Doku-Soap "Der Arbeitsbeschaffer" "Nu aber"-Beratung im Plattenbau

Er geht dahin, wo es weh tut: in die Realität. "Der Arbeitsbeschaffer" versucht Unterschichtlern einen Job zu verschaffen. Schön anzusehen ist die neue RTL-Doku-Soap nicht, aber sie entlarvt die deutsche Vollkasko-Mentalität: Ihr könnt mich mal, ich muss gar nix!
Von Reinhard Mohr

Das Schöne bei RTL ist, dass alles völlig logisch und dramaturgisch sinnvoll aufgebaut ist. So wie gestern Abend. Erst kommt die "Super-Nanny", um im Chaos überforderter Familien am rechtsradikalen Rand des Nervenzusammenbruchs eine halbwegs demokratische Grundordnung zu schaffen. Und dann rückt der "Arbeitsbeschaffer" an, um einer fünfköpfigen Hartz-IV-Familie aus Halle an der Saale aus der Massenarbeitslosigkeit im Plattenbau zu helfen. Am Schluss fasst Günther Jauch bei Stern TV das bislang Erreichte im "Best-of"-Rückblick noch einmal zusammen. Und das meinen wir gar nicht (nur) ironisch.

Die "Super-Nanny" alias Katharina Saalfrank hat durchaus Lob verdient, trotz aller Serien-Inszenierung und soap-hafter Glättung des wahren Geschehens. Immerhin kämpft sie tapfer an der vordersten Front des sozialpädagogischen Prekariats und ist auf Augenhöhe mit der gesellschaftlichen Desintegration – ganz anders etwa als das ach so kritische linke Kabarett eines Urban Priol oder Hagen Rether, das ressentimentgeladen vor sich hin klimpert.

Auch der neue "Arbeitsbeschaffer" von RTL, der 32-jährige Lars Naundorf, geht nun dahin, wo es weh tut – in die Realität. Auf den ersten Blick sieht sie gar nicht so schlimm aus. Eine nett eingerichtete Wohnung im Hallenser Plattenbau, in der sich die inzwischen auch im Osten üblich gewordene Patchwork-Familie den Tag vertreibt. Das Problem: Niemand hat Arbeit oder einen Ausbildungsplatz. Seit 2001 geht das nun schon so, und vor allem bei Vater Rainer Jahn haben sich jahrelange Kränkung, Passivität und Perspektivlosigkeit tief ins Gesicht eingegraben.

Postproletarische Spitzhaarfrisur, konfektionierter Dreiteiler

Und dann hat er auch noch Bandscheibe, um mit Horst Schlämmer zu sprechen. In der Mitte des Lebens, aber eigentlich schon am Ende. Ein stilles Drama, das am wenigsten mit Geldmangel zu tun hat. 2000 Euro netto stehen der Familie insgesamt zur Verfügung, Monat für Monat. Der Sozialstaat lebt. Und wie. Aber er hilft eben nicht. Er finanziert den Stillstand, schlimmer: Er begleitet den allmählichen Niedergang, eine soziale Sterbehilfe erster Klasse. Man gewöhnt sich daran, dass der Staat alles bezahlt, auch wenn es nur gerade so reicht - Auto inklusive.

Lars Naundorf, der Arbeitsbeschaffer, ist da aus ganz anderem Holz geschnitzt. Nachdem er selbst arbeitslos geworden ist, hat er sich als privater Jobvermittler selbständig gemacht. Mit seiner postproletarischen Spitzhaarfrisur und dem konfektionierten Dreiteiler samt Pilotenkoffer sieht er aus wie einer jener fixen Ossis nach der Wende, die schnell begriffen hatten, wie der Hase läuft. Schon geistig-moralisch bringt er eine zutiefst sächsische Einstellung in das Reality-Format: amerikanischen Optimismus Marke Halle-Neustadt. Sein Motto: nu aber.

