Doku-Fiction "Auf Nummer sicher?" Club der edlen Chipträger

Kontrovers und risikofreudig: Das ZDF wagt mit "Agenda 2020" den Blick in eine unheimliche Zukunft. Zum Auftakt spinnt die neue Doku-Fiction-Reihe die Debatte um den elektronischen Pass weiter - zu einem Paranoia-Schocker.

Spät in der Nacht brennt beim ZDF noch Licht. In der Abteilung "Kleines Fernsehspiel", deren Produktionen meist nach zwölf ausgestrahlt werden, verhandelt man hochaktuelle Themen, ohne sich diese von den öffentlich-rechtlichen Kontrollinstanzen auf Konsensformat runter fahren zu lassen. Lange bevor zum Beispiel das Wort Parallelgesellschaft zur beliebten Politikerphrase wurde, erzählte man auf diesem Programmplatz in Spielfilmen und Dokumentationen radikal über die Konflikte aus den multiethnischen Ballungsräumen des Landes. Vielleicht sind die ZDF-Gewaltigen ja um Mitternacht schon lange im Bett, auf jeden Fall klinken sich die Jungen vom "Kleinen Fernsehspiel" klug und ungebremst in laufende Debatten ein – statt ihnen, wie sonst beim Sender meist üblich, hinterherzuhinken.

Die Rasanz und die Risikofreudigkeit zeigt sich nun noch einmal besonders schön im Doku-Fiction-Schocker "Auf Nummer sicher?", mit dem die Reihe "Agenda 2020" eröffnet wird. Es geht darin um den elektronischen Pass, ePass genannt, und die Sicherheit des dazugehörigen Mikrochips, um die Übermittlung biometrischer Daten und den möglichen politischen und kommerziellen Missbrauch eben dieser Daten – mithin also um jene Themen, die gerade erst vor drei Wochen bei einer öffentlichen Anhörung im Bundestag kontrovers diskutiert worden sind. So schnell kann fiktionales Fernsehen sein.

Der Tonfall ist quasi-dokumentarisch, das Genre Sciencefiction: Authentische Wortbeiträge aus der ePass-Debatte – von Schäuble und Merkel oder von bekannten Kritikern wie Professor Andreas Pfitzmann ("Die Politiker leben ganz gut damit, dass sie geschürte Ängste symbolisch bekämpfen") – werden hier mit einem wüsten Zeitreiseplot kombiniert. Die freischaffende Berliner Journalistin Sandra Harkow (Anne Ratte-Polle) arbeitet an einem Promotion-Video der Sicherheits-Industrie für eine neue Chip-Technologie, wird jedoch durch Begegnung mit einem Zeitreisenden (Bernhard Schütz) mit einem beängstigenden Zukunftsszenario konfrontiert. Sie beginnt zu recherchieren und stößt tatsächlich auf Mängel und Fragwürdigkeiten bei dem Datenträger, den sie eigentlich bewerben soll.

Klar, die Stimmung ist der filmischen Spielart gemäß hysterisch, die Verknüpfung von realer Sicherheitsdiskussion und düsterer Zukunftsspekulation erscheint jedoch in sich schlüssig. Autor Henner Schulte-Holtey und Regisseur David Dietl, beide unverbrauchte 1970er-Jahrgänge, gelingt es, die Zweifel an der Technik der Radio Frequency Identification, also an der berührungslosen Lokalisierung von Menschen und Übermittlung von Daten, zu einem plausiblen Paranoia-Thriller zu verdichten: Was könnte passieren, wenn der Mensch bei seinen geschäftlichen, beruflichen und privaten Handlungen digital komplett durchleuchtet wird? So dient "Auf Nummer sicher?" als kluger Anstoß zur Ausbreitung einer Debatte, die hierzulande noch gar nicht ganz ins breite öffentliche Bewusstsein vorgedrungen ist.

Fernsehen als Versuchslabor

Zukunftsthemen erfordern Zukunftsformate: Die verstörende Kraft von neuen hybriden Erzählformen wie dem Doku-Drama wurde vom ZDF ja sogar schon zur Primetime genutzt, nämlich unlängst im Gerontologie-Reißer "2030 – Aufstand der Alten", in der die Rentendebatte zum Sci-Fi-Thriller verdichtet wurde. Und auch für die anderen Beiträge zur "Agenda 2020"-Reihe werden nun munter Doku, Soap, Videotagebuch und Spielfilm vermischt, um unterschiedliche gewagte Bilder der Zukunft zu entwerfen. Es geht um Überalterung, Jugendlichkeitswahn, Überwachungstechnologie und Arbeitsmarktpolitik. Sämtliche Beiträge besitzen originelle Ansätze, nicht alle wurden souverän umgesetzt. Aber das ist nun mal der Preis, der zu zahlen ist, wenn man das Risiko eingeht, Fernsehen mal als eine Art Versuchslabor zu betrachten und nicht nur als quotensichere Wiederkehr des Immergleichen.

Dass beim Experimentieren ohne Quotendruck und mit niedrigem Budget aber auch ein publikumswirksames Produkt herauskommen kann, beweist nun eben "Auf Nummer sicher?": Beachtlich, wie viel technischer und gesellschaftspolitischer Stoff in knapp 75 Minuten filtriert wird, ohne dass die Geschichte auf der Stelle tritt. Was auch daran liegt, dass die Figuren und deren Motivationen schlüssig ins Sujet integriert sind. Prekäre Verhältnisse sind das, in denen die Menschen hier leben: Die allein erziehende Heldin bewegt sich, um sich und ihren Jungen durchzubringen, in der gefährlichen Grauzone zwischen Promotion und Journalismus. Ihr Vater indes rettet sich vor dem Hartz-IV-Status mit einem Job in einem Call-Center, wo er zwar 12 Stunden am Tag telefoniert, aber nicht angerufen werden darf.

Sender unter der Haut

Kommunikationsoverkill und Informationsdefizit – aus diesem Widerspruch entwickelt die Mixtur aus Pulp-Story und Zukunftsprognose eine kluge Dynamik. So muss die junge Journalistin die Botschaften in Frage stellen, an deren Verbreitung sie selbst beteiligt ist. Eine davon lautet: "Body Chip – the future in you". Es handelt sich dabei um die Werbung eines Konzerns, der für einen in den menschlichen Körper implantierenden Datenträger wirbt, der per GPS überall auf der Welt lokalisierbar ist.

Was eigentlich für jeden mündigen Bürger die Manifestation des totalen Überwachungshorrors darstellen sollte, wird in dem heiter-grimmigen Sci-Fi-Krimi das definitive Zeugnis der Dazugehörigkeit: In einer edlen Hauptstadtdisco lassen sich die Stammgäste den Mini-Sender unter die Haut spritzen, um so vom Scanner des Türstehers in die In-Group sortiert werden zu können. In so einem Club möchte man dann lieber doch nicht Mitglied sein.


Die Filme der "Agenda 2020"-Reihe im ZDF:
Heute, 0.10 Uhr: "Auf Nummer sicher?"
21. Mai, 0.00: "TRUST. Wohltat"
5. Juni, 0.00: "Teenage Express"
11. Mai, 0.00: "Die Überflüssigen"
18. Juni, 0.00: "Innere Werte"

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