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Lokalreporter: Chronist des Absurden

Foto: Tobias Hase/ picture-alliance/ dpa

Lokalzeitungen Jede Kuh eine Top-Story

Das Leben eines Lokalreporters ist eintönig. Der Münsteraner Journalist Ralf Heimann hat die Erfahrungen aus 1001 Ratssitzungen aufgeschrieben. Sein Buch ist eine Hommage an die Provinz - und zugleich eine Abrechnung mit ihr.

Eines vorweg: Den "Borkendorfer Boten" gibt es nicht, aber es gibt Hunderte Blätter, die der fiktiven Zeitung in Ralf Heimanns halbdokumentarischem Buch "Die tote Kuh kommt morgen rein" sehr ähnlich sind. Es sind Lokalzeitungen, die ihren Lesern harmlose Themen und sperrige Texte servieren, Variationen des Immergleichen. Bei Heimann verfasst sie der freie Mitarbeiter Hermann Noltenhans, der über die Eröffnung der Freibadsaison berichtet:

Wer kennt das nicht? Kaum ist der Sommer da, lockt die Sonne die Kinder und natürlich auch ihre Eltern ins Freibad. Aber der Wettergott war in diesem Jahr erneut nicht gnädig.

Wenn Noltenhans reportiert, wird es noch schlimmer:

Gestern traf sich der Borkendorfer Anglerverein von 1947 zu seiner traditionellen Generalversammlung. "Ich begrüße Sie ganz herzlich und möchte direkt zum ersten Punkt der Tagesordnung überleiten", verkündete Karl-Heinz Kramer, Erster Vorsitzender. Im Anschluss erhoben sich die Angler, um der Toten zu gedenken.

Heimanns Buch, das sich auch aus seinen Erfahrungen als Redakteur der "Münsterschen Zeitung" speist, ist nicht nur unterhaltsam, sondern steckt voller kluger Beobachtungen zu den Absurditäten, die Lokaljournalisten verzapfen.

Da wird der Redaktionsfrischling zur grauslichen Karnevalssitzung entsandt und bekommt dort umgehend einen Waschzettel in die Hand gedrückt, verbunden mit der klaren Order: "Dat kannste allet so übernehmen!" Da schreibt ein Redakteur das völlig verunglückte Schützenfest gnadenlos schön, auf dass bloß niemand sein Abonnement kündige. Da tauschen Sportreporter und Kreisliga-Trainer Woche für Woche dieselben Platituden aus, die im Wesentlichen besagen: Ja, wir wollen gewinnen, aber es wird schwierig. Gedruckt werden die Belanglosigkeiten anschließend trotzdem. Und zuletzt bügeln altgediente Schreiber des "Borkendorfer Boten" jegliche Rufe engagierter Kollegen nach mehr Qualität im Blatt ab: "Wir sind ja nicht die 'Süddeutsche'."

Wie hält man das aus?

Der Autor und Lokalredakteur Heimann sitzt an einem Freitagnachmittag, es sind nur noch wenige Stunden bis Redaktionsschluss, in einem Café in der Innenstadt Münsters. Er trägt einen schwarzen Pullover, eine blaue Jeans, seine Haare sind sorgsam verwuschelt, er sieht nicht so aus, wie man sich den klassischen Lokalreporter vorstellt, eher wie ein Feuilletonist der "Zeit". Er trinkt Kaffee, schwarz, und Mineralwasser. Es ist sein erstes Interview, in dem er Antworten geben soll, statt Fragen zu stellen. Ganz wohl ist ihm dabei nicht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Heimann, was sind die drei goldenen Regeln für jeden Schützenfest-Reporter?

Heimann: Erstens: den Alkohol außer Acht lassen. Zweitens: an Übertreibungen sparen. Drittens: nicht boshaft sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen, den Spießbürgern möglichst stark schmeicheln?

Heimann: Ach, das ist gar nicht nötig. Schützenfeste sind ja nichts Böses, im Gegenteil: Sie halten die Dorfgemeinschaft zusammen. Darüber kann man doch ganz sachlich berichten. Dass dabei viel getrunken wird, gut...

SPIEGEL ONLINE: Könnte eine Lokalzeitung wie der "Borkendorfer Bote" eigentlich die Schmiergeldpraktiken von Karnevalsvereinen oder Schützengesellschaften enthüllen?

Heimann: Es käme auf einen Versuch an.

SPIEGEL ONLINE: Warum versucht es kaum jemand?

Heimann: Vielleicht weil nur wenige dazu bereit sind, sich in dem Ort, in dem sie leben, unbeliebt zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Ist diese Nähe zum Leser der Grund, warum viele Lokalzeitungen in Deutschland so beliebig und harmlos sind?

Heimann: Ich weiß nicht, ob das wirklich der Grund ist. Aber es spielt sicher eine große Rolle. Kritisch über Menschen zu berichten, mit denen man ständig zu tun hat, ist jedenfalls schwerer, als man sich das vorstellen mag. Es lebt sich immer schlecht als Nestbeschmutzer. Und für den wird man schnell gehalten.

SPIEGEL ONLINE: Will der Leser einer Lokalzeitung keinen kritischen Journalismus?

Heimann: Doch, das glaube ich schon - aber in Maßen. In kleinen Gemeinschaften ist der Zusammenhalt hoch, was für den Reporter bedeutet: Mit Kritik trifft er häufig nicht nur den Adressaten, sondern alle. Zudem nimmt die Lokalzeitung eine besondere Position ein. Je kleiner das Dorf, desto größer die Identifikation mit ihr. Die Lokalzeitung ist für viele noch immer das, was für andere heute soziale Netzwerke sind: Lieferant von Nachrichten, aber auch Heimat.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat die Lokalzeitung also Zukunft?

Heimann: Das weiß ja leider niemand. Aber auf jeden Fall hat die Lokalberichterstattung Zukunft. Menschen sind neugierig. Menschen lieben Geschichten. Und jeder will doch wissen, was in seiner unmittelbaren Umgebung passiert.