und entwaffnender - parodieren die Simpsons-Macher ihren Ausverkauf inzwischen natürlich selbst am besten.

"Baum des Wissens" gefällt

Niemand kommt also ungeschoren davon. "Die Simpsons" greifen von allen Seiten an und entziehen sich der Vereinnahmung durch ideologische Lager und der Dialektik aus Gut und Böse. Zwar bringt die Serie dabei auch narrative Stereotypen hervor, gerade aber der Bruch mit festgeschriebenen Identitäten und anderen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zeichnet den Witz der Serie aus. So entfaltet sich seit 400 Folgen ein Anti-Essentialismus, von dem aus jeder kurzerhand abgewatscht wird, der die eigene Weltsicht zur einzig gültigen erklärt.

Die Folge ist ein fragmentierter Alltag, dessen Mythen und Codes sich verselbständigt haben, um sich ohne Ziel fortlaufend zu potenzieren. Angesichts dieser rasanten Dynamik lavieren die Autoren des Essaybands oft zwischen nerdiger Sympathie und fachlichen Zweifeln. Man fragt sich, ob die zu Rate gezogenen Klassiker der Philosophiegeschichte dieses postmoderne Durcheinander überhaupt noch akkurat erfassen können.

Den abendländischen "Baum des Wissens" haben die Simpsons längst gefällt. Sinnlos toben sie sich auf einer Spielwiese der Diskurse aus, gelangen über Umwege aber doch auch zum Wesen des Lebens. Sicherlich könnte das Handwerkszeug poststrukturalistischer Denker wie Gilles Deleuze und Félix Guattari kongenial durch das vielfältig verflochtene Wurzelgeflecht aus kulturellen Anspielungen und gesellschaftlichen Widersprüchen führen, einzelne Bilder zu einer allgemeinen Theorie der Wahrnehmung zusammenfügen und auch den bisher blinden Fleck der Impulse und Affekte beleuchten.

Denn jenseits der Zitathaftigkeit sind es auch im jetzt anlaufenden Kinofilm wieder die körperlichen Genüsse und Ausbrüche, die die größten Lacher hervorrufen und den Allerweltsmenschen Homer Simpson trotz seiner moralischen Verwerflichkeit so liebenswert und lebensnah machen. Genügend neue Anknüpfungspunkte für eine Fortsetzung der philosophischen Simpsons-Betrachtung ergeben sich quasi von selbst. Ergo: Mission erfüllt.


Irwin, Conrad, Skoble (Hg.): "Die Simpsons und die Philosophie – Schlauer werden mit der berühmtesten Fernsehfamilie der Welt" . Aus dem Amerikanischen von Nikolaus de Palézieux, Tropen Verlag, 256 Seiten, 19,80 Euro



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