Marc Pitzke

Nach dem Mueller-Bericht Freispruch - für den Journalismus

Donald Trump hetzt mal wieder gegen kritische Medien - seiner Weltsicht zufolge entlarvt der Mueller-Bericht ihre Lügen. Tatsächlich bestätigen die Recherchen des Sonderermittlers die meisten Enthüllungen der vergangenen Jahre.
Bericht des Russland-Ermittlers Mueller

Bericht des Russland-Ermittlers Mueller

Foto: Win McNamee / AFP

Dem Präsidenten juckt's in den Fingern. Binnen 24 Stunden verschoss Donald Trump am Dienstag mehr als 50 Tweets und Retweets. Viele davon zielten auf jene, die er zu Erzfeinden erklärt hat: die nicht konservativen Medien.

Allen voran die "Fake News New York Times", wie er sie dieses Mal titulierte. "Wahrhaftige Volksfeinde!", wiederholte Trump seine Drohung an die erfolgreichste US-Zeitung, verbunden mit einer neuen Stufe der Egomanie: Die "NYT" müsse eigentlich vor ihm "auf die Knie fallen und um Vergebung betteln".

Trumps Medienhetze läuft auf Hochtouren, seit Russland-Sonderermittler Robert Mueller seinen Bericht vorgelegt hat - von dem sieht sich Trump "komplett entlastet" - und instrumentalisiert dieses Narrativ nun als Waffe gegen Journalisten.

Tatsächlich übernahmen einige Journalisten selbst schon vor Veröffentlichung des Berichts Trumps Perspektive: Dies sei "eines der größten Medienscheitern zu unseren Lebzeiten", klagte der Chefredakteur des konservativen, doch oft Trump-kritischen "National Review" auf Twitter. Weite Teile Amerikas, fürchtete auch Matt Taibbi vom linken "Rolling Stone", würden künftige Vorwürfe gegen Trump nicht mehr glauben.

Doch eine genauere Lektüre Muellers ergibt an vielen Stellen genau das Gegenteil: Die Medien hatten - meistens - recht.

Lügen aus dem West Wing

Von wegen "Fake News". Wieder und wieder bestätigte Muellers Team die Enthüllungen der vergangenen Jahre über Trump und die Russlandaffäre, etwa in der "NYT" und der "Washington Post", aber auch bei CNN, ABC, CBS oder NBC. Oft zitierte der Bericht deren Recherchen sogar als Indizien, allein die "NYT" 83-mal und die "Post" 62-mal.

"Die Medien stehen heute stärker da als vor Veröffentlichung dieses Berichts", sagt der Herausgeber des Branchenblatts "Columbia Journalism Review". Die eigentlichen Lügen dagegen kamen Mueller zufolge aus dem Weißen Haus. Trumps Sprecherin Sarah Sanders kommt dabei besonders schlecht weg und ist jetzt restlos diskreditiert.

Ja, der Bericht ist ein Freispruch - für den Journalismus.

Beispiel 1: Im Juli 2017 berichtete die "NYT" über das Treffen einer russischen Anwältin mit einer Delegation des Trump-Teams im New Yorker Trump Tower im Jahr zuvor, also mitten im Wahlkampf: Die Russen hätten mit "Schmutz" über Hillary Clinton gelockt. Donald Trump Jr., der an dem Treffen teilgenommen hatte, ließ den Anlass des Meetings dementieren. Mueller enttarnte dieses "Dementi" jetzt endgültig als dreiste Lüge - und belegte den "NYT"-Artikel über die Hintergründe des Treffens in weiten Teilen.

Beispiel 2: Mai 2017 meldeten mehrere US-Medien, Trump habe den damaligen FBI-Chef James Comey bei einem privaten Dinner unter Druck gesetzt, ihm Loyalität zu schwören. Comey bestätigte diese Darstellung. "Fake News!", zeterte Trump zwar. Mueller präsentierte nun aber "wesentliche Indizien", wonach die Berichte stimmten.

Trump Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort

Trump Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort

Foto: Yuri Gripas/ REUTERS

Beispiel 3: Fast alle Vorwürfe gegen Trumps Ex-Wahlkampfchef Paul Manafort, die in den Medien durchsickerten, fanden sich seither in zwei Justizverfahren gegen Manafort und nun auch in Muellers Bericht bestätigt - inklusive eines Artikels aus der "NYT", laut dem Manafort interne Umfragedaten aus dem US-Wahlkampf über Bande an einen russisch-ukrainischen Geschäftsmann mit Geheimdienstkontakten übermitteln ließ.

Beispiel 4: Anfang 2018 enthüllten die "NYT" und die "Post", Trump habe seinem Rechtsberater Donald McGahn befohlen, Muellers Entlassung in die