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Spanische Grippe: Das Jahr des Todes

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Umbruchsjahr 1918 Als die Welt fieberte

Bis zu 100 Millionen Menschen raffte sie dahin: Laura Spinney analysiert, warum wir den Ersten Weltkrieg nicht ohne die Spanische Grippe verstehen können. Ein Perspektivwechsel, so brillant wie überfällig.

Wenn ein Kanzler eine Revolution verpennt, muss er ziemlich gute Gründe haben. Und die hatte Prinz Max von Baden: Er lag zwei Wochen danieder, eineinhalb Tage angeblich bewusstlos im Delirium. Als er Anfang November 1918 aus dem Dämmer erwachte, starteten die Matrosen in Kiel gerade ihren Aufstand. Eine Woche später war es vorbei mit dem deutschen Kaiserreich, war der Erste Weltkrieg vorbei. Und der Prinz, den Kaiser Wilhelm II. erst vor einem Monat als Reichskanzler eingesetzt hatte, war ans Bett gefesselt. Er hatte sich die Spanische Grippe eingefangen.

100 Jahre nach der Revolution richtet die britische Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt, der bei der Aufarbeitung der politischen Umstürze bislang wenig beachtet wird: Sie deklariert 1918 zu dem Jahr, in dem "Die Welt im Fieber" lag: Während in Europa und Nordamerika der Krieg, die Revolution, das Kriegsende im Fokus stand, war es für Südamerika, Südostasien, China, den Mittleren Osten das Jahr des Todes.

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Spanische Grippe: Das Jahr des Todes

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Die drei Wellen der Pandemie brachten 50 bis 100 Millionen Menschen weltweit um - mehr als die Soldaten zwischen Deutschland, Frankreich, Österreich und dem Rest; zwischen 2,5 und fünf Prozent der Weltbevölkerung, rechnet Spinney vor. Gerade dort, wo Menschen geballt aufeinandertrafen, in Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern, steckten sich auf einen Schlag zahlreiche Menschen an, über winzige Tröpfchen, die beim Niesen oder Husten ausgestoßen werden.

"Es lasst sich kein effektiverer Verbreitungsmechanismus denken", schreibt Spinney, "als die Truppendemobilisierung mitten in der Herbstwelle, als zahllose Soldaten in sämtliche Himmelsrichtungen in ihre Heimat zurückfuhren und dort von ekstatisch jubelnden Menschenmengen empfangen wurden."

Informationsblasen zum Platzen bringen

Ihr Perspektivwechsel ist so brillant wie überfällig: Spinney führt uns vor, wie verschoben unser eurozentrischer Blick immer noch ist. Sie zeigt, wie sich eine Krankheit verbreitete, den Lauf der Geschichte beeinflusste, den Ersten Weltkrieg, die Kunst, das Gesundheitssystem. Und enthüllt Langzeitfolgen einer kolonial geprägten Geschichte: Historisch wahr ist, was diejenigen erzählen, die die Erzählmacht haben.

Ihr Buch bringt damit auch Informationsblasen zum Platzen, die um einiges älter sind als die Echokammern von Social-Media-Kanälen. Erst 1998, auf der Konferenz zum 80. Jahrestag, mussten die Teilnehmer eingestehen, dass fast nichts über die Ereignisse "in weiten Teilen der Welt" bekannt war. Das Ausmaß der "Spanischen Grippe" sei in Europa eine Art Schwarzer Schwan gewesen: kennt man nicht, glaubt man nicht. 

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Spinney, Laura

1918 - Die Welt im Fieber: Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte

Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 384
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01.12.2022 02.09 Uhr

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Spinney erklärt die weltumspannende Pandemie zum Paradebeispiel dafür, wie leichtfertig und brutal willkürliche Definitionen Gesellschaften prägen. Das fängt schon beim Namen an: Die "Spanische Grippe" entstand eben nicht in Spanien. Allerdings hatten alle anderen Länder, weil kriegsbeteiligt, eine Nachrichtensperre verhängt, sodass Meldungen über die Krankheit nicht zirkulieren konnten. Im neutralen Spanien jedoch berichtete die Presse umfassend.

Ein Prinzip des Ausblendens, das sich in der Ideologie der damaligen Gesundheitspolitik fortsetzte: Schuld an der Grippe-Pandemie waren immer die anderen. Die Soldatensklaven, die man aus China verschleppte, die Migranten aus Italien, die Dienstboten. Aber nie die engen, überfüllten Räume, die unhygienischen Zustände. Die existenzielle Not der ärmeren Schichten spitzte sich dadurch noch zu: in Europa der ideale Nährboden für eine Revolution von unten. "Das ist keine Grippe, kein Frost, keine Phthisis / das ist eine deutsche politische Krisis", dichtete Tucholsky damals.

Spinney, die als Wissenschaftsjournalistin u.a. für "National Geographic" schreibt, macht sich dabei nicht gemein mit einer Lesart, sondern benennt die Alternativthesen: Welcher Kranke Patient null war, ist umstritten, ebenso, wie genau Kriegsverlauf und Grippe zusammenhängen (Spoiler: viele Soldaten waren von Tuberkulose geschwächt). Und, was die Details der Friedensverhandlungen - und damit, zwei Schritte weiter, eine Grundlage für den Erfolg der Nationalsozialisten damit zu tun haben, dass US-Präsident Woodrow Wilson ans Bett gefesselt war. Es ist das schnörkellose Prinzip des journalistischen "Was wir wissen - und was nicht", das ihre Analyse so glaubwürdig macht.

Vor allem aber liefert Spinney eine nüchterne Erklärung für die bis heute so verzerrte Erinnerung. Die Krankheit selbst mag mit schuld sein: Damit ein Ereignis im kollektiven Gedächtnis verankert wird, darf es nicht so zerfasert sein wie eine Grippenseuche, die zweieinhalb Jahre in Wellen um den Globus schwappte. Abgebildet wurde sie damals nur in der Kultur: In den ersten Horrorfilmen und in den düster delirierenden Werken von W.B. Yeats, Apollinaire, Kafka - sie entstanden beeinflusst vom Fieberkoma.

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