25 Jahre Kreml-Ballett "Die Konkurrenz nimmt widerliche Züge an"

1990 ging die Sowjetunion unter, doch inmitten der Wirren gründete Andrej Petrow eine neue Ballettkompanie - hinter den Mauern des Kreml. Hier erzählt er, wie das funktionieren konnte und welche Rolle private Gönner dabei spielten.

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Ein Interview von


Zur Person
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    Andrej Petrow, 69, ist der Gründer und Direktor des Moskauer Kreml-Balletts, das in der chaotischen Zeit während des Zusammenbruchs der Sowjetunion entstand. Bis heute tritt die Tanztruppe im einstigen Kongresspalast der Kommunistischen Partei hinter den Mauern des Kreml auf, 150 Meter von Wladimir Putins Regierungssitz entfernt. In dieser Woche feiert sie ihr 25-jähriges Jubiläum.
SPIEGEL ONLINE: Wie kam es, dass Sie ausgerechnet in den Wirren des Jahres 1990 im Kreml eine neue Ballettkompanie ins Leben riefen?

Petrow: Im Jahr zuvor, 1989, war ich zum Ballettdirektor der Kreml-Bühne berufen worden. Sie gehörte damals zum Bolschoi-Ballett - in unseren Ausweisen stand "das Bolschoi-Theater und der Kongresspalast". Doch es war eine schwierige Zeit, Russland steckte in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise. Und dann beschloss die Leitung des Bolschoi, dass ihre Tänzer ab sofort nicht mehr im Kreml, sondern nur noch im Bolschoi tanzen sollten. Für mich kam diese Entscheidung völlig unerwartet. Auf einmal hatte ich hier eine riesige Bühne, auf der nichts mehr passierte.

SPIEGEL ONLINE: Hätten Sie nicht ans Bolschoi-Theater zurückkehren können?

Petrow: Nein, ich war ja für die Kreml-Bühne zuständig und musste hier bleiben. Es war, als hätte man einen Tisch in zwei Teile zersägt: Wir hatten hier nicht einmal eine eigene Buchhaltung. Es blieben nur drei Führungspersonen zurück - ich als Ballettdirektor, ein Ausstattungsleiter und ein Regisseur - und das technische Bühnenpersonal. Und um uns herrschte ein großes Chaos, denn es war klar, dass Gorbatschow die Macht verlieren würde, dass ein Umsturz bevorstand. Niemand wollte oder konnte sich in dieser Zeit mit unseren Problemen beschäftigen. Wir mussten aber irgendwie weitermachen, und so haben wir im Sommer 1990 eine neue Truppe aufgebaut. Eigentlich eine Schnapsidee. Keiner wollte von uns hören, alle haben nur abgewinkt. Und wir haben dieses Theater ohne jegliche Staatsfinanzierung aufgebaut.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das gemacht?

Petrow: Wir haben eine Gruppe reicher Unternehmer zusammengetrommelt, die bereit waren, uns privat zu unterstützen. Stellen Sie sich vor: Die ersten drei Jahre waren wir gleichsam ein privates Theater mitten im Kreml. Und ich bin stolz darauf, dass unsere Tänzer und das gesamte Theaterpersonal immer pünktlich ihr Geld bekamen. In den Tagen vor der Gehaltszahlung hatte ich jeweils keine Zeit für künstlerische Angelegenheiten, ich musste all die Unternehmer treffen und betteln. Sie hätten das Geld auch selbst gut gebrauchen können, denn damals hatten es alle schwer. Ich bin ihnen bis heute dankbar.

SPIEGEL ONLINE: Wer waren Ihre Gönner?

Petrow: Viele, das änderte sich ständig. Der eine ging pleite, während der andere auf einmal reich wurde. Um das Bolschoi-Ballett kümmerte sich in dieser Zeit der Staat, er sorgte dafür, dass es am Leben bleiben konnte. Wir aber mussten selbst um unsere Existenz ringen.

SPIEGEL ONLINE: Mussten Sie im Kreml auch Miete bezahlen?

Petrow: Nein, wir hatten einen cleveren Vertrag mit dem Kongresspalast abgeschlossen. Wir haben gleich damit angefangen, Ballettstücke aufzuführen, und der Kreml durfte einen Großteil unserer Erlöse abkassieren. In manchen Monaten hatten wir mehr als 20 Aufführungen. So haben wir auch dem Kreml-Palast geholfen, sich über Wasser zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Das Bolschoi-Ballett gilt bis heute als die berühmteste und womöglich beste Tanztruppe der Welt. Zu Recht?

Petrow: Wissen Sie, ich habe dem Bolschoi 25 Jahre gewidmet, 20 Jahre als Tänzer und danach noch einige als Ballettdirektor. Deswegen sah ich mich in der künstlerischen Tradition des Bolschoi, als ich hier im Kreml eine neue Truppe aufbaute. Heute kann ich feststellen: Das Bolschoi hat wirklich großartige Tänzer. Das Repertoire aber ist für mich weit von Perfektion entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Was missfällt Ihnen daran?

Petrow: Die Linie des russischen Nationalballetts, die russische Tradition ist für mich in den letzten Jahren verloren gegangen. Das Bolschoi-Ballett hat sich internationalisiert und auf diese Weise ein Stück seiner russischen Identität eingebüßt. Ich bin der Meinung, dass die Tanztheater in jedem Land ihre eigenen Traditionen bewahren sollten. Wenn man überall ein und dieselben Ballettstücke sehen kann, finde ich das nicht so spannend. Aber die Welt ist so viel komplizierter geworden, und das schadet eben auch der Kunst.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat sich das russische Ballett seit dem Ende der Sowjetunion verändert? Ist die Konkurrenz härter geworden?

Petrow: Sie hat widerliche Züge angenommen. Kunstschaffende stehen heute oft unter großem Druck. Gewiss hat auch der Übergang zum Kapitalismus eine Rolle gespielt, wir waren auf so etwas aus historischen Gründen nicht gut vorbereitet. Der Westen konnte eine lange Evolution durchlaufen; Gesetze entstanden, und parallel dazu das gesamte Rechtswesen. Es gab dort bestimmte kulturelle Leitfäden. Wir aber hatten keinen fließenden Übergang. Vielleicht haben wir beim Kreml-Ballett Glück, denn man kann uns hier, hinter den Kreml-Mauern, nur schwer unter Druck setzen.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Bühne im Kreml auch eine symbolische Bedeutung?

Petrow: Aber sicher. Ballett ist ja eine internationale Kunst, wir Russen haben es nicht erfunden. Es wurde zur Zeit des Zaren Alexej Michajlowitsch von Franzosen und Italienern nach Russland gebracht, wo es auf fruchtbaren Boden fiel. Interessanterweise fanden die ersten Aufführungen damals aber auch schon im Kreml statt. Haben Sie gewusst, dass die meisten Ballettdirektoren in den russischen Staatstheatern Franzosen waren? Charles Didelot, Arthur Saint-Léon, Marius Petipa - oder Italiener, die die neuesten Aufführungstechniken nach Russland brachten. Viele blieben in Russland. In den Jahren des Eisernen Vorhangs konnten wir keine Auslandsreisen machen und haben das russische Ballett quasi unabhängig weiterentwickelt. Doch seit 1957, als das Bolschoi zum ersten Mal nach London fuhr, waren wir ständig mit ausländischen Kompanien in Kontakt. Und ich hoffe, dass das so bleibt.



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