documenta-Rundgang Bloß kein Event!

Alle fünf Jahre blickt die Kunst-Welt nach Kassel. Diesmal jedoch blickt die documenta zurück auf die Welt: Viel politisches Gewicht und Information, dafür wenig sinnliche oder lustvolle Innovation - die 11. Weltausstellung der bildenden Kunst ist eine Veranstaltung des Nachdenkens, aber auch des Gähnens.


Marcaccio-Kunstwerk "End Of Mainstream": Großflächig, erdrückend, monströs
DDP

Marcaccio-Kunstwerk "End Of Mainstream": Großflächig, erdrückend, monströs

Wenn man ins "Fridericianum", das Museumszentrum der Weltkunstausstellung eintritt, erlebt man ein Déja-vu: Kunst "im Rahmen", Gehängtes, Installiertes, dazu Fernsehgeräte mit Video-Installationen - hier ein paar aufgereihte Gläser, dort jede Menge große und kleine Fotos. Wo sind wir? Welches Jahr haben wir? Ein Würfel vor der kahlen "Fridericianum"-Wiese fällt einem wieder ein: "Wozu Kunst?". Aber auch das Banner mit dem Imperativ "Keine Fragen mehr!", das am Straßenrand prangte. Antworten sollen es also sein, die Chef-Kurator Okwui Enwezor präsentieren möchte, allein die Fragen sind nicht wirklich neu.

Genau wie manches, das ausgestellt ist: Ganze drei Stockwerke füllen obsessive Notierungen musikalischer Abläufe und einige Videos der 1941 geborenen Konzeptkünstlerin Hanne Darboven - großflächig und großzügig, aber bekannt. Gewiss auch "exemplarisch", wie es der Kurzführer vermeldet, aber Retrospektiven und Würdigungen von Gesamtwerken sollten doch nicht vornehmlich und programmatisch die Sache einer Jetzt-Show wie der documenta sein, oder?

Enwezor will Werke zeigen, die heute wichtig und kraftvoll, aber nicht unbedingt neu sind. Wo aber soll dann Ungewohntes und Gewagtes gezeigt werden, wenn nicht auf der documenta? Die Grobleinwand-Bilder des New Yorker Künstlers Leon Golub liefern schon eher den Rahmen für Enwezors gesellschaftlichen Dialog um Gewalt, Unterdrückung und Medien, umso mehr, da Golub erheblich direkter und fordernder in seiner Sozialkritik geworden ist. Auch expressive Schrifteinblendungen in seinen Bildern sorgen für Eindeutigkeit: "We can make you disappear" - "Wir können Sie verschwinden lassen" ist das Thema seiner sparsam gezeichneten Gewaltdarstellungen.

Seltene Sinnlichkeit: Foto-Kunstwerk von Shirin Neshat

Seltene Sinnlichkeit: Foto-Kunstwerk von Shirin Neshat

Auch die Rauminstallation der 1996 in Paris verstorbenen Iranerin Chohreh Feyzdjou, die mit jedem Gegenstand einen Moment ihres Lebens verewigte, vermag gleich im Eingangsbereich zu überwältigen. Eher verstörend ist die Installation "Homebound"/"Ans Haus gebunden" der Libanesin Mona Hatoum, bei der hinter einer Drahtwand Wohn- und Schlafmöbel aus den fünfziger Jahren präsentiert werden, die untereinander elektrisch verkabelt sind und eine fremd gewordene, feindliche Alltäglichkeit zeigen. All das, wie gesagt, am "Eingang" der documenta - die Visitenkarte signalisiert Bewährtes.

Führung tut not

Wer jedoch nicht nur zufallsblind zwischen den oft scheinbar willkürlich nebeneinander platzierten Werken herumirren will, dem empfiehlt es sich, vor Ort einen der menschliches Guides zu engagieren oder sich einer Führung anzuschließen - zumal, wenn man sich nicht mit dem dicken documenta-Buch für 55 Euro abschleppen will. Der Kurzführer ist zwar handlicher, aber dafür so lieblos gestaltet, dass man nicht einmal erfährt, welcher Künstler an welchem Ort der Ausstellung zu sehen ist. Diese Information gibt es nur auf einem Extra-Faltblatt. Auch zeigen die Abbildungen nicht notwendigerweise die ausgestellten Werke. Der "Kurzführer" ist, trotz seines Namens, ein sicher auch informatives Handbuch, aber am Ende eben doch kein Führer. Das alles wirkt konzeptlos, hastig zusammengeschustert und macht keine Freude.

Bewährtes im "Fridericianum": Installationskunst von Mona Hatoum

Bewährtes im "Fridericianum": Installationskunst von Mona Hatoum

Hat man das etwas biedere "Fridericianum" und die wie schon beim letzten Mal theorielastige documenta-Halle hinter sich gelassen, erwartet einen in der etwas abgelegenen "Binding Brauerei" - einem neuen Standort der documenta - der wohl beste Teil der Kunstschau: Etwa die ebenso witzige wie bedrückende Arbeit "Landings" des in New York lebenden Jamaikaners Nari Ward, die einen kippenden, verfremdeten Baum im Verein mit technischen Materialien zeigt - bedrohliche Bewegungen, unterlegt mit hypnotischen Sounds. Oder die voluminöse Studio-Installation des Kroaten Ivan Kozaric, die interessant mit der "Großen Tischruine" des Deutschen Diether Roth kontrastiert - beides Konvolute aus Kunst und Alltag, detailreich, erdrückend und höchst lohnend für eine Augensafari. Kunstwerke, in denen man sich verlieren kann.

