Georg Diez

S.P.O.N. - Der Kritiker Scheinriesin im Reich der Zwerge

Eine Nullpolitikerin regiert Deutschland: Angela Merkel herrscht nach den Gesetzen des technokratischen Zeitalters, ihre Sprache ist steril - wie die der gesamten politischen Klasse. Das ist nicht mehr auszuhalten.

Kann jemand bitte den Bundestagswahlkampf stoppen? Jetzt, heute, bevor noch mehr Plakate gedruckt werden, die niemand sehen will, bevor noch mehr Personen interviewt werden, die nichts zu sagen haben, bevor wir mit noch mehr Phrasen gequält werden, die wir nicht verdient haben.

Die Welt hängt schief in Angeln, aber der Nussknacker von der Opposition fällt aus dem Kajak, der Vizekanzler schwitzt in Bayreuth, die Rothaarige von den Linken ist wie immer seltsam schlecht ausgeleuchtet, und der Kandidat der SPD ist nach langer Zeit mal wieder im Fernsehen - um Norbert Lammert in dieser Plagiatssache zu verteidigen.

Er hatte dabei diese pampige, passiv-aggressive Art, die manche noch vor ein paar Monaten mit Eigensinn und schroffer Unabhängigkeit verwechselt haben. Aber ich will keinen Kanzler, der den Journalisten den Finger abbeißt, wenn sie die falsche Frage stellen, und nachher doch wieder weint.

Ich will allerdings auch keine Kanzlerin, die ins Stottern gerät, wenn man sie fragt, warum sie ihren Job behalten will. Ich will keine Kanzlerin, die ihr Land mag, weil es dort "dichte und schöne Fenster" gibt. Ich will eine Kanzlerin, die auch mal Mittagsschlaf macht.

Der Historiker Timothy Garton Ash hat das Zitat von Angela Merkel gerade mal wieder ins Gespräch gebracht: Sie sei schon froh, dass das Klima in Deutschland so ist, wie es ist, hat Merkel mal gesagt, denn das muss man keine Siesta halten - wie die unglücklichen Spanier.

Es ist, was ist

Timothy Garton Ash hatte auch noch ein paar lakonische grausame Sätze über unsere Politiker parat, die besonders weh tun, weil er sich in seinem Essay über die "neue deutsche Frage" vorher so viel Mühe gegeben hatte, fair und freundlich zu sein.

"Die gesamte politische Klasse in Deutschland spricht diese sterile Lego-Sprache", schreibt er in der "New York Review of Books" , "sie zimmern vorgefertigte Phrasen zusammen aus hohlem Plastik. Die meisten deutschen Politiker fliegen eher allein zum Mond, als dass sie einen bleibenden Satz formulieren."

Wie eigentlich alle, die etwas von Politik verstehen und keinen deutschen Pass haben, sagt auch Timothy Garton Ash, dass Merkel etwas tun muss, um den Euro, um Europa zu retten. Dumm nur, meint er, dass das Land immer provinzieller geworden ist seit der Wende. Dumm nur, meint er, dass niemand mit ein wenig Verstand hier Politiker werden will. Dumm nur, dass "Deutschlands Macht gewachsen ist, während die politische Klasse geschrumpft ist".

Bleibt also sie, die Scheinriesin im Reich der Zwerge. In ein paar Jahren, wette ich, werden sich viele wundern, wie wir auf diese Nullpolitikerin hereinfallen konnte. In der Zwischenzeit allerdings regiert sie uns nach dem Gesetz der reinen Evidenz: Es gibt keine Prinzipien, Vorstellungen, Ideale, es gibt nicht mal Gründe - es gibt nur das, was es gibt.

Zum Glück fängt die Bundesliga wieder an

Die Fluglinie EasyJet hat diese begründungsfreie Kommunikationspraxis seit längerem perfektioniert: Wenn es Verspätung gibt, liegt das immer an dem Flugzeug, was zu spät gelandet ist, "due to late incoming plane".

Klar, sagt man sich, sonst wäre der Flug ja auch pünktlich. Die Verspätung wird also mit der Verspätung begründet - aber was wie ein schlechter Scherz klingt oder absurdes Theater, ist tatsächlich die Episteme unserer Epoche, unser "strategisches Dispositiv", wie es Michel Foucault nennt: Es ist, was ist.

Das ist das Gesetz des technokratischen Zeitalters. Es ist etwas anderes als der klassische Realismus, der noch auf eine Welt verwiesen hat, voller Gründe, Zwänge, Möglichkeiten. Merkels EasyJet-Pragmatismus verweist nur noch auf sich selbst: Ich will Kanzlerin sein, weil ich Kanzlerin sein will.

Man kann das lustig finden, so wie man ein Stück von Eugène Ionesco lustig findet, "Die Nashörner" zum Beispiel. Man kann das tragisch finden, so wie man ein Stück von William Shakespeare tragisch findet, "Macbeth" zum Beispiel. Was es aber bedeutet, ist die Abschaffung von Alternativen, von Politik.

Kann also bitte jemand den Wahlkampf stoppen?

Nächste Woche fängt zum Glück die Bundesliga wieder an.

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