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Gudrun Pausewang: Warnerin vor der "Wolke"

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"Die Wolke"-Autorin Pausewang Solange ich lebe, werde ich warnen

Was geschieht in Deutschland beim Super-GAU? Gudrun Pausewang schrieb mit "Die Wolke" einen Jugendbuch-Klassiker, der angesichts der Katastrophe in Japan hochaktuell ist. In einem Gastbeitrag fordert sie die Befürworter der Atomkraft heraus: Zeigen Sie Verantwortung!

In meiner Jugend galt für Autoren von Kinderbüchern das ungeschriebene Gesetz: In Kinderbüchern muss die Welt "heil" sein. Die Guten mussten belohnt, die Bösen bestraft werden, und am Ende des Buches mussten sich alle Probleme in einem Happy End auflösen.

Doch die Welt, das sehen wir jetzt leider wieder einmal in Japan, ist nicht heil.

Ich, in materiell armen Verhältnissen aufwachsend, wusste das mit etwa sieben oder acht Jahren. Deshalb fühlte ich mich von den Autoren solcher Bücher nicht ernst genommen. Und ich nahm mir vor: Sollte ich je Schriftstellerin werden, wollte ich meine Leser ernst nehmen, egal, ob sie 6, 16 oder 60 Jahre alt sind. Ich bin Schriftstellerin geworden, und ich nehme meine Leser ernst!

In dem Buch "Die Wolke" mute ich jungen Lesern viel zu, weil ich darin die Folgen einer Reaktorkatastrophe beschreibe, nicht unähnlich der, wie sie jetzt tragischerweise Japan ereilt hat. Und ich kann nur hoffen, dass den Japanern so schlimme Folgen erspart bleiben, wie ich sie in meinem Buch beschrieben habe.

Ich wurde 1928 im Sudetenland geboren, das Hitler im Oktober 1938 "heim ins Reich holte", bin also Zeitzeuge der nationalsozialistischen Diktatur. Von meinem 10. bis 17. Lebensjahr gehörte ich Nazi-Jugendorganisationen an; eine Pflicht für "arische" junge Menschen. Der Hitler-Staat erzog uns zu begeisterten Nationalsozialisten. Ja, er lieferte uns sogar den Sinn des Lebens: Du bist nichts. Dein Volk ist alles.

Ich glaubte an Hitler und seine Botschaft bis zuletzt. Erst Jahre nach dem Krieg begriff ich langsam, dass es nicht genügt, sich alle vier Jahre an der Wahlurne fragen zu lassen: Wie hätten Sie's denn politisch gerne? Sondern, dass man sich als Bürger eines einigermaßen funktionierenden demokratischen Systems ständig mitverantwortlich für die Politik seines Landes und damit auch für das Wohlergehen seiner Mitbürger zu fühlen hat.

Das sind die beiden Hauptgründe dafür, dass ich "Die Wolke" schrieb: Ich nehme meine Leser ernst. Und ich nehme die Demokratie ernst. Dazu kommt: Ich möchte mich nicht von meinen Enkeln und Urenkeln fragen lassen (so, wie die Enkel und Urenkel nach der Nazi-Zeit ihre Eltern fragten): "Und du? Warum hast du nichts dagegen getan?"

Ich möchte ihnen antworten können: "Im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten habe ich versucht, etwas gegen die Gefahren unserer Zeit zu tun!"

Die vier Hauptthemen meiner Schriftstellerei sind:

  • Nie wieder Krieg

  • Nie wieder Diktatur

  • Elend in Südamerika (Ich habe insgesamt mehr als zwölf Jahre dort gelebt)

  • Schutz unserer Natur

Schon in den Siebzigern hatte ich mich über das Für und Wider der Atomindustrie informiert, hatte erfahren, wie gefährlich sie werden kann. Aber noch fünf Minuten vor der ersten Tschernobyl-Katastrophenmeldung hatte ich nicht im Traum daran gedacht, ein Buch wie "Die Wolke" zu schreiben.

Aber als dann eine Horrormeldung nach der anderen durch die Medien kam und auch Mitteleuropa unter den Folgen zu leiden hatte, habe ich mir natürlich vorgestellt, welche Folgen entstünden, wenn so eine Reaktorkatastrophe nicht 1500 Kilometer von unseren nationalen Grenzen in einer dünn besiedelten Gegend, sondern mitten in unserer dichtbesiedelten Bundesrepublik geschähe, die ja, und das nur nebenbei, weit weniger dichtbesiedelt ist als das jetzt so schrecklich betroffene Japan.

