"Don Quijote" als Schauspiel bei den Bregenzer Festspielen Im intellektuellen Schonschleudergang

Mit Ulrich Matthes und Wolfram Koch in den Hauptrollen hätte die Inszenierung des "Don Quijote" eigentlich ein Erfolg werden müssen. Wäre da nicht die höchst unvollständige und unbefriedigende Vorlage von Jakob Nolte.
"Don Quijote" bei den Bregenzer Festspielen mit Wolfram Koch (l.) und Ulrich Matthes

"Don Quijote" bei den Bregenzer Festspielen mit Wolfram Koch (l.) und Ulrich Matthes

Foto: Karl Forster/ Bregenzer Festspiele

Man darf vermuten, dass Jakob Nolte vor allem angehalten war, den Wiedererkennungseffekt nicht zu vernachlässigen: Deshalb bekam der Zuschauer die Darstellung des Windmühlenkampfs ebenso geboten, wie die lächerliche Herde der Ziegen, die der Ritter für ein martialisches Heer von Soldaten hält und natürlich des Knappen Sancho Panzas Sehnsucht nach einem Eiland. Eines der vertracktesten, hintergründigsten, an Herz und Nieren gleichermaßen gehenden Bücher erlebte so eher eine Art Festspielweichspülung mit intellektuellem Schonschleudergang. Und mit Starbesetzung natürlich!

Knapp 1500 Seiten lang ist die (vorzüglich von Susanne Lange ins Deutsche übertragene) Irrfahrt des "Don Quijote von der Mancha", die der Spanier Miguel de Cervantes Anfang des 17. Jahrhunderts veröffentlicht hat. Jakob Noltes Fassung für das Deutsche Theater in Berlin, das die Premiere an den Bodensee für die Bregenzer Festspiele verlegte, muss mit gerade einmal 70 Seiten auskommen. Bei einem Buch, das ohnehin keinen roten Faden hat und aus unzähligen unzusammenhängenden Geschichten besteht, kann da nur eine höchst unvollständige, naturgemäß unbefriedigende Sammlung von Fragmenten, Sentenzen und Szenen herauskommen. Eine holprige Nacherzählung mit schmerzlichen Lücken.

Regisseur Jan Bosse hat versucht, aus der widrigen Vorlage Funken zu schlagen

Kann eine Aufführung mit Ulrich Matthes als Ritter von der traurigen Gestalt und Wolfram Koch als Sancho Panza enttäuschen? Eigentlich nicht. Aber nach drei Stunden verließ man trotzdem seltsam unbefriedigt das Vorarlberger Landestheater.

Regisseur Jan Bosse versuchte zwar noch aus der widrigen Vorlage ein paar Funken zu schlagen, erzeugte aber vor allem wabernden Rauch: Nebelschwaden verhüllten das Nichts und Theaterdonner übertönte die Klugheit der Gedanken und die Absurdität des Handelns. Eine diffuse Stimmung vornehmlich in Moll erzeugte er mit funzeliger Beleuchtung und gruftiger Lautuntermalung. Es dominierte eine Endzeitstimmung, in der kaum Sehnsucht nach oder auch Furcht vor der kargen spanischen Weite aufkam, in der zumindest bei Cervantes die Landschaft ihre ganz eigene Sprache spricht.

Aber genug der Meckerei. Denn selbstverständlich ist es eine Lust, den beiden einsamen Herren da vorne beim Verrichten des Unmöglichen zuzusehen. Don Quijotes selbstgewählter Auftrag als Witwen-, Waisen- und Weltenretter, sein Wahn, seine Hirngespinste, sein absonderliches Sendungsbewusstsein bleiben auch in dieser Bearbeitung im Mittelpunkt. Wie ein mahnendes Ausrufezeichen steht Ulrich Matthes da: dürr und ausgezehrt, ein Melancholiker der aufgegebensten Sorte, bemäntelt wie ein Büßer, den Blechdeckel auf geschundenem Haupt.

Trauriger, sanfter und zarter als von Matthes dargestellt, lässt sich kein Don Quijote denken, auch nicht versonnener und versponnener. Das Unglück wird ihm nur zuteil, er zieht es gar nicht an: es geschieht ihm inmitten seines humanistischen Bemühens um ein bisschen Verbesserung des Lebens. Immer wieder pocht er mit leiser, absterbender Stimme darauf, dass die Gedanken, die Fantasie frei sind - wenn man denn fähig ist, auch die Verantwortung für sein Tun und Unterlassen zu übernehmen.

"Uns gibt's auch als Buch", sagt Sancho Panza einmal. Das ist gut, denn das sollte man lesen.

Der Sancho Panza des Wolfram Koch kommt da nicht ganz mit. Als verhinderter und ausgebooteter "Gubernator" (was einen Statthalter oder Landeshauptmann meint) eines Landes, das es nie geben wird, schindet er sich zwischen Dummheit und Gefräßigkeit ab für ein bisschen Glück und Komfort.

Koch erscheint mit wulstiger Wampe, eingezwängt in eine Stretchjeans, die ihn aussehen lässt wie eine abgebundene Blutwurst, und verdreht die Worte wie die Augen, aus denen nur Staunen spricht. Das "Ich glaube, ich bin ein bisschen traurig" seines Herrn rührt ihn kaum, wenn er sich zwischen hilflosen Machtfantasien und aufopfernder Hingabe nie so richtig entscheiden kann, ob er mit Chuzpe oder doch mit Beschränktheit näher an sein Ziel gelangt. Doch auch ihm geht bald auf, dass das alles hier nur ein "Hirngespinst" ist, eine Einbildung von Realität.

Am Ende sind die beiden traurigen Gestalten wieder am Anfang angelangt: da, wo sie noch nicht waren und wo sie auch nicht hinkommen werden. Der sterbende Ritter raunt den schönen Satz: "Sie schauten sich um, sahen das Meer, das sie noch nie erblickt hatten, fanden es weit und endlos."

Ach ja: "Uns gibt's auch als Buch", sagt Sancho Panza einmal. Das ist gut und das sollte man nun auch lesen. Und kann sich dabei durchaus Ulrich Matthes und Wolfram Koch vorstellen.


"Don Quijote". Bregenzer Festspiele, Vorstellungen am 22.7 und 23.7 sind ausverkauft

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