Neuer Intendant in Berlin Die Volksbühne muss sich neu erfinden - mit und trotz Pollesch

Nach viel Aufregung bekommt die Berliner Volksbühne einen neuen Intendanten. Doch wer jetzt jubelt und glaubt, mit René Pollesch gehe es einfach zurück in die glorreiche Castorf-Zeit, täuscht sich.
Neuer Volksbühnen-Intendant Pollesch

Neuer Volksbühnen-Intendant Pollesch

Foto: imago images/ DRAMA-Berlin.de

Der Jubel der Volksbühnen-Nostalgiker, die sich nun auf Kanälen wie Twitter und Facebook triumphierend über einen vermeintlichen Sieg beeumeln, ist ein Irrtum. Es stimmt, dass der Regisseur und Dramatiker René Pollesch das berühmte Theaterhaus am Berliner Rosa-Luxemburg-Platz im Jahr 2021 übernehmen soll - das hat der hauptstädtische Kultursenator Klaus Lederer  (Die Linke) heute bei einer Konferenz offiziell verkündet.

Die Entscheidung ist wenig überraschend, sie ist auch vernünftig. Es ist erfreulich, dass Pollesch die Schauspielstars Kathrin Angerer, Martin Wuttke und Fabian Hinrichs und wohl auch Sophie Rois und Alexander Scheer an die Volksbühne zurückbringen wird.

Aber sie bedeutet keineswegs, dass die Berliner Volksbühne nun da weitermachen kann, wo sie im Sommer 2017 nach dem erzwungenen Abschied von Frank Castorf als Intendant aufgehört hat. In den 26 Jahren der Castorf-Intendanz war Pollesch einer der wichtigen Regisseure des Theaters. Trotzdem wird er nun sich und die Volksbühne komplett neu erfinden müssen.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Foto: Schöning/ imago images

Das liegt zum Ersten daran, dass eine Rückkehr Frank Castorfs an die Volksbühne nicht unmöglich, aber keineswegs ausgemacht ist. Castorf hat, seit er seinen Job an den umstrittenen und schon 2018 kläglich gescheiterten Belgier Chris Dercon abgeben musste, in vielen anderen Theatern inszeniert, in Berlin am Berliner Ensemble. Er ist 67 Jahre alt, sein Verhältnis zu Pollesch ist, nach allem was in der Hauptstadt zu hören ist, extrem unterkühlt.

Theaterkapitän Castorf als besserer Matrose?

Vor allem aber besitzt Castorf ein hoch entwickeltes Bewusstsein für seine eigene Rolle in der Theatergeschichte: Seine Volksbühnenjahre sind schon jetzt kanonisiert als prägende Bühnenarbeit des vergangenen Vierteljahrhunderts. In denen hat Castorf das Haus zum "Panzerkreuzer" der wilden Kerle stilisiert und selbst den Theaterkapitän einer Piratenschaluppe gespielt, deren Besatzung sich den Leuchtschriftzug "Ost" auf den obersten Masten gepinnt hatte. Warum soll der alte Schiffslenker Castorf nun unter dem neuen Kommandanten Pollesch als besserer Matrose anheuern?

Zum Zweiten muss Pollesch, 56, neu anfangen, weil er bisher fast ausschließlich als genialer und genialischer Einzelgänger aufgetreten ist. Pollesch hat als Regisseur und Dramatiker eine eigensinnige Handschrift zu bewundernswerter Perfektion entwickelt. Aus theoretischen Fremdtexten zu soziologisch, philosophisch und politisch brisanten Themen wie Mietwucher, prekären Arbeitsumständen und Geschlechteridentität destilliert Pollesch bis heute ein kluges Diskurstheater mit meist grandios animierten Schauspielerinnen und Schauspielern.

Als Teamarbeiter und Ermöglicher ihm fremder Theaterästhetiken hat sich Pollesch dagegen bisher kaum hervorgetan. In den Nullerjahren, in denen er in Berlin den sogenannten Prater, die Nebenspielstätte der Volksbühne, leitete, durften dort vor allem Kolleginnen und Kollegen aus der Gießener Hochschule für Angewandte Theaterwissenschaften auftreten, an der Pollesch selbst gelernt hat. In den Jahren seither hat er seinen Ruf als Egomane und Einzelkämpfer noch gestärkt - als Chef des großen Theaterhauses Volksbühne muss er anders auftreten.

Dörrs Erfolge erhöhen die Ansprüche an Pollesch

Zum Dritten wird die Öffnung und Profanisierung der Volksbühne, die der aktuelle, nach Dercons Scheitern bestellte Volksbühnenleiter Klaus Dörr derzeit betreibt, die Neukonzeption des künftigen Intendanten Pollesch mitbestimmen. Dörr hat das Theater mit Gastspielen aus anderen Städten finanziell auf Kurs gebracht. Er hat Regisseurinnen und Regisseuren wie Susanne Kennedy und Kay Voges einen prominenten Hauptstadtspielplatz eingerichtet.

Er hat ein bis 2021 residierendes Interimsensemble ans Haus geholt. In dem mischt zum Beispiel die Schauspielerin Jella Haase mit, der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson amtiert als Schauspieldirektor. Je größer der Erfolg des ehrgeizigen Kurzintendanten Dörr sein wird, desto höher werden die Ansprüche an seinen Nachfolger Pollesch.

Pollesch-Inszenierung "House for Sale" an der Volksbühne (2014, mit Sophie Rois, Mira Partecke und Christine Groß)

Pollesch-Inszenierung "House for Sale" an der Volksbühne (2014, mit Sophie Rois, Mira Partecke und Christine Groß)

Foto: imago images/ DRAMA-Berlin.de

Für Dörr, 57, ist die Entscheidung des Kulturpolitikers Lederer, ihn nicht über 2021 hinaus weiterzubeschäftigen, sicher eine Niederlage. Für alle, die sich eine Frau als Leiterin der Volksbühne gewünscht haben, die derzeitige Gorki-ChefinShermin Langhoff zum Beispiel oder die Regisseurin Karin Henkel, ist die Bestellung Polleschs gleichfalls eine Enttäuschung. Im Juni 2019 kann man es ein bisschen langweilig finden, dass nun klar ist, was sich schon seit Monaten abgezeichnet hat - möglicherweise ist die Bestellung Polleschs trotzdem vollkommen richtig.

"Ich kann mich nicht formen, damit ich irgendwo reinpasse, auch nicht in eine scheinbar integre Bewegung", hat der Regisseur René Pollesch mal in einem Interview über seine Unfähigkeit zur Gemeinschaft gesagt. Man muss hoffen, dass er es als Intendant der Berliner Volksbühne schafft, eine eigene, neue, künstlerisch möglichst diverse Bewegung in Gang zu setzen.

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