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"Dogville" in Frankfurt: Auf deinen Platz!

Foto: Birgit Hupfeld

Theater-Premiere in Frankfurt Die Glocke hängt am Galgenseil

Karin Henkel inszeniert Lars von Triers verstörendes Lehrstück "Dogville" über das Tier im Menschen - richtig böse wird es bei ihr aber erst ganz am Schluss.

Die stärkste Szene des Abends gehört einem rothaarigen, vielleicht zehnjährigen, schwergewichtigen Jungen. Mit Mut zum großen Auftritt spielt er seinen Part als Einwohner von Dogville: Breitbeinig steht er da, blafft die schöne Grace an und erpresst sie. Er hat die Verhältnisse durchschaut: Selbst er, ein Kind, hat Macht über die Frau, die nur eine Geduldete ist in diesem Städtchen. Für einen Moment bricht da die Brutalität der kleinstädtischen Gesellschaft durch, die in "Dogville" doch eigentlich das Thema ist - und von der in Karin Henkels Frankfurter Inszenierung sonst so wenig zu spüren ist.

Es ist auch keine leichte Aufgabe, die sich die 43-jährige Erfolgsregisseurin - Karin Henkel ist in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge zum Berliner Theatertreffen eingeladen - mit der Inszenierung von "Dogville" gestellt hat: Der Film des Dänen Lars von Trier aus dem Jahr 2003, auf dem die Bühnenversion basiert, ist ein strenges Meisterwerk, ein eindringliches Lehrstück über Gut und Böse, Schuld und Rache, in rudimentären Kulissen gedreht, als sei es Theater. Ein Film, der lange im Kopf bleibt.

Von Trier, der so radikale, selbstherrliche, verkorkste Moralist, erzählt darin die Geschichte von Grace, einer jungen Frau, die auf der Flucht vor einer Gangsterbande in Dogville landet. Tom, ein junger Mann, der sich im Ort als Ersatzpfarrer aufspielt, überredet seine Mitbürger, Grace aufzunehmen und zu verstecken. Er will ihre Nächstenliebe testen. Das Experiment geht gründlich schief. Zunächst beglückt Grace zwar alle im Ort mit ihrer Hilfsbereitschaft und Sanftmut, doch als der Druck auf die Einwohner wächst und die Polizei nach Grace sucht, entpuppt sich die Frau als perfektes, vermeintlich wehrloses Opfer. Die Frauen von Dogville nutzen sie aus, die Männer vergewaltigen sie regelmäßig. Am Ende liefert Tom Grace den Gangstern aus - doch der Gangsterboss stellt sich als Grace' Vater heraus, der seine verlorene Tochter wieder aufnimmt und auf ihren Wunsch hin den ganzen Ort auslöscht. Ein Exorzismus, radikal und verstörend.

Henkel beginnt in Frankfurt mit diesem Ende, inszeniert die Massenerschießung mit viel Theaterblut, realistischer fast als im Film - nur um danach gleich ihren Erzähler Tom eine Illusionsvollbremsung reinhauen zu lassen, indem er das Publikum aufklärt, dies sei das Ende der Geschichte, das Blut natürlich nur Theaterblut, und nun wollen wir mal sehen, wie es dazu kam.

Falsche Nasen und geblümte Kittel

Also alles zurück auf den idyllischen Anfang. Der Bühnenbildner Jens Kilian hat Dogville als doppelstöckiges, detailverliebtes Puppenhaus auf die Drehscheibe gebaut. Das Glockenseil, das daneben hängt, sieht aus wie ein Galgenstrick. Claude de Demo ist eine gleichmütige, geerdete Grace, Torben Kessler ein überzeugend selbstverliebter Tom. Das sonstige Typenpersonal, in der Theaterversion auf zehn Erwachsene reduziert, balanciert allerdings an der Grenze zur Karikatur. Klaus Bruns hat sie vorwiegend in Kombinationen aus Hellblau und einem aggressiv sonnigen Gelb gesteckt, dazu dem einen eine falsche Nase angeklebt, dem anderen einen geblümten Kittel verpasst und dem dritten eine skurrile Perücke.

Auch die Regisseurin setzt auf Spielwitz und erzählt die Geschichte, rhythmisiert von der Musik eines Streichquartetts, mit guten szenischen Einfällen. Nur wenige allerdings sind so eindringlich wie die Szene, in der die bigotte Martha einen Mitbürger anblafft wie einen Hund, als der während einer Versammlung der Gemeinde davonrennt: "Auf deinen Platz." Da wird die von Tom so oft beschworene "Erziehung" des Menschen als Dressur entlarvt.

Von Trier hat den Zuschauer mit seiner strengen Versuchsanordnung ins Innerste getroffen. Henkels Inszenierung ist dagegen merkwürdig vergnüglich anzuschauen. Die Regisseurin behauptet die Allgemeingültigkeit nur, rückt das Stück aber mit realistischen Details der Kleinstadt, die bei ihr vollgestopft ist mit christlichen Symbolen, weit weg von uns, dem aufgeklärten, säkularen, großstädtisch-intellektuellen Publikum. Man betrachtet diese Kleinstadtbewohner wie Versuchskarnickel: mäßig interessiert, nicht involviert.

Oder führt uns die Regisseurin die ganze Zeit an der Nase herum? Will sie uns unsere Abgestumpftheit vorführen? Dass wir es ohne Probleme hinkriegen, zuzuschauen, wie eine Asylsuchende in Not zwar aufgenommen, aber nicht menschenwürdig behandelt wird? Der Hass, den von Trier durch die in aller Ruhe dargestellte Grausamkeit systematisch im Zuschauer aufbaut, so dass der die perverse Katharsis der Massenexekution am Ende fast gutheißt, entsteht in Frankfurt nicht. Henkels Ende aber ist fast grausamer als das von Triers.

Da bittet Tom die Zuschauer, den anfangs gezeigten Schluss zu vergessen, und zeigt das wahre, viel naheliegendere Ende: Grace wird lebendig in eine sargähnliche Kiste gesperrt. Dann setzen sich alle an einen Tisch und essen zu Abend.


Dogville. Im Schauspielhaus Frankfurt wieder am 17. und 28.4. sowie 2., 8. und 21.5., Tel. 069/21249494, www.schauspielfrankfurt.de