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"Dies irae": Tag des Zorns, Abend der Enttäuschung

Foto: Matthias Horn / Burgtheater

Endzeitoper am Burgtheater "Wo war jetzt da der Porno?"

"Fridays for Future"-Demos sind dystopischer: Kay Voges inszeniert am Wiener Burgtheater die vermeintliche Endzeitoper "Dies irae" mit viel Pathos und nur wenig Sex.

Da hatten sich die Wiener einmal wieder einen richtigen Theaterskandal gewünscht - und nichts war's. Dabei raunte, lechzte gar der Boulevard im Vorfeld der Premiere der als "Endzeitoper" getarnten Produktion "Dies irae" im anscheinend unbefleckten Burgtheater: Ein leibhaftiges Paar aus der "Sex-Positive-Szene" war angekündigt, das live gefilmt den Geschlechtsverkehr verrichten sollte! Kamerateams holten vor der Vorstellung erregt Meinungen des Publikums ein, "echte Sexszenen" hatte der ORF versprochen, der "Kurier" kommentierte ("Jö, schau! Ein Nackerta im Burgtheata") ungesehen einen "billig zu habenden Kulturaufreger".

Doch dann sah man nur im langsamen Rhythmus der Drehbühne und in gediegenem Ambiente halbnackt eine Frau (unten) und einen Mann (oben) auf den Leinwänden sekundenschnell vorbeikopulieren. "Wo war jetzt da der Porno?", fragte eine noble Dame am Ende neben mir hörbar enttäuscht. Den freilich hatte Regisseur Kay Voges (bei seiner ersten Regiearbeit in Wien) gar nicht im Sinn. Dem eigens engagierten Liebespaar in eindeutigen Positionen kam vielmehr die Aufgabe zu, "den kleinen Tod als gefühlt zeitlosen Moment der Auflösung" zu symbolisieren.

Solcherart philosophisch überhöht und sinnsuchend verdrechselt muss man sich das ganze Unternehmen vorstellen, das Voges adventsresistent dem "Tag des Zorns" gewidmet hat. Nur, so wenig das treibende Duo anstößig ist, so harmlos kommt die Apokalypse über die Zuschauer, die sich doch auf alles gefasst gemacht hatten. Ein Zitatenschatz der letzten Worte, lyrisch mit Melodien verkitscht oder bombastisch aufgeblasen (Musik: Paul Wallfisch), ein Männleinlaufen am Rande des Abgrunds, ein bunter letzter Abend irgendwie, furchterregend wie eine Halloween-Maske: Süßes oder Bitteres?

Von Eden zu Ende

Gerade in Wien, diesem "Aphrodisiakum für Nekrophile" (André Heller), dem Ort, an dem der geniale Karl Kraus "Die letzten Tage der Menschheit" ausgerufen hat, hätte man sich eine tiefer schürfende, auch schmerzliche, eine drängende Auseinandersetzung mit dem Weltuntergang gewünscht. Aber eine Freitagsdemo, bei der sich Schüler die Zukunft düster ausmalen, jagt mehr Schrecken ein.

Stattdessen setzt Voges, der sich seit Jahren bemüht, dem Theater die digitale Wende aufzuzwängen (und der ab 2021 in Wien das Konkurrenzunternehmen Volkstheater leiten wird), auf bilderstarke Überwältigung, auf technische Spielereien, Licht- und Soundeffekte, auf opernsattes, dampfendes Bühnengewitter - auf Ablenkung vom Thema mithin.

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"Dies irae": Tag des Zorns, Abend der Enttäuschung

Foto: Matthias Horn / Burgtheater

Über das ständig rotierende meterhohe Gerüst, das einen Flugzeugrumpf gesattelt hat, geheimnisvoll Zimmer und Gänge, Waschmaschinen und Lampenschirme verbirgt und Räume, in die voyeuristisch die Kameraleute blicken (Bühne: Daniel Roskamp), klettern die Schauspieler in permanentem Auf und Ab und erzählen mal pathetisch, mal witzig, mal drohend, mal schlotternd vom Schrecken des Leidens und der Finsternis. Wer im "Hotel Eden" eincheckt, der kann eben leicht in der Absteige "Ende" erwachen. Beziehungsweise sterben.

Horribler Zitatenwust

Was uns erwartet, wenn wir und die Erde einmal nicht mehr sind - Voges und sein Dramaturg Alexander Kerlin wissen es natürlich auch nicht so genau, aber sie haben im Fundus der literarischen Visionen und Befürchtungen gekramt und den Schauspielern einen horriblen Zitatenwust aus den Federn der üblichen Vergänglichkeits-Verdächtigen mitgegeben.

Von Spielen kann da freilich nur noch bedingt die Rede sein, wenn wie bei der szenischen Lesung immerhin Künstlerinnen und Künstler wie Mavie Hörbiger, Dörte Lyssewski, Barbara Petritsch, Katharina Pichler, Felix Rech oder Martin Schwab völlig unzusammenhängende Texte rezitieren, aus denen sie poetisch lockend, drohend ernst, melodramatisch verrucht und ohne Angst vor Pathos ein bange machendes Gefühl hervorkitzeln sollen.

Nietzsche und Victor Hugo, Primo Levis grauenvolle KZ-Erinnerungen, Walter Benjamins Engel der Geschichte, die biblische Apokalypse natürlich, Jean Pauls "Rede des toten Christus", Hebbel, Breton, Schalamow, Ezechiels Auferstehungsgrusel und sogar Ferdinand Schmalz' "jedermann (stirbt)" werden geplündert, damit der Zorn des Herrn die Menschheit gediegen gebildet trifft.

Zwei wie Wladimir und Estragon

Dazu hat sich Voges ein paar klapprige Rahmenhandlungen einfallen lassen. In einem Flugzeug (selbstredend eine Boeing 737 der Gesellschaft "Air Mageddon"...) im Sinkflug geschehen rätselhafte Dinge, Menschen verschwinden, und ein Paar irrt zwischen Jugend und Alter, eine Frau erleidet eine Sturzgeburt, Selbstmörder überleben, Einsame entzweien sich, zwei wie Wladimir und Estragon mit Knubbelnasen stolpern beim Warten auf Gott und die Welt über philosophisches Gehölz. Und das alles mündet in einen Mysterythriller mit viel Rauch und Lärm, katastrophen-schrill im aufgemotzten Nichts.

Das ziemlich letzte Wort (das Stück dreht sich irgendwie im Höllenkreis und fängt ständig noch mal an) hat dann natürlich Kassandra, die immer schon alles wusste, vor allem das Schlimmste. Nur, was Kay Voges mit "Dies irae", diesem Bilderbuch der Vergänglichkeit, dieser übersättigten Partitur der klugen finalen Worte, dieser wohlfeilen Weltuntergangsmelange eigentlich vermitteln wollte, ist auch ihr nicht klar. Sie wendet sich ab.

Halten wir uns also an den Mann im Video, das über die bühnenbreite Leinwand flimmert: Der fällt zu Beginn vom Himmel und stürzt am Schluss wieder nach oben. Alles auf Anfang, wenn es ums Ende geht? Bisschen wenig für einen Skandal - ohne Sex und Sinn.


"Dies irae". Burgtheater Wien, nächste Vorstellungen am 21. und 28.12. sowie 6., 9., 15. und 23.1.

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