Documenta Eben noch Altenpfleger, jetzt Künstler

Von Erweckungserlebnis bis Ernüchterung: Der Sammelband "documenta emotional" lässt Mitwirkende und Besucher ihre persönliche Sicht auf die Mega-Schau schildern. Dazu gehören sowohl Maler Norbert Bisky als auch Ex-Finanzminister Hans Eichel - mit sehr verschiedenen Eindrücken.

DPA

Die Documenta kann Leben verändern. Zum Beispiel das des damals 22-jährigen Rudolf Zwirner: "Am Ende der Führung habe ich beschlossen, das Jurastudium endgültig aufzugeben, um in die Kunstwelt zu gehen", erinnert sich Zwirner an seinen Besuch der ersten Documenta 1955. Später sollte er tatsächlich einer der wichtigsten Galeristen und Kunsthändler für zeitgenössische Kunst werden - und Sekretär der zweiten Documenta. Auch das Leben des Kunstkritikers und gebürtigen Kasselers Alfred Nemeczek "wäre anders verlaufen", wenn er "die Documenta nicht gesehen hätte". Genau wie das des 1970 geborenen Künstlers Norbert Bisky. Der arbeitete 1992 als Altenpfleger und hatte nie daran gedacht, Künstler zu werden. Von der Documenta 9 war er dann so beeindruckt, dass er sich "ein halbes Jahr später" entschied, "Maler zu werden" und sich "auf ein Kunststudium vorzubereiten".

Solche persönlichen Erinnerungen hat der Kasseler Kulturwissenschaftler Harald Kimpel in seinem Buch "documenta emotional" von mehr als 30 an der Documenta Beteiligten und Besuchern versammelt. Neu sind die Anekdoten nicht, Kimpel hat sie aus Autobiografien, Zeitungsartikeln, Interviews und anderen Publikationen aus fünf Jahrzehnten zusammengetragen. Natürlich kommen der Documenta-Gründer Arnold Bode und der Documenta-Chef Harald Szeemann zu Wort, es erinnern sich aber auch Wegbegleiter, verantwortliche Organisatoren, jobbende Studenten und Galeristen, Künstler und Politiker, Kritiker und Besucher.

Es macht Spaß, die persönlichen und emotionalen Geschichten zu lesen, weil sie den Mythos Documenta mit ihrer Subjektivität entzaubern. Da gibt es Kritik, Gemäkel, Geschichten von Pleiten, Geldsorgen und Streitereien, Komisches und Dramatisches und große Begeisterung, und oft ist die persönliche Sicht auch ein Blick hinter die Kulissen.

So erinnert sich Zwirner, welch Glück es für ihn war, "in ganz jungen Jahren in einen Paradigmawechsel zu geraten", nämlich in den "großen intellektuellen Streit" um die Gegenständlichkeit und die Abstraktion. Und wie eigentlich die Ausstellungsstücke ausgewählt wurden: "Welche Bilder geschickt wurden, bestimmte jeweils der Galerist" nach dem Motto: "Wenn wir diesen Picasso geben, dann nehmt ihr noch Masson." Zum ersten Mal wurden "die Amerikaner" gezeigt, die "damals keinesfalls Berühmtheiten waren, außer Jackson Pollock". Und weil niemand in der Lage war, "eine amerikanische Auswahl zu treffen", organisierte der International Council den US-Beitrag. Als dann die Bilder von Barnett Newman ausgepackt wurden, "von denen jedes gut eine ganze Wand füllte", wurde klar, "dass wir nur im ersten Geschoss über die nötigen Wände verfügten". Bode musste den Dachboden ausbauen, und "da kam nun die ganze zweite Garde des europäischen Informel hin".

Ein wunderbares Wochenende mit Hans Eichel

Natürlich kommen Christos vergebliche Versuche vor, seine 70 Meter hohe Plastik mit "verpackter Luft" aufzurichten, über die die Kasseler erst "furchtbar gelacht", dann sich aber "wirklich gefreut haben", als sie endlich stand.

Eine Leistung des Buches ist es, dass oft verschiedene Sichten auf dieselbe Situation vorkommen. Zum Beispiel auf das finanzielle Fiasko der Documenta 5. Daran erinnern sich der ehemalige Kasseler Bürgermeister Hans Eichel und auch Harald Szeemann. Eichels Sicht auf das finanzielle Defizit nach der 5. Documenta, für das Szeemann persönlich in Regress genommen werden sollte, sieht so aus: "Versöhnlich" sei der "verbitterte" Szeemann gewesen, nachdem Eichel in der Schweiz "ein wunderbares Wochenende" mit ihm verbracht hatte. Szeemann hingegen erinnert sich, dass er für jede Bezahlung eines Mitarbeiters "vors Arbeitsgericht gehen musste" und immerhin noch "Geld da war, um dem hintersten Studenten einen Arbeitsprozess zu machen".

Andere Berichte machen nachdenklich, wie der von Willi Sitte, der 1977 zusammen mit vier Künstlerkollegen zum ersten Mal auf der Documenta 6 Kunst aus der DDR repräsentieren sollte. "Ein ganzer Seitenflügel sollte uns zur Verfügung stehen", schreibt Sitte, aber als Georg Baselitz und Markus Lüpertz wegen der Teilnahme der DDR-Maler ihre Werke zurückzogen, wurden die Bilder der sozialistischen Realisten "in einen barackenartigen Durchgangsraum einer schmalen, niedrigen Passage gehängt" - "eine diskriminierende Präsentation".

Leider versiegen die Berichte mit der 8. Documenta. Über Jan Hoets Documenta (d9) gibt es eine langweilige Schilderung, und zur 10. und 11. schreibt nur Bernd Leifeld so korrekt, wie es sich für einen amtierenden Geschäftsführer gehört. So passt die Tagebuchaufzeichnung des Bundespräsidenten Theodor Heuss zur Documenta 1 am Schluss des Buches auch ganz gut zum Buch selbst: "Das Ganze kühn und eindrucksvoll, nicht, vor manchen Stücken, ohne den Eindruck, dass der revolutionäre Elan sich in pedantischem Doktrinarismus abfangen könne."



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