"Die Zeit" Trauer um Marion Gräfin Dönhoff

Marion Gräfin Dönhoff, die große Dame des politischen Journalismus in Deutschland, ist im Alter von 92 Jahren gestorben.

Dönhoff war gemeinsam mit Altbundeskanzler Helmut Schmidt Herausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit". Wie das Blatt mitteilte, starb sie am frühen Montagmorgen nach längerer Krankheit im Kreis ihrer Familie auf Schloss Crottorf im Siegerland. "Zeit"-Chefredakteur und Mitherausgeber Michael Naumann erklärte, die Redaktion habe "mit großer Trauer und Bestürzung" auf die Nachricht vom Tod der Publizistin reagiert.Die Grande Dame des deutschen Journalismus wurde am 2. Dezember 1909 auf dem Familiensitz Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Der Vater August Karl Graf Dönhoff war Mitglied des Preußischen Herrenhauses und Reichstagsabgeordneter, ihre Mutter Ria von Lepel Palastdame der Kaiserin Auguste Viktoria.

SPIEGEL TV Interview: Dönhoff über Kindheit und Jugend und ihre Heimat Ostpreußen
Nach Abschluss der Hochschulreife in Potsdam studierte Dönhoff Volkswirtschaft in Frankfurt am Main. Die Machtergreifung im Jahre 1933 trieb die als "rote Gräfin" bekannte Gegnerin des NS-Regimes nach Basel, wo sie 1935 zum Dr. rer. pol. promovierte. Ausgedehnte Reisen führten sie durch Europa, Afrika und die USA, bevor sie 1938 die Verwaltung des Familiengutes in Ostpreußen übernahm. Von 1940 bis 1945 war Dönhoff als Kurier und Verbindungsfrau im Widerstand aktiv. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler wurde sie von der Gestapo verhört, aber wieder freigelassen.
Teil 2 des Interviews: Die Gräfin über den Widerstand gegen die Nazis und das Attentat auf Hitler vom 20. Juli
Bei Einmarsch der sowjetischen Truppen im Januar 1945 verließ Dönhoff das heimatliche Gut in Ostpreußen. Spätestens seit der Veröffentlichung ihres Buches "Namen, die keiner mehr kennt: Ostpreußen, Menschen und Geschichte" (1962) ist die Geschichte ihrer Flucht in Richtung Westen legendär. Sieben Wochen war die Gräfin 1945 zu Pferde unterwegs und landete schließlich in Hamburg und, wie sie selbst einmal zugab, "eher zufällig im Journalismus".1946 trat sie in die Redaktion der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit" ein und wurde 1955 Ressortleiterin für Politik sowie stellvertretende Chefredakteurin. Ihre Artikel zu Erfahrungen im Widerstand machten sie ebenso bekannt wie ihre harsche Kritik an Adenauer, die sie in der 1963 veröffentlichten Aufsatzsammlung "Die Bundesrepublik in der Ära Adenauer - Kritik und Perspektiven" formulierte. Die Verfasserin von mehr als zwanzig Büchern engagierte sich für eine versöhnende Haltung in der Ost-Politik und die deutsche Wiedervereinigung - eine Haltung, die 1971 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt wird. Am 1. Juli 1968 übernimmt sie die Chefredaktion der "Zeit", deren Herausgeberin sie 1972 wird.Willy Brandt lud sie 1970 ein, ihn zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages zu begleiten, sie lehnte das Angebot jedoch ab. Noch im selben Jahr präsentierte Dönhoff eine Zusammenfassung ihrer außenpolitischen Ansichten: "Deutsche Außenpolitik von Adenauer bis Brandt. 25 Jahre miterlebt und kommentiert". 1976 publiziert sie mit "Menschen, die wissen, worum es geht" siebzehn Porträtstudien zu politischen Schicksalen aus der Zeit von 1916 bis 1976.Ob historische Analysen des eigenen Landes ("Von Gestern nach Übermorgen. Zur Geschichte der Bundesrepublik Deutschland") oder der amerikanischen Außenpolitik ("Amerikanische Wechselbäder. Beobachtungen und Kommentare aus vier Jahrzehnten") - immer ist ihr Blick zurück geprägt von eigenen Erfahrungen in bewegter Zeit. Neben sieben Ehrendoktorwürden - unter anderem der Columbia University New York und der Georgetown University in Washington - wurden der umtriebigen Gräfin zahlreiche Preise und Auszeichnungen verliehen: Die Stadt Herdecke ehrte sie ebenso wie die Freie und Hansestadt Hamburg oder die Gewerkschaft der Polizei. Dem Theodor-Heuss-Preis 1966 folgten neben vielen anderen der Erasmus-Preis 1979, die Wolfgang-Döring-Medaille 1984 und der Heinrich-Heine-Preis 1988. Die vorläufig letzte Auszeichnung: 1999 erhielt die Gräfin den österreichischen Bruno-Kreisky-Preis für ihre prägende Rolle in der 50-jährigen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.Die zierliche Frau mit den hellblauen Augen - und einer Vorliebe für schnelle Autos - blieb unverheiratet und kinderlos. Zufrieden hatte sie zu ihrem 90. Geburtstag auf ihr Leben zurückgeblickt: "Ich würde alles wiedergenau so machen." Auch im hohen Alter verbrachte die große Publizistin, die von ihren Kollegen stets respektvoll "die Gräfin" genannt wurde, noch immer viele Stunden an ihrem Schreibtisch im Hamburger Verlagsgebäude am Speersort.

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