Documenta 12 Rohrstockhiebe in Arkadien

Schönheit und Sinnlichkeit hatte der Documenta-Chef angekündigt: Auf der größten Kunstschau der Welt soll das museale Erlebnis "eine Lust" sein. Ein erster Rundgang zeigt: Die Ausstellung setzt auf die Kraft der Ästhetik - und auf pädagogische Daumenschrauben.
Von Jenny Hoch

Die schlechte Nachricht zuerst: Der international berühmte Starkoch Ferran Adrià wird nicht auf der Documenta in Kassel kochen. Sein Name war zwar der erste auf der langen Liste der ausstellenden Künstler, den der Ausstellungsleiter Roger M. Buegel preisgab, aber offenbar fand sich kein tragfähiges Konzept, der experimentellen Molekularküche des Spaniers museale Weihen zukommen zu lassen.

Man entschied sich statt dessen für eine Verlegenheitsvariante und erklärte Adriàs Restaurant "El Bulli" an der Costa Brava kurzerhand zum Documenta-Standort, in dem an den kommenden 100 Tagen angeblich jeweils ein Zweiertisch für Documenta-Gäste reserviert sei - ausgewählt von der Documenta-Leitung "mit bewährter kuratorischer Willkür". Will heißen: So dehnbar wie erhofft ist der Kunstbegriff für den stets betont unorthodox auftretenden Buergel nun auch wieder nicht; die Gratis-PR nehmen er und Adrià aber dennoch gerne mit.

Doch auch ohne appetitlich servierte sphärische Ravioli und halbgefrorene Foie-Gras-Pülverchen aus Adriàs Zauberküche bietet die zwölfte Ausgabe der Documenta genug Augenschmaus - ästhetische und inhaltliche Übersättigung inbegriffen. Die List des Documenta-Chefs und seiner Kuratorin und Ehefrau Ruth Noack scheint aufgegangen zu sein.

Wohl dosiert entwarfen sie vorab das idyllische Bild eines wahren Arkadiens der Künste, wohl auch, um museumsferne Besuchermassen anzulocken: Nach den Diskursschlachten vergangener Documentas solle das Sehen in ihrer Ausstellung endlich wieder "eine Lust" sein, im Mittelpunkt stehe die ästhetische Erfahrung, es gehe um Schönheit und Sinnlichkeit. Zum Ausruhen und für den Meinungsaustausch werde es luftige Palmenhaine geben - kurz, man wolle nichts Geringeres als eine neue "Ethik des Miteinanders" entwerfen.

Nur hie und da blitzte zwischen all diesen schönen Worten ein rigider und durchaus elitärer pädagogischer Anspruch auf. Wie Rohrstockhiebe auf ungezogene Pennälerhände pfiff Buergel den Fragestellern dann Sätze wie "Ich würde das Publikum gern mit seiner kompletten Ignoranz konfrontieren", "Ich will die Daumenschrauben anziehen, so fest es geht" oder "Ich halte Optik sowieso für eine völlig überschätzte Kategorie" um die Ohren. Holla, da klang einer wie ein Politiker, der "den Menschen" endlich mal sagt, wo's langgeht. Und wenn das Publikum das von ihm zusätzlich geschnürte Theoriepaket aus philosophischen Schwergewichten wie Friedrich Schiller, Michel Foucault, Walter Benjamin und Giorgio Agamben nicht verstehen sollte, dann sei es eben zu dumm. Punkt.

Er sei eben kein Weltumarmer, verteidigte sich Buergel.

Richtig alte Sachen

Zum Glück zeigt sich beim Rundgang durch das riesige Documenta-Areal aber schnell, dass man kein Masochist sein muss, um den dargebotenen Kunstparcours genießen zu können - bei aller Überforderung, die so einer Mammutschau zu eigen ist. Wer sich von der Ausstellung allerdings einen marktfähigen Wegweiser durch angesagte Positionen der Gegenwartskunst erwartet, der wird enttäuscht sein. Denn diese Documenta will alles, nur nicht dem überhitzten Kunstmarkt Futter in den unersättlichen Rachen werfen.

Buergel und Noack zeigen fast keine etablierten Stars, dafür einige Wiederentdeckungen wie die minimalistische Malerin Lee Lozano oder Charlotte Posenenske mit ihren Vierkantrohren aus Blech. Dazu kommen viele Künstler aus Afrika, dem Nahen Osten oder Asien, sowie - eine Provokation für diese weltweit wohl bedeutendste Schau für Gegenwartskunst - richtig alte Sachen: Eine persische Miniatur aus dem 14. Jahrhundert ist ebenso dabei wie indische Kalligrafien aus dem 16., eine chinesische Lacktafel aus dem 17. oder ein iranischer Gartenteppich aus dem 19. Jahrhundert.

