Ditfurth über Meinhof Terroristen ausmisten

Ulrike Meinhof ist ein Kultobjekt der deutschen Intelligenz. Auch die Grünen-Gründerin Jutta Ditfurth vernarrte sich in die deutsche Terroristin und schrieb eine Biografie. Ein gewagtes Werk: Meinhof wird zur Revolutionärin geadelt.
Von Reinhard Mohr

Es ist die Zeit der historischen Sachbücher und politischen Rückblicke. Der "Deutsche Herbst" von 1977, die RAF, die Revolte von 1968 – in diesen Tagen ersteht die Vergangenheit der jungen Bundesrepublik immer wieder aufs Neue. Viele meinen, das alles schon zu wissen. Da kann man sich irren. Ulrike Meinhof zum Beispiel. Jeder kennt sie als führendes Mitglied der RAF, jahrzehntelang durch das Schlagwort von der "Baader-Meinhof-Bande" ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gehämmert.



Unzählige Filme, Bücher, wissenschaftliche Aufsätze, Artikel und andere Texte haben sich mit ihr beschäftigt. Sie avancierte zur Ikone der "Stadtguerilla" schlechthin. Vor allem nach ihrem Selbstmord in Stuttgart-Stammheim am 9. Mai 1976 wurden "oblatenhafte Heiligenbildchen", so der Schriftsteller Peter Rühmkorf, von ihr verbreitet. Eine heilige Johanna der Revolution. Ein Mythos bis heute. Auf schicken T-Shirts steht "Prada-Meinhof". Nun gibt es eine neue Biografie über Ulrike Meinhof. Genauer: "Die Biographie", wie es im Untertitel ein wenig unbescheiden heißt. Sie ist knapp 500 Seiten dick und stammt von Jutta Ditfurth.

Ditfurth, Jahrgang 1951, war Mitbegründerin der Grünen und von 1984 bis 1988 Bundesvorsitzende der Ökopartei. 1991 trat sie im Zorn aus, nachdem die ihr tief verhassten Realos um Joschka Fischer dabei waren, das Ruder zu übernehmen. Wer sie lange genug kennt, weiß, dass Jutta Ditfurth ihren linken Überzeugungen aus den siebziger Jahren bis heute treu geblieben ist – anders als all jene, denen sie Verrat, Anpassung, Opportunismus und Karrierismus vorwirft.

Schon aus dieser Haltung heraus liegt ein "ganz persönliches Interesse" an Ulrike Meinhof nahe, wie Siv Bublitz vom Ullstein-Verlag heute bei der Buch-Präsentation formulierte. Das kann man so sagen. Ein bisschen Schwester im Geiste ist schon dabei.

Biografische Mülltrennung

Und noch etwas: Wenn Jutta Ditfurth nach "sechs Jahren Recherche", Hunderten von Gesprächen mit Zeitzeugen und der Auswertung von Tausenden schriftlichen Quellen ein Buch über jene Frau schreibt, in der sich deutsche Zeitgeschichte wie im Brennglas bündelt, dann muss erst einmal alles andere "weggewischt" werden. Vor allem die Sekundärliteratur. "Bis auf ein Buch, das von Mario Krebs, war das alles Müll", sagte die Autorin heute morgen im Ullstein-Verlag in Berlin mit gewohntem Selbstbewusstsein.

Also müsste auch das gut 600-seitige, durchweg hoch gelobte Buch von Bettina Röhl "So macht Kommunismus Spaß! Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret" (2006) irgendwie "Müll" sein. Dass Bettina Röhl eine der beiden Zwillingstöchter von Ulrike Meinhof ist und sich gleichfalls jahrelang in die Recherche vergraben hat, spielt dabei keine Rolle.

Nachdem Jutta Ditfurth also erst einmal den "Müll" beiseite geräumt hatte, musste sie gleichsam "bei Null anfangen". Und siehe da, rasch stellte sich heraus, überall wucherten ganze Spinnenwebenkolonien historischer Mythenbildung, Berge voller Klischees und ganze Stapel katastrophaler Fehlinterpretationen.

Versteht sich, dass sie auch an Stefan Austs Standardwerk "Der Baader-Meinhof-Komplex" kein gutes Haar lässt. Von Butz Peters, Wolfgang Kraushaar und Gerd Koenen, ebenfalls hervorragenden Kennern des Sujets, ist gar nicht erst die Rede.

In ihrem Gespräch mit Arno Widmann, selbst ein Kenner, derzeit Feuilleton-Chef der "Frankfurter Rundschau", wird schnell klar, worauf Jutta Ditfurths neue Erzählung des Lebens von Ulrike Meinhof abzielt – auf die Rettung einer Revolutionärin. Erstaunlich dabei ist, dass jenes Zerrbild, das sie attackiert, eben nicht das eines terroristischen Ungeheuers ist, einer des mehrfachen gemeinschaftlichen Mordes Beschuldigten, die unter anderem einen ziemlich verheerenden Sprengstoffanschlag mit vielen Verletzten auf das Haus des Springer-Verlags in Hamburg verübte und schon Anfang Juni 1970 gesagt hatte: "Natürlich kann geschossen werden."

