Documenta 11 Die Kunst lädt zum Krisengipfel

Am Wochenende startet in Kassel die erste Documenta im neuen Jahrtausend. Nie zuvor gab sich die weltweit wichtigste Kunstausstellung so politisch ambitioniert: Im Reich des Documenta-Chefs Okwui Enwezor ist die hochtrabende Botschaft erste Künstlerpflicht.


Documenta-Leiter Enwezor: Hehre Sozialutopien und Diskurs-Orgien
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Documenta-Leiter Enwezor: Hehre Sozialutopien und Diskurs-Orgien

Knallen soll's nicht, aber bis zur Schmerzgrenze blenden. Unter gleißend hellen Scheinwerfern werden nur leise Geräusche zu hören sein, die hier zu Lande höchstens Bundeswehrsoldaten vertraut sein dürften: Maschinenpistolen sollen, so plant es eine kubanische Künstlerin, von eifrigen Helfern auseinander- und wieder zusammengebaut werden ­ hundert Tage lang, zehn Stunden am Tag. Nicht in einem Terrorübungscamp, aber in einem ebenso ungemütlichen Umfeld: auf der wichtigsten Kunstausstellung der Welt.

Am kommenden Samstag startet die Documenta in Kassel, die elfte seit Gründung des Kunstspektakels 1955 und die erste im neuen Jahrtausend*. Ein Spaß wird sie nicht, dafür garantiert ihr Leiter Okwui Enwezor, 38, Nigerianer mit Hauptwohnsitz in New York. Denn Enwezor ruft das Ende einer langen Tradition aus: "L'art pour l'art", die sinnliche Kunst um der Kunst willen, hat im neuen Jahrtausend nichts zu suchen. Kunst ist das Gegenteil von Genuss, so lautet die Devise in Kassel.

Auf die Begeisterung der ­ offenbar masochistisch veranlagten ­ Kunstgemeinde dürfte trotzdem Verlass sein. Ungeachtet der Inflation von Großspektakeln weltweit gilt die Schau in der hessischen Provinz nach wie vor als Olymp der internationalen Kunstszene, den Künstler und Ausstellungsmacher alle fünf Jahre wieder unbedingt erklimmen wollen. Das Publikum marschiert pflichtbewusst hinterher. 630 000 Besucher werden erwartet, mindestens.

Nur: Haben die Documenta-Pilger das Aufregendste möglicherweise schon verpasst? Enwezors Konzept nämlich sah unter anderem vor, das Weltkultur-Denkmal Documenta mal eben in fünf "Plattformen" aufzusplitten, von denen die ersten vier vorab installiert wurden: fernab von Kassel, weitgehend ohne Publikum ­ und erst einmal auch ohne Kunst.

Künstlerin Shirin Neshat, Installation "Ferver": Alte Bekannte statt neuer Positionen
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Künstlerin Shirin Neshat, Installation "Ferver": Alte Bekannte statt neuer Positionen

Bei den "Plattformen" handelte es sich um mehrwöchige Polit-Talks für eine exklusive Schar geladener Schriftsteller, Architekten und Wissenschaftler; konferiert wurde einmal in Wien und Berlin, außerdem in Neu-Delhi, St. Lucia und Lagos. Themen waren die Tragödien des 20. Jahrhunderts im Allgemeinen und der Postkolonialismus im Speziellen. Diese "Forschungseinrichtungen" seien nicht etwa nur die Vorbereitung zum Ereignis (und zur "Plattform" Nummer fünf) namens Documenta, triumphierte ihr Erfinder Enwezor, "sie sind das Ereignis".

In der Tat animierte das Reizklima in Lagos einen "Zeit"-Redakteur zu radikalpoetischen Erfahrungsberichten ("Wir stehen, stehen in schwerer Luft, 35 feuchtheiße Grad lösen uns auf"), aber was bitte brachte der Aufwand sonst? Grisselige Videomitschnitte im Internet und demnächst jede Menge Füllstoff fürs heimische Regal: Wer seinen Kunstaufenthalt in Kassel ernst nimmt, geht mit acht Büchern nach Hause**.

Doch trotz aller Kritik gelang Enwezor mit seinem Debattenzirkus ein imposantes Propaganda-Kunststück: Nie zuvor wurde schon Monate vor dem Auftakt so viel über eine Documenta geredet, geschrieben und hysterisch spekuliert. Gemessen an den gefüllten Feuilleton-Seiten, hat der Schau-Meister seine Aufgabe bisher bravourös gemeistert ­ und wurde, wohl kaum unerwünschter Nebeneffekt, dabei selbst zum Medienstar.