Die Idee dahinter ist bestechend: Fragen an die Gegenwart können auch mit Klassikern beantwortet werden. Unwillkürlich wird man so zum Fährtenleser, der versucht, Altes mit Neuem zusammenzubringen und formale und thematische Bezüge herauszufiltern. "Migration der Form" nennt Buergel das Phänomen, wenn bestimmte Zeichen, Formen oder Motive sich über Ländergrenzen und Jahrhunderte hinweg bis in die Gegenwart durchgesetzt haben. Beziehungsreich hängt da etwa der gemusterte Gesichtsschleier einer Braut aus Tadschikistan neben einem modernen ornamentalen Gemälde. Romuald Hazoumés "afrikanisch" anmutende Masken aus Plastikkanistern sind neben Cosima von Bonins aus farbigen Stoffen zusammengenähtem Quilt "Plädoyer" platziert, und die wunderbaren Schwarzweiß-Aufnahmen von Frisuren-Kunstwerken des Nigerianers J.D. 'Okhai Ojeikere nehmen die Linienführung asiatischer Kalligrafien auf.

Buergel und Noak bespielen das Documenta-Areal wie eine Bühne, für die sie unterschiedliche Dramaturgien und Bühnenbilder konzipiert haben. Im Fridericianum, der Hauptspielstätte, bietet eine nach alten Plänen erstellte Freitreppe die perfekte Kulisse für eine klassisch museale Präsentation. An den Fenstern sorgen Gardinen für gedämpftes Licht, die Wände sind ochsenblutrot, lindgrün oder grau gestrichen. Werke wie die kühn geschwungene Installation der Brasilianerin Iole de Freitas oder die zugleich ikonenhaft und totalitär wirkenden Fotokollagen von Zofia Kulik wirken hier wie Klassiker.

Eine Giraffe namens Brownie

Documenta-Gast aus dem Westjordanland: Eine Giraffe namens Brownie

In der Neuen Galerie dagegen wird es intim. In den schummrigen Kabinetten trauen sich die Besucher kaum noch zu flüstern. Nedko Solakov deckt in dieser verschwörerischen Atmosphäre seine frühere Mitarbeit bei der bulgarischen Geheimpolizei auf. Die Inderin Sheela Gowda sorgt mit ihrer Arbeit "Collateral" mit abgebranntem Weihrauch für eine olfaktorische Herausforderung. Und der Südafrikaner Churchill Madikida zeigt mit seiner Installation "Status" einen eindrücklich sakralen Andachtsraum zum Thema Aids.

Die Documenta-Halle wirkt dagegen wie ein surrealer Spielplatz, neben Cosima von Bonins Riesenstofftieren und Inigo Manglano-Ovalles unheimlichen "Phantom Truck" steht hier der heimliche Star dieser Documenta: Eine echte Giraffe, die im einzigen Zoo des Westjordanlandes einst auf den Namen Brownie hörte. Ein Tierarzt stopfte sie, nachdem sie im Zuge der zweiten Intifada zu Tode kam, sehr unfachmännisch aus - nun hat der Künstler Peter Friedl sie hier auf ihre wackeligen Beine gestellt - warum, diese Frage muss jeder sich selbst beantworten.

Im eigens erbauten Aue-Pavillon dominiert das libertäre Prinzip. Zwar ist das riesenhafte Gewächshaus nicht ganz so luftig und durchlässig geraten wie ursprünglich geplant, aber dennoch sind die Ausstellungsstücke locker - und bisweilen leider auch lieblos - in dem geteerten Glaspalast arrangiert. Hier steht das löchrige Schiff der Träume, das Romuald Hazoumé aus Kanistern gebaut hat. Rätselhaft-poetische Gemälde von Monika Baer bieten pastellene Fluchten aus politisch aufgeladenen Fotoserien wie "Arab al-Sbaih" der Palestinänserin Ahlam Shibli über Flüchtlingslager in Jordanien. Gerwald Rockenschaub, ein früherer Vertreter des Wiener Post-Punk-Aufbruchs, hat hier augenzwinkernd ein Klassenzimmer hineingebaut, das viel zu klein ist für all die bildungsbeflissenen Documenta-Besucher.

Rote Fäden gibt es in der Ausstellung genug. Oft auch sprichwörtlich, wie im Fall der biografischen Arbeit "And Tell Him of My Pain" von Sheela Gowda. Für ihre Nabelschnüre verschlang sie Bündel von Nadeln und Fäden ineinander, färbte sie und verklebte sie mit Gummi arabicum. Diese und viele andere lose Enden zu entwirren, ist Aufgabe des Publikums. Hilfreich ist dabei, dass Werkgruppen einiger Künstler dezentralisiert gehängt sind. Das heißt, man begegnet ihnen in den unterschiedlichen Ausstellungsstätten immer wieder und kann sie wie alte Bekannte auf Veränderungen hin untersuchen.

Immer funktioniert dieses detektivische Verfahren nicht, doch ist diese Art des Scheiterns durchaus gewollt. Es gibt, so scheint einem diese Ausstellung auch sagen zu wollen, eben nicht immer für alles eine Antwort. Manchmal genügt es aber vielleicht schon, die richtigen Fragen zu stellen.

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