Diskussion über jüdische Identität Sehr heimisch und unglaublich fremd

Wie fühlen sich Juden in Europa und Israel? Und gibt es überhaupt die typisch jüdische Identität? In Hamburg diskutierten Michel Friedman, ein Rabbiner und zwei Autorinnen über ihr Verhältnis zu Religion und kultureller Tradition - unaufgeregt, nachdenklich und kurzweilig.

In Deutschland wird nicht selten über Juden, über Israel oder Antisemitismus diskutiert. Diese Debatten sind - bis hin zu den Äußerungen eines Literaturnobelpreisträgers - oft undifferenziert, hitzig oder von scharfen Vorwürfen geprägt.

Die seltene Gelegenheit einer unaufgeregten, nachdenklichen und dabei äußerst kurzweiligen Auseinandersetzung mit der Frage, ob es die Juden so pauschal überhaupt gibt, bot sich am Sonntag in Hamburg. Unter dem Titel "Jüdische Identität in Europa - zwischen Anpassung und Selbstfindung" diskutierten im Rahmen der Reihe "Bridging The Gap" im Thalia Theater vier Gesprächsteilnehmer. Durch eines wurden sie ebenso geeint wie unterschieden: dass man sie auf irgendeine Weise als Juden bezeichnen kann.

Denn: "Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist" - so die traditionelle Definition, die Shlomo Bistritzky, der Hamburger Landesrabbiner, auf dem Podium vortrug. Welche weiteren Gemeinsamkeiten ergeben sich daraus? Es sind offenbar nicht allzu viele. Bistritzky, Angehöriger orthodoxen Chabad-Lubawitsch-Bewegung, ist streng gläubig, sein Tag gegliedert von religiösen Vorschriften.

Auf der anderen Seite der frühere Zentralrats-Funktionär Michel Friedman. Er glaubt, wie er sagte, nicht an Gott, fühlt sich aber geprägt von einer jüdischen kulturellen Identität. In der Mitte die Moderatorin Sonja Lahnstein-Kandel, die mit der jüdischen Gemeinde vor allem dann zu tun hat, wenn Familienangelegenheiten anstehen - eine pragmatische Einstellung, die sie mit dem Großteil der Hamburger mit christlicher Konfession teilen dürfte.

Außerdem die österreichische Schriftstellerin und Malerin Julya Rabinowich, die als Kind in der Sowjetunion der siebziger Jahre erlebte, wie ihre Eltern ihre jüdische Herkunft verleugneten und für die deshalb das Aufwachsen in einem Künstlerhaushalt viel entscheidender war als Religion oder gar Ethnizität. Und die Wiener Publizistin Isolde Charim, die der Meinung ist, dass es das eine, vorherrschende Milieu in den westlichen Ländern nicht mehr gebe. In einer zersplitterten, vielschichtigen Gesellschaft würde deshalb die Erfahrung, anders zu sein, die das jüdische Selbstverständnis lange Zeit kulturell geprägt habe, von fast jedem Europäer gemacht. Würde man Charims These zu Ende denken, könnte sich daraus nur eine Schlussfolgerung ergeben: Zumindest in diesem Punkt sind wir mittlerweile alle Juden.

"Man tritt in eine Religion nicht ein wie in einen Verein"

Doch das Judentum ist, wie Isolde Charim auch feststellte, anders als das Christentum keine Bekenntnisreligion, für die man sich einfach entscheiden könne: "Man tritt in eine Religion nicht ein wie in einen Verein." Im Gegensatz zu den Angehörigen der beiden anderen monotheistischen Weltreligionen, dem Christentum und dem Islam, missionieren Juden nicht - und blieben deshalb über Jahrtausende auf eine überschaubare Gruppe beschränkt.

Die Rassenpolitik der Nazis ist Geschichte, das Etikett "Jude" aber hat überlebt: "Für die Außenwelt bleibt man Jude, auch wenn man sich von der Religion verabschiedet hat", stellte Michel Friedman fest und nannte das Beispiel Woody Allen: "In jedem zweiten Artikel steht, dass er Jude ist. Francis Ford Coppola dagegen wird nie als katholischer Regisseur bezeichnet. So lange das so ist, kann ich mich vom Judentum abkoppeln, so sehr ich will, ich bleibe leider 'der Jude'".

Grobschlächtiger Antisemitismus mag nicht salonfähig sein. Verbreiteter ist, wie Sonja Lahnstein-Kandel meinte, mittlerweile der aggressive, undifferenzierte Antiisraelismus: Dabei wird zwischen Juden und Israel allerdings kaum unterschieden. Michel Friedman nannte Beispiele: "Es sind israelische Siedlungen, aber in deutschen Zeitungen steht 'jüdische Siedlungen', es ist nicht 'der jüdische Staat', es ist der 'israelische Staat'."

Auch in Israel ist längst nicht jeder gläubig

Allerdings sei auch in Israel längst nicht jeder gläubig, und scharfe Kritik an der Regierung gehöre zum Alltag, so Friedman. In der bundesdeutschen Öffentlichkeit jedoch kritisiere man pauschal das Land, wenn es doch um Kritik an einer bestimmten Regierung gehen müsse.

Die Schriftstellerin Julya Rabinowich formulierte ihre eigenen Gefühle bei einem Israelbesuch schließlich in einem Satz: "Ich fühlte mich sehr heimisch und zugleich unglaublich fremd." Eine schöne Beschreibung, deren entspannte Widersprüchlichkeit man sich bei einem emotional derart aufgeladenen Thema häufiger wünschen würde. Die Diskussion in Hamburg kam ohne Rechthaberei aus und ohne den Zwang, endgültige Antworten zu finden - sie endete offen und in der Bereitschaft, sich in aller Unterschiedlichkeit zu respektieren.

Und vielleicht lag gerade in dieser Offenheit die einzig mögliche Antwort auf die Frage, ob es so etwas wie die typische jüdische Identität heute überhaupt gibt.

Korrekturhinweis: In einer früheren Fassung dieses Textes hatten wir den Namen von Isolde Charim falsch geschrieben. Wir bitten, dies zu entschuldigen.