Vom Wochenende an aber gilt es den Mythos Documenta in der boomenden Kunstwelt mit Ausstellungs-Hardware zu füllen: Noch nie hat ein Documenta-Chef der Kunst und den einzelnen Künstlern in Kassel so viel Fläche zur Verfügung gestellt ­ noch nie ging es aber trotzdem so wenig um die Kunst selbst.

Kubanische Künstlerin Tania Bruguera, Kunstwerk: Symboile für die Last des Daseins
AP

Kubanische Künstlerin Tania Bruguera, Kunstwerk: Symboile für die Last des Daseins

Denn Enwezors Documenta gibt sich hochpolitisch ­ und politisch überkorrekt. Die 116 geladenen Künstler widmen sich fast alle heißen Themen dieser Welt: Diskriminierung und Rassismus, dem Kampf zwischen den Kulturen wie der Macht der Ideologien, kollektiven Traumata und den kleinen Neurosen des Alltags. Wer immer nach Kassel geladen wurde, so scheint es, musste eine möglichst hochtrabend weltkritische Botschaft mitbringen.

Die Kunst soll in Kassel ein Zerrspiegel fast aller globalen Desaster sein. Leider dürfte man ihr das auch meist ansehen.

So wird diese Documenta die Nerv-Resistenz des Publikums gründlich ausloten: Nicht so sehr durch Schock-Attacken ­ in jeder Nachrichtensendung stellt sich die Welt grausiger dar ­, sondern durch eine oft gnadenlos spröde Ästhetik.

Die Schau, respektive das, was von ihr in der Woche vor der Eröffnung zu sehen war, erweist sich als braves Gemisch aus kühler Konzeptkunst, ein paar wuseligen Installationen und stetigem Video-Geflimmere ­ so viel, dass die elfte Documenta mitunter auch mit einem Experimental-Filmfestival verwechselt werden könnte.

Opulenz gilt als Fluch. Wo Farbe ausnahmsweise auftaucht, wirkt sie in sakral weißen Räumen fast schon hochkitschig. Gemälde sollen eher am Rande vorkommen und werden im Documenta-Jargon als "Flachware" abgetan.

In Kassel wird nicht protestiert, selten provoziert, sondern immer schön reflektiert: Ein Wettstreit der Nachdenk-Akrobaten. Etliche Künstler sind nebenbei praktizierende Akademiker, andere tun so, als ob. Und alle meinen es gut.

Das litauische Künstlerpaar Nomeda und Gediminas Urbonas etwa nimmt den Zeitungsartikel eines Psychiaters zum Anlass, um das Frauenbild in der baltischen Gesellschaft zu analysieren ­ und bietet außer Videos auch Workshops an.

Plastiken von Thomas Hirschhorn: Hommage an Ikonen
DPA

Plastiken von Thomas Hirschhorn: Hommage an Ikonen

Ein dänischer Künstler will in Straßenlaternen vietnamesische Glühbirnen einschrauben, um an all die Vietnamesen in der Ex-DDR zu erinnern, die nach der Wende ihre Aufenthaltsgenehmigung verloren.

Der Städtebau-Visionär Yona Friedman hat auf ein Blatt den drollig-makabren Appell gekritzelt, "verletzliche" Hochhäuser künftig mit Gittern zu schützen.

Und ein Computerspiel-Künstler will Documenta-Besucher endlich mal nicht auf irgendein armes Moorhuhn, sondern auf gewaltsüchtige Spieler schießen lassen ­ rein fiktiv natürlich. Das Szenario wurde schon vor der Tragödie von Erfurt auf eine Festplatte gebannt.

Ohnehin erhebt hier niemand Anspruch auf Tagesaktualität. Trotzdem gibt es kaum eine denkbare Katastrophe, die in dieser Desaster-Revue nicht (gern um ein paar Ecken herum) zur Sprache kommt. Dabei begann alles so optimistisch. Als mit Enwezor 1998 erstmals in der Documenta-Geschichte ein Außer-Europäer auf den Chefsessel berufen wurde, schwärmte die Kunstgemeinde noch über den ultimativen Aufbruch in eine neue Internationalität: Von einem Mann mit "Weltblick" jubelte die "SZ" euphorisch. Schließlich war seit der ersten Documenta, mit der den Nachkriegsdeutschen die moderne Kunst wieder nahe gebracht werden sollte, viele Jahre lange fast ausschließlich die westeuropäische und nordamerikanische Kunstproduktion gefeiert worden.

Gleichgültig, was der Politikwissenschaftler Enwezor, der sich selbst lieber als Dichter und Kunst-Kritiker vorstellt, fortan in komplizierten Sätzen zu sagen versuchte: Der Kunstbetrieb hörte immer nur das eine heraus ­ diesem Kosmopoliten muss es einfach um die Globalisierung gehen, darum, die Traditionsschau zu einem bunten Multi-Kulti-Ethno-Sit-in umzubasteln.