Vielmehr richtet sich Ditfurths Aufklärungswerk "gegen die Verharmlosung und Verniedlichung" Ulrike Meinhofs, gegen ihre angeblich flagrante Entpolitisierung, gegen die Klischees von der armen betrogenen Frau, die doch so viel besser schreiben als schießen konnte und sich an ihrem Ex-Mann und "konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl eben auch dadurch rächte, dass sie sich Andreas Baader anschloss, dem coolen, notorisch revoluzzenden Macho-Dandy mit der Knarre in der Hand.

Späte Ehrenrettung

Ein Motiv dieser vorgeblichen Mainstream-Rezeption von Ulrike Meinhofs Leben sei, dass man sich "mit ihren politischen Entscheidungen, in den Untergrund zu gehen, nicht auseinandersetzen" wolle.

Wie immer die Autorin auf diese verquere These kommt: Es geht ganz offensichtlich um eine späte Ehrenrettung der aufrechten deutschen Antifaschistin Ulrike Meinhof, die sich nur kurz den Freuden der bürgerlich-linksliberalen Hamburg-Sylt-Schickimicki-Szene hingegeben hatte, bevor sie endgültig ihre Klasse verriet und sich dem bewaffneten Kampf gegen das "imperialistische Schweinesystem" anschloss. Dieser Schritt sei nicht erst durch den berühmt-berüchtigten Sprung aus dem Fenster bei der Baader-Befreiung am 14. Mai 1970 in Berlin-Dahlem vollzogen worden, sondern "bereits Monate zuvor" – nicht unbedingt eine Neuigkeit.

"Woher wissen Sie das alles?"

Nun war die Krux des Pressegesprächs mit Ditfurth, dass die Presse das Buch noch gar nicht gelesen hatte, gar nicht lesen konnte, weil es ihr erst heute Morgen in die Hand gedrückt wurde. So blieb das Frage-Antwort-Spiel eher diffus und ziellos. Nein, "Terror" und "Terrorismus" halte sie für "unbrauchbare Kampfbegriffe", die die Sache eher "vernebelten", und ja, es gebe antisemitische Texte von Ulrike Meinhof, die "abscheulich" seien.

Wer Jutta Ditfurth lange genug kennt, weiß aber auch, dass sie Energie für zehn hat und Ausdauer für hundert. Das musste schon Franz-Josef Strauß erleben, den die damals schon prominente Grüne in der TV-"Elefantenrunde" 1987 ins akute Hyperventilieren und an den Rand des Nervenzusammenbruchs brachte. Unbesehen kann man ihr deshalb glauben, dass sie bei ihrer Recherche tatsächlich an beinahe alle Orte gefahren ist, an denen Ulrike Meinhof gelebt oder gearbeitet hat. Von Jena bis Oldenburg hat sie hat an fremden Türen geklingelt, Nachbarn ausgefragt und Stadtarchive durchwühlt – oral history im besten Sinne.

Auf diese Weise stöberte sie eine frühe Jugendfreundin auf, aber auch eine bislang unbekannte Vergangenheit der Familie Ulrike Meinhofs und ihrer späteren Ziehmutter, Renate Riemeck. Anders als die Legende besagt, sei hier weniger das christliche Abendland dominant gewesen, schon gar nicht linksliberaler Humanismus, sondern Nazi-Glaube und Hitlerverehrung. Das hatte sogar den höchst belesenen Arno Widmann beeindruckt, der aber gleich zu Beginn eine zentrale Frage stellte: "Woher wissen Sie das alles?"

Denn so lang die Liste der Personen ist, denen die Meinhof-Biografin am Ende dankt, so viele Archive aufgelistet sind und immerhin 307 Anmerkungen und 12 Seiten Sekundärliteratur, die offenbar doch nicht ganz wegzuwischen war – es fehlen nicht nur Personen- und Sachregister, sondern auch unzählige Quellenangaben. Jutta Ditfurth beziffert ihre Zahl selbst auf knapp 7000. "Aus juristischen Gründen" habe ihr der Verlag geraten, sie wegzulassen. Das kommt auch nicht alle Tage vor.

So weckt das Buch doppeltes Interesse und reizt, mehr als üblich, zur neugierigen, doch kritischen und vergleichenden Lektüre.

Nicht zuletzt verleitet das Werk, dessen Umschlag Ulrike Meinhof als bildschöne junge Frau zeigt, zur Suche nach Parallelen zwischen der Autorin und ihrem Gegenstand, jener "großen Schwester" der 68er.

Womöglich könnte dabei ein Satz von Astrid Proll hilfreich sein, die im November/Dezember 1969 dabei war, als Andreas Baader und Gudrun Ensslin an den südlichsten Gestaden Siziliens über den künftigen bewaffneten Kampf in Deutschland räsonnierten: "Ich weiß gar nicht, ob die RAF eine politische Gruppe war. Sie war eher so etwas wie die Selbstanmaßung einer ganzen Generation."