Ich dachte also: Man muss davor warnen! Da es aber zu dieser Zeit schon entsprechende Literatur für Erwachsene gab, entschloss ich mich, eine Anti-Atom-Warnung für Jugendliche (nicht für Kinder!) zu schreiben. Denn auch sie haben ein Recht darauf, zu wissen, was ihnen und uns allen gefährlich werden kann - und wie. So entstand "Die Wolke".

Sie hat Glück, sie überlebt - aber was kommt dann?

Darin schildere ich die Situation einer 14-jährigen Jugendlichen, die gerade in der Schule ist, als die Sirene heult - Atomalarm. Im Buch heißt das Mädchen Janna-Berta - es könnte dieser Tage aber auch vielleicht Miyu heißen oder Nanami. Ihre Eltern sind nur für zwei Tage verreist. Sie ist für ihren achtjährigen Bruder verantwortlich, der ebenso wie sie und alle anderen Schüler sofort heimgeschickt wird. Niemand ist wirklich auf so eine Situation vorbereitet - auch nicht die Politiker. Die Informationen aus den Medien widersprechen einander, die Folgen der Katastrophe werden von vielen Seiten heruntergespielt, kurz: Es passiert das, was sich jetzt teilweise auch in Japan ereignet.

Vor allem die Folgen einer "Reaktorhavarie" wollte ich deutlich machen und vor ihnen warnen, zum Beispiel vor dem Entscheidungszwang der Betroffenen: bleiben oder flüchten? Chaos auf den Straßen und in den Bahnhöfen. Ängste von Schwangeren: Wird mein ungeborenes Kind Schäden davontragen? Nur unverstrahlte Lebensmittel sind zum Verzehr geeignet. Bald wird das Essen knapp. Turnhallen werden umfunktioniert zur Unterbringung von Evakuierten. Tausende von Kontaminierten werden in Nothospitälern untergebracht, sie leiden an Verdauungsbeschwerden, verlieren ihr Haar. Viele sterben.

Einige dieser Folgen kennen wir jetzt schon ansatzweise aus Japan, andere werden die Menschen dort hoffentlich nie erleben.

Ich habe mir dieses Szenario nicht komplett ausgedacht. Die "Ärzte gegen den Atomtod" haben schon Ende der Siebziger ein Heftchen verteilt, in dem die Gefahren einer atomaren Verstrahlung populärwissenschaftlich erklärt worden sind. Daraus habe ich die Folgen hinsichtlich der menschlichen Gesundheit entnehmen können, und Holger Strohm schrieb mehrere Bücher zu dem Thema "Atomgefahr". Darin begegnete ich den Folgen hinsichtlich der Verstrahlungsintensität, der Lebensmittel- und Wasserverknappung, der Evakuierungsprobleme, der Wirkung auf die Volkswirtschaft.

Ich vergaß auch nicht, soziologische Folgen zu schildern: Das Volk teilt sich in zwei Gruppen. Ich meine nicht die Teilung in Arme und Reiche, die uns ja schon jetzt Probleme bereitet. Sondern hier die Noch-mal-Davongekommenen, dort die Opfer. Die erste Gruppe schaut auf die zweite herab. Das wissen wir Alten noch aus der Nachkriegszeit. Die Opfer schließen sich zusammen.

Ich wählte für meine Warnung mit voller Absicht nicht die Form eines Sachbuchs, sondern die eines Romans. Denn der Mensch ist am ehesten über Emotionen zu motivieren.

In meinem Buch bleibt von der ganzen Familie nur die 14-jährige Protagonistin übrig. Sie hat Glück, sie überlebt. Aber vielleicht wird sie eines Tages Kinder mit starken Behinderungen gebären. Und dann wird ein Kind, das noch nicht einmal geboren ist, unter dem leiden, was alle Befürworter der Atomkraftnutzung angerichtet oder doch zumindest zugelassen haben.

Machen die Befürworter sich klar, dass sie auch dafür die Verantwortung übernehmen?

Können sie das überhaupt?

Solange ich lebe, werde ich warnen!