Disney-Bildband Die Welt des Walt

Walt Disney hat den Zeichentrickfilm begründet. Wie der Vater von Mickey und Mogli arbeitete, zeigt ein neuer Bildband über sein Studio.

Disney Enterprises/ Taschen

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"Es hieß, niemand könne so eine Sache durchhalten. Es gab aber nur einen Weg, und das war, uns hineinzustürzen und alles auf eine Karte zu setzen." So beschrieb Walt Disney seine Idee im Jahr 1933, zum ersten Mal einen abendfüllenden Kinofilm zu produzieren. Er hatte sich für einen Märchenfilm entschieden, dieser würde später bedeutendster Zeichentrickfilm aller Zeiten genannt werden, es war aber auch einer der bis dahin aufwändigsten und teuersten Unterfangen der Filmgeschichte: "Schneewittchen und die sieben Zwerge".

Walt Disney war zu diesem Zeitpunkt bereits ein großer Name, er hatte in den Zwanzigerjahren Mickey Maus und Kater Karlo, Goofy und Donald Duck erfunden. Doch die beliebten Kurzfilme spielten nicht genug Geld ein, sie dienten in den Kinos lediglich als Vorprogramm. Walt Disney setzte also alles auf das Grimmsche Märchen. "Die sieben Zwerge, das wussten wir, waren ideal. Wir konnten sie mit grenzenlosem Humor füllen, nicht nur hinsichtlich ihrer körperlichen Erscheinung, sondern auch in ihren Manierismen, Persönlichkeiten, Stimmen und Handlungen", sagte Walt Disney.

Wie Disney und seine Zeichner es schafften, das bekannte Grimmsche Märchen so zu adaptieren, dass es der Aufschlag zur goldenen Disney-Ära wurde, erläutert jetzt der üppige Bildband "The Walt Disney Film Archives: The Animated Movies 1921-1968" des Taschen Verlags. Er zeigt auf 620 Seiten den schöpferischen Prozess jener Filme, die zu Disneys Lebzeiten entstanden sind, wie Pinocchio und Dumbo, Bambi und Aschenputtel, Dornröschen und Das Dschungelbuch.

Herausgeber Daniel Kothenschulte dokumentiert dabei kaum die Biografie Walt Disneys, sondern rückt den Produktionsprozess der Filme in den Mittelpunkt. Zu sehen sind zu allen Filmen erste Entwürfe von Figuren und Storyboards, Innovationen der Zeit wie Konzeptentwürfe in Pastellkreide sowie Werkfotos der Disney-Fotografen. Insgesamt geben 1500 Abbildungen sowie Mitschriften aus Storykonferenzen einen detaillierten Eindruck davon, wie die kreative Arbeit in den Disney Studios funktionierte.

Jedem der Disney-Klassiker ist ein eigenes Kapitel gewidmet, in denen Zeichner, Autoren, Animatoren, Songschreiber und Regisseure zu Wort kommen. "Pinocchio" (1940) etwa besteht aus über einer Million Zeichnungen, hinzu kamen Zehntausende Vorstudien, Entwürfe und Hintergründe. "Dumbo" (1941), die Geschichte des kleinen Elefanten, soll Walt Disneys Lieblingsfilm gewesen sein. Ursprünglich war dieser als 30-Minüter geplant gewesen, doch "es fing mit einer kleinen Idee an. Und wann immer uns etwas Gutes einfiel, steckten wir es einfach in diese Geschichte", sagte Walt Disney, "'Dumbo' war das Spontanste, was wir je gemacht haben."

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:46 Uhr
Ohne Gewähr

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Daniel Kothenschulte, John Lasseter, Russell Merritt, Charles Solomon, Robin Allan, Didier Ghez, J. B. Kaufman, Katja Lüthge, Brian Sibley
The Walt Disney Film Archives. The Animated Movies 1921-1968

Verlag:
TASCHEN
Seiten:
620
Preis:
EUR 144,27

An "Bambi" (1942) hingegen arbeiteten die Disney-Künstler jahrelang. Die Animation von Rehen stellte damals eine enorme technische Herausforderung dar, die präzise Studien von Anatomie und Bewegung der Tiere voraussetzte. Auch die Story nach der Romanvorlage von Felix Saltens wurde viele Male überarbeitet, "Bambi" geriet reifer und nachdenklicher als die mit Gags gefüllten Vorgängerfilme. Mit der Heldin aus "Aschenputtel" (1950) soll sich Walt Disney selbst identifiziert haben, weil er, aus einfachen Verhältnissen kommend, wie die Märchenfigur mit Fantasie und harter Arbeit ein Imperium aufgebaut hatte. Die Kriegsjahre hatten auch bei Disney Spuren hinterlassen, die Studios waren kurz vor der Pleite, es galt nun, das abgedroschene Märchen so zu erzählen und zu vertonen, dass der Film ein neuer Blockbuster würde. Walt Disney ließ 300 Kandidatinnen für die Rolle Aschenputtels vorsprechen, die Musik sollte erstmalig im Eigenverlag publiziert werden.

Nach 610 Seiten bildet der letzte Film, an dem Walt Disney bis zu seinem Tod mitgewirkt hat, das letzte Kapitel des Buches: "Das Dschungelbuch" (1967), ein Film, der knapp 30 Jahre nach "Schneewittchen" eine Abkehr von den anderen Filmen markierte: Hier stand nicht mehr eine sorgsam ausgearbeitete Storyline im Mittelpunkt, sondern Charakterszenen.

Walt Disney revolutionierte die Unterhaltungsbranche und wurde zu einem der reichsten Männer seiner Zeit. Er war ein erfolgreicher Unternehmer - aber auch ein Filmemacher mit dem richtigen kreativen Gespür. Dieser Bildband zeigt, mit wie viel Fantasie, Perfektionismus und Optimismus der Begründer des Animationsfilms auf schöpferischer Ebene arbeitete.

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