Großflächig, erdrückend, monströs und schreiend bunt sind die wandartigen Gemälde des Argentiniers Fabian Marcaccio, die außerhalb des Binding-Gebäudes präsentiert werden. Voluminöse Kommentare zu Städtebau und sozialem Leben, präzise Details und flächige Farben rivalisieren um Blicke und Wirkung. Es ist seine Version, einer digital gestützten, "neuen" Malerei, die freilich auch nur bekannte Bilder opulent und farbenreich variiert. Aber es gibt auch seltsam exotisch anmutende Ölbilder zu sehen: Der belgische Maler Luc Tuymans verfremdet alltägliche Landschaften und Lichtwirkungen, die manchmal an Filmstills, manchmal an Albträume erinnern, und an deren Intensität ein Regisseur wie David Lynch seine helle Freude hätte. In der labyrinthischen Fülle der "Binding-Brauerei", in der man sich verlieren und verlaufen kann und die zum Entdecken einlädt, zeigt sich die documenta am ehesten voller Magie und zupackender Sinnlichkeit.

Abbilder der Wirklichheit

Dialog um Gewalt, Unterdrückung und Medien: Kunst des New Yorkers Leon Golub

Dialog um Gewalt, Unterdrückung und Medien: Kunst des New Yorkers Leon Golub

Der Großteil der documenta 11 gehört jedoch den Fotoarbeiten. Sehr häufig haben sie deutlichen Reportage-Charakter und reflektieren die Atmosphäre, oft auch die Zerstörung, von Städten. Okwui Enwezors Heimatstadt Lagos ist ein Thema, wie auch das von Erdbeben geschüttelte Tokyo und die scharfen Gegensätze der südafrikanischen Metropole Johannesburg. Städtebau, Landschaftskunst und die Unterdrückung der Lebewesen sind immer wiederkehrende Themen der Bilder und zahlreichen Videoarbeiten. Da ist der Beitrag der inzwischen berühmten Iranerin Shirin Neshat fast schon eine poetische Ausnahme. In der sich große Männergruppen in einer archaisch anmutenden Choreographie über karge Landschaften zu einem großen Baum bewegen. Das Verhältnis von Männern und Frauen in islamischen Gesellschaften wird auf diese Weise sinnlich und greifbar thematisiert.

Doch viele der umfangreichen Fotoarbeiten erschöpfen sich im Dokumentarischen. Vielleicht haben die Kuratoren den Ausstellungsnamen "documenta" etwas zu wörtlich genommen. Die inzwischen klassischen und wohlbekannten "Fassaden Fachwerk"-Fotos des Ehepaares Bernd & Hilla Becher aus den siebziger Jahren (zu sehen im Kulturbahnhof) sind zwar wichtig und exemplarisch, nur eben auch bestens bekannt. Fotos, die die Wirklichkeit abbilden - und sei diese noch so erheblich und zeigenswert - sieht man oft, manchmal schon zu oft. Es gibt viele hervorragende, mutige Fotografen, die ihr Leben für die bildnerische Wahrheit riskieren. Stilisierte man sie ob ihrer Sujets zu Künstlern, sie würden höchstwahrscheinlich mürrisch abwinken.

Cineastische Avantgarde: Filmausschnitt von Jonas Mekas

Cineastische Avantgarde: Filmausschnitt von Jonas Mekas

Im Filmprogramm der documenta 11 ist unter anderem das fast fünfstündige, autobiografisch bestimmte Werk des legendären Avantgarde-Regisseurs und Publizisten Jonas Mekas zu sehen, "As I Was Moving Ahead, I Saw Brief Glimpses Of Beauty". Der 1922 in Litauen geborene und heute in New York lebende Künstler gehörte mit der Film-Makers Cooperative und der Film-Makers Cinémateque bereits in den sechziger Jahren zu den Erneuerern des Kinos, die mit alternativen Produktions- und Vertriebswegen in den USA neue künstlerische Wege aufzeigten und realisierten.

Die lästige Pflicht

Die documenta 11 präsentiert also weder entscheidend Neues noch Fingerzeige, wie die Welt zu Beginn eines neuen Jahrtausends mit bildnerischen und kreativen Mitteln gesehen und verändert werden kann. Nach vier Jahren Arbeit - nicht nur von Okwui Enwezor, sondern auch von seinen sechs (!) Co-Kuratoren - ist die in Kassel gezeigte Ausstellung mager und widersprüchlich. Fast scheint es, als sei diese "Fünfte Plattform" nach den vorangegangenen vier internationalen Theorie-Symposien nur noch eine lästige Pflicht, die irgendwie auch noch abgehakt werden musste. Der Anspruch Okwui Enewzors, die Weltkunst zu erläutern und ihre politischen Parameter darzustellen, ist eine ehrenvolle Sache. Nur sollte man es rechtzeitig bekannt geben, wenn man eigentlich keine Lust hat, auch noch eine Ausstellung dazu zu organisieren.

bedrohliche Bewegungen, hypnotischen Sounds: Raumkunst von Nari Ward

bedrohliche Bewegungen, hypnotischen Sounds: Raumkunst von Nari Ward

Catherine Davids documenta 10 - seinerzeit voreilig als kopflastig gescholten - war hiergegen der reinste Karneval auf bunten Sesseln. Aber vielleicht war es ja auch Enwezors Anliegen, den Unterhaltungswert der documenta zurück zu fahren: Bloß kein Event! Das immerhin ist ihm gelungen, und die Diskussionen über seinen "Anti-Event" werden lange und kontrovers geführt werden. Ihm selbst dürfte dies wohl ohnehin das Wichtigste sein - in diesem Sinne kann er "seine" documenta schon jetzt als Erfolg verbuchen.



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