Doku-Soap Priesteranwärter kämpfen gegen die Lust

"God or the girl": Mit diesem plakativen Titel wirbt eine neue Doku-Soap in den USA um Zuschauer. Ein Kamerateam begleitet angehende Priester bei den Versuchungen des Alltags - Mädchen, Alkohol, Mädchen. Und, wer hätte das gedacht, die Katholiken applaudieren.


New York - Ein Kruzifix vor tiefblauem Himmel, ein schwingendes Weihrauchfass, das Ganze unterlegt mit dramatischer Musik - so sieht der Vorspann einer neuen Fernsehserie aus, die in den USA derzeit für Gesprächsstoff sorgt. Bei der Doku-Soap geht es um vier junge Katholiken, die wenige Wochen vor ihrer Priesterweihe zwischen dem Keuschheitsgebot und den weltlichen Verlockungen in Gestalt von Ex-Freundinnen und anderen Frauen schwanken. "God or the Girl" (Gott oder das Mädchen) heißt die Serie. Der Titel bringt den Zwiespalt von Joe, Dan, Steve und Mike auf den Punkt.

Das echte Leben schreibt oft die besten Geschichten, dachten sich die Macher der Serie. Das Leben der vier "aufgeweckten, typisch amerikanischen Jungs" hat nach Einschätzung der Produzenten vom Kabelsender A and E alles, was für gute Unterhaltung steht: "Spannung, Schrecken und Triumph". Es gehe um den "ultimativen Kampf der Entscheidung" zwischen dem Gebot des Zölibat und der weiblichen Anziehungskraft. Der innere Aufruhr der Helden soll den Zuschauern in fünf Folgen näher gebracht werden.

In der ersten Folge begleiteten die Zuschauer den 28-jährigen Joe zum katholischen Weltjugendtag in Köln. Hier hofft er, ein befreundetes Mädchen zu treffen, dem er seine Zuneigung bisher noch nicht gestanden hat. Der 21-jährige Dan hat hingegen schon aufgehört, Mädchen zu treffen. Stattdessen beteiligt er sich an einer Mahnwache vor einer Abtreibungsklinik und stellt seinen Glauben auf die Probe, indem er ein 40 Kilo schweres Kreuz schultert und damit einen 30-Kilometer-Marsch bewältigt.

Der jungenhafte 25-jährige Steve, der früher einmal unbedingt Millionär werden wollte, hat die schwierige Aufgabe, seinen Saufkumpanen zu erklären, dass er tatsächlich Priester werden will. Der 24-jährige Mike ist hin und her gerissen zwischen seiner Freundin Aly und dem Rat seines Mentors, einem Priester.

Das Thema der neuen Serie klingt nach gesellschaftlichen Zündstoff. Lob kam von der katholischen Kirche. "Es ist endlich passiert: Das Reality-TV hat die Religion entdeckt", freut sich die katholische Bischofskonferenz in den USA. Die Doku-Soap sei gut durchdacht und behandle ihr Thema auf respektvolle Weise. Auch die kommerzielle Vermarktung des Themas finden die Kirchenmänner nicht anstößig. "Wenn dieses Vorgehen ein großes Publikum für eine untypische religiöse Serie gewinnt, warum nicht?"

Das Internet-Magazin "Slate" lobte, dass die Serie nicht auf reißerische Effekte setzt: "Es ist nur ein Prozent so krass wie es sein könnte." Trotzdem stieß "God or the Girl" zunächst auch auf Vorbehalte. "Am Anfang waren wir besorgt: wegen des Titels und weil in der Werbung für die Serie ein Mädchen in engem Oberteil auftritt", berichtet die Pressesprecherin der Katholischen Liga für Religion und Bürgerrechte, Kiera McCaffrey.

Angesichts von so wenig Kritik der Katholiken an der Doku-Soap machte sich die liberale "New York Times" zur Anwältin des Glaubens. "God or the Girl" stelle eine grobe Vereinfachung der Entscheidung für das Priesteramt dar, tadelte sie. Obwohl ihr ein tiefer Glauben zu Grunde liege, rücke die Serie das Keuschheitsgebot in den Mittelpunkt. Aber, urteilt die Zeitung milde, die Serie hätte "viel schlimmer" sein können.

Catherine Hours, AFP



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