Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Eine Reise ans Ende des Verstandes

Adolf Hitlers "Mein Kampf" ist ein Comicbuch mit 80 Millionen Toten. Wenn es nun, 70 Jahre nach dem Tod des Autors, wieder gedruckt werden darf, dann zeigt sich nur, wie falsch es war, dieses Buch zu verbieten.

Denn Bücher sind nicht böse. Menschen sind böse. Bücher sind nicht gefährlich. Menschen sind gefährlich. Bücher töten keine Menschen. Menschen töten Menschen.

Bücher sollten nie verboten werden, denn diese Art von Verboten sind Zeichen von Angst und Schwäche. Demokratien verbieten keine Bücher und keine Gedanken. Diktaturen tun das.

Vielleicht ist das Verbot erklärbar aus der Panik, die die Deutschen ergriff, als sie 1945 nach dem Sieg der Alliierten in den Spiegel blickten und ein Volk von Mördern sahen. Man konnte nicht alle bestrafen. Also bestrafte man dieses Buch.

Aber die, die "Mein Kampf" gelesen hatten, trugen die braunen Gedanken im Kopf herum, und manche blieben Nazis, auch ohne Reich. Sie schwiegen oder brummelten, sie schlugen ihre Kinder oder sammelten Waffen, sie verwünschten die Demokratie und starben verbittert.

Das Verbot des Buches setzte die Fixierung auf Hitler fort und auch die Dämonisierung. Es ging dabei natürlich auch um Schuld. Es war aber nicht Hitler allein. Es waren Millionen von Deutschen, die zu Tätern wurden.

Unverständnis schafft Zorn

Wenn man verstehen will, wie Menschen zu Mördern werden, muss man die bestürzende Studie "Ganz normale Männer" von Christopher Browning lesen. Wenn man verstehen will, wie Menschen fabrikmäßig mordeten, muss man Nikolaus Wachsmanns eindrucksvolles Werk "KL" lesen, das im Frühjahr auf Deutsch erscheint.

"Mein Kampf" erzählt eine andere Geschichte. George Orwell hatte schon 1940 in seiner Rezension der englischen Ausgabe das "erbärmliche, hund-gleiche Gesicht" fasziniert, mit dem Hitler den Leser auf den ersten Seiten des Buches anstarrt.

Einen Märtyrer sah Orwell dort, Christus-gleich, ein Opfer, einen Mann, der unter "unerträglichen Schandtaten" leidet. Der Zorn dieses Mannes ist der Zorn auf sich selbst, ist der Hass auf eine Welt, die ihm seinen Platz verweigert und die zu kompliziert ist, als dass er sie versteht.

Und so ist "Mein Kampf" vor allem ein Werk des Reduktionismus, das ist das Comichafte daran. Die Welt ist für jeden Menschen undurchschaubar, aber manche Menschen treibt das in die Raserei.

Hitler formte aus Bruchstücken von Raunen, Biologie, Mythologie und Übertreibung ein fanatisches, grausames Weltbild. In den stumpfen Sätzen von "Mein Kampf", die die dauernden Kränkungen dieses Mannes auf jeder Seite spüren lassen, entfaltet sich der ganze germanische Wahn.

Wer einen Eindruck davon bekommen will, dem empfehle ich die Fassung, die der wunderbare Wiener Schauspieler Helmut Qualtinger 1985 gelesen hat , schnaufend, schwitzend, schön, und die gerade im Suhrkamp-Verlag wieder als DVD erschienen ist.

Es sind 90 Minuten, und sie sind sogar erträglich und manchmal unterhaltsam, weil Qualtinger den Text ernst nimmt, weil er ihn hitlerhaft singt und spuckt, weil er ihn ab und zu augenzwinkernd kommentiert, weil es eine Reise ist ans Ende des Verstandes, ins Dunkelste der Menschen, vorgetragen mit all dem Witz und der Souveränität des denkenden und sprechenden Menschen.

Qualtinger präsentiert den Sieg der Vernunft über das Dunkel, aber er feiert diesen Sieg nicht. Er hört fragend in Hitlers Gebell hinein, er will nicht wissen, wer dieser Mann war, er will wissen, wie irgendjemand diesen Unsinn glauben konnte.