Wandzeichnung von Raymond Pettibon: Kritisches zum Frauenbild
DPA

Wandzeichnung von Raymond Pettibon: Kritisches zum Frauenbild

Enwezor erging sich in diffusen Andeutungen wie der, dass die Documenta 11 "ein größeres methodologisches Abenteuer werden soll, als es Kunstausstellungen üblicherweise sind". Tatsächlich setzt er nun auf hehre Sozialutopien und Diskursorgien, wie sie schon früher ab und zu die Documenta prägten. Auf medienwirksame Skandale wird man diesmal wohl vergebens warten.

Schon die Documenta X vor fünf Jahren, geleitet von der Französin Catherine David, wurde von der Mehrheit der Kunstkritiker mit dem Label "theorielastig" geschmückt, was als nette Umschreibung für zutiefst dröge gemeint war.

Enwezor lässt sich von solch trivialen Kategorien nicht beeindrucken ­ von den Lebensläufen seiner Künstler seltsamerweise schon.

Viele von ihnen ­ wie die finnische Videofilmerin Eija-Liisa Ahtila oder der Schweizer Installationskünstler Thomas Hirschhorn ­ halten sich seit Jahren gut im Ausstellungsgeschäft, nicht wenige gar seit Jahrzehnten, und etliche kennen nahezu jeden Quadratmeter in Kassel ­ weil sie schon so oft auf eine Documenta-Schau eingeladen waren. Entdeckungen sind da wenige zu machen, wenn schon, dann zahllose Wiederentdeckungen.

Denn in weiten Teilen wirkt die Schau wie eine Hommage an die Ikonen der letzten Jahrzehnte. Als das Ausstellungsteam vor ein paar Wochen die Namensliste herausrückte, rechneten Eifrige sofort nach, dass knapp ein Viertel der anwesenden Künstler um die 60 Jahre alt ist.

DER SPIEGEL
Zu ihnen gehört etwa die Hamburger Konzeptkünstlerin Hanne Darboven, 61, die aber ist im Vergleich zur ältesten Documenta-Künstlerin ein junger Spund. Von der in New York lebenden Kunst-Heiligen Louise Bourgeois, 90, sind vier ihrer berühmten "Zellen" zu sehen: beklemmend wirkende Käfige aus Maschendraht, in denen schlaffe Puppen, guillotinierte und erdrosselte Stoff-Köpfe die Last des Daseins symbolisieren. Auf der Documenta werden sie ehrfurchtsvoll wie Schreine angeleuchtet.

Nicht weit entfernt durfte die Französin Annette Messager, 58 ­ auch sie ist schon eine Kunstlegende ­ eines ihrer beeindruckend bizarren Plüsch-Puppentheater unter die Decke hängen, samt kopulierender Teddybären und samtiger Skelette.

Dass der vermeintliche Documenta-Erneuerer Enwezor so schwärmerisch auf die ganz Großen zurückblickt, erstaunt, passt aber in sein Konzept: Er will offenbar eine große Internationale der politisch und sozial engagierten Kunst beschwören, samt Vorläufern und Nachfolgern.

Eine derart homogene Weltverbesserer-Gruppe ist allerdings pure Fiktion ­ die hätte es nur geben können, wenn der größere Teil der Künstlerschaft nicht so spaßversessen gewesen wäre.

So betreibt die Kasseler Schau nun eine oft verdienstvolle Seligsprechung und trotzt dem Jugendwahn der Branche. In den erstarrten Charts des Kunstbetriebs aber verschiebt sich kaum etwas ­ und dieser Stillstand sorgt dann doch für Unmut.

"Die Künstler-Auswahl ist geradezu fahrlässig", zetert beispielsweise Peter Weibel, Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. "Osteuropa kommt so gut wie gar nicht vor, und die meisten afrikanischen Künstler leben seit Jahren in New York ­ wo bleiben die neuen Positionen? Wo sind die Angriffe auf die Werte- und Kunstvorstellungen der westlichen Welt?"

Es gibt sie sehr wohl: Das neue Tabu heißt Humor. Zu lachen gibt es auf der Documenta nichts.

Oder doch? Eine Gruppe amerikanischer Jungbildhauer, die gern die Mysterien der Kunst mit denen des Skateboardens verknüpft, hat für die Kasseler Jugend eine Halfpipe in Form eines Swimmingpools gebaut. Die US-Skater amüsierten sich schon vergangene Woche prächtig ­ und wollten kaum glauben, dass ihr Parcours Teil der wichtigsten Kunstveranstaltung der Welt sein soll. Zum Kringeln.


* Bis 15. September

** Katalog (55 Euro), Kurzführer (15 Euro), Bildband (30 Euro) und fünf Dokumentationen zu den Plattformen (je 30 Euro), alle im Hatje Cantz Verlag.



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