Sogleich erstellt er eine "ehrliche Analyse" der Situation unter freundlicher Vermeidung des zutreffenden Begriffs: "Gering qualifiziert" ist die gesamte Familie, und eigene Anstalten, daran irgendetwas zu ändern, sind nicht erkennbar. Selbst Ehefrau Ina Sachse, 37, rutscht nur halb im Spaß heraus, dass Rainer erst mal "seinen faulen Arsch hochkriegen" müsse. Leicht gesagt bei dem schönen großen Sofa.

Doch Lars Naundorf legt los, recherchiert, telefoniert, charmiert, redet mit Engelszungen und schafft es tatsächlich, dass Rainer sich bei einem Computerladen vorstellt. Leider ergeben zwei Tage Probearbeit, dass seine Qualifikation nicht ausreicht. Eine längere Fachausbildung lehnt er ab, und so bleibt vorläufig nur ein Posten als Hausmeister. Da er handwerklich begabt ist, zeichnet sich eine konkrete Jobchance ab.

Kleine Schule der Wirklichkeit

Derweil wird der Arbeitsbeschaffer mit Ina im Schlepptau in einer Spielothek vorstellig. Auch hier scheint sich, nach Abschluss einer laufenden "Maßnahme" der Arbeitsagentur, eine Möglichkeit zu eröffnen. Am schnellsten geht es bei der 19-jährigen Tochter Nicole. Sie weiß ziemlich genau, was sie will, und schon nach wenigen Tagen unterschreibt sie einen drei Jahre laufenden Ausbildungsvertrag mit einem Seniorenheim. Bingo. Und am Ende kriegt auch Rainer ein konkretes Angebot als Hausmeister mit 24-Stunden-Notfallservice. Allerdings müsste er dafür von Halle nach Erfurt umziehen. Eigentlich kein schlechter Tausch, und die Arbeitsagentur zahlt auch das noch. Aber die Familie will nicht. Sie will bleiben, wo sie ist. Vor allem Ina. Die Wohnung, das soziale Umfeld, die Freunde sind wichtiger als die Chance, "wieder ins Leben zurückzukehren", wie Lars Naundorf sagt.

Aber eigentlich wollen die Eltern das auch gar nicht. So, wie Rainer im Schlabber-T-Shirt samt Mottenloch zu den Bewerbungsgesprächen erscheint, die er ohne den "Arbeitsbeschaffer" niemals bekommen hätte, signalisiert er nur eines: Ihr könnt mich mal, ich muss gar nix! Empört steht er auf und reißt sich das Mikro vom Schmuddelhemd, als Naundorf ihn auf sein äußeres Auftreten aufmerksam macht. Das muss er, Rainer, sich doch nicht bieten lassen!

Die Frage, warum wir Steuer- und Sozialbeitragszahler uns das von ihm bieten lassen, kommt ihm gewiss nie in den Sinn. Er sieht sich als Opfer, und das gibt ihm alles Recht der bösen Welt. Schuld haben immer nur die anderen, und im Zweifel verharrt er lieber im bekannten Luxuselend als wirklich etwas Neues anzugehen. Ein völlig fremder Gedanke in dieser abgespacten Sphäre: dass das Leben eine ständige Herausforderung sein könnte, dass Individualität und Leistung das Selbstwertgefühl heben, ja, Genuss und Glückserfahrung sein können. Und: dass man dabei durchaus klein anfangen kann.

Ein ästhetischer Genuss ist die neue RTL-Serie aus dem fast ganz wahren Leben gewiss nicht. Zu steif und steril, zu konfektioniert klappert das Setting. Doch sie liefert eine kleine Schule der Wirklichkeit mit einer unschönen Erkenntnis: Trotz eines Rekordstands von beinahe 40 Millionen Arbeitsverhältnissen wissen viele in Deutschland gar nicht mehr, wie das geht: leben und arbeiten auf eigene Rechnung und Verantwortung.

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