Der germanische Wahn

Und das ist der Unterschied zu all den Psychologisierungen Hitlers, die das deutsche Fernsehen seit vielen Jahren in aller Sinnlosigkeit betreibt, Großschauspieler im Einfühlungsirrsinn, ein Voyeurismus des Grauens, eine Art Täterpornographie, die auf bezeichnende Weise das Gegenstück zum Verbot von "Mein Kampf" ist.

Aber man wird den Horror nicht verstehen, wenn man Hitler versteht. Man wird Hitler nie verstehen, ob man "Mein Kampf" liest oder nicht. Oder jedenfalls wird dieses Verstehen keinen Einfluss darauf haben, wie man die Morde an den Juden sieht und all das andere Grauen, das die Deutschen in Hitlers oder in eigenem Namen begingen.

Man wird aber vielleicht etwas anderes verstehen, wenn man "Mein Kampf" liest, und deshalb ist es gut, wenn dieses Buch nun nicht länger verboten ist: Man kann das Muster des Reduktionismus und der Verschwörung erkennen, damals und heute.

Denn das Buch ist lang, es ist eitel, es ist weinerlich, es ist größenwahnsinnig, es ist dumm - aber es kommt nicht aus dem Nichts und es verschwindet auch nicht im Nichts.

Der Hass auf eine Welt, die nicht homogen ist, der Hass auf Verschiedenheit, der Hass auf den Westen, der Hass auf Amerika, der Hass auf alles, was anders ist, der Hass auf die Schwachen, der Hass auf andere Völker, der Hass auf Fremde, der Hass auf eine kosmopolitische Weltgemeinschaft - all das ist heute wieder aktuell, und wer sich nicht Björn Höcke auf YouTube anschauen will, der kann nun wieder das Original lesen.

Auf Amazon ist "Mein Kampf" in der kommentierten Fassung des Instituts für Zeitgeschichte zwar gerade nicht lieferbar, was aber nicht heißen muss, dass all die AfD-Ortsvereine und die ehemaligen oder gegenwärtigen Thüringer Verfassungsschützer und all die Angstdemagogen in Ost und West nicht schon fleißig vorbestellt haben.

Der Versuch der Verdrängung

Aber die neuerliche Affäre um den Ex-Chef des thüringischen Verfassungsschutz Helmut Roewer, der eigentlich ignoriert werden könnte, wenn er nicht vermeintlich eine so wichtige Rolle bei der Entstehung und beim Schutz des mordenden NSU hätte, diese gerade in einem obskuren Interview geäußerten Worte von Umsturz und Aufstand und preußischem Beamtentum  sind so irre, dass es ganz gut ist, mit "Mein Kampf" nun wieder die Lücke des Irrsinns füllen zu können.

Es gibt eben keinen Neuanfang, nie. Es gibt immer nur Kontinuitäten, und deshalb war das Verbot von "Mein Kampf" auch 1945 falsch. Es war die Behauptung, alles auf Null stellen zu können. Die DDR hat darauf besonders bestanden, sie war in der Selbstmythologisierung das "gute Deutschland".

Die Folgen kann man heute studieren: Es gibt diesen Radikalismus gegen die Demokratie im Osten auch, weil es keinen Konsens der Schuld gab. Der Westen hat nicht alles richtig gemacht, aber die komplizierten gesellschaftlichen Prozesse von Verleugnung, Bezichtigung und Selbsterkenntnis sind nicht ohne positive Folgen geblieben.

Auch das ist eine Kontinuität von West und Ost, die man nun wieder mal betrachten sollte, wo es dieses Buch, na ja, zu lesen gibt.

Orwell nannte Hitlers Vision ein "schrecklich hirnloses Reich, in dem letztlich nichts anderes passiert, als dass junge Männer für den Krieg trainiert werden und stetig neues Kanonenfutter produziert wird".

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Foto: SPIEGEL ONLINE

Es war die Welt als Krieg. Orwell schrieb aber auch, im März 1940, dass man die "emotionale Anziehungskraft" des Buches nicht unterschätzen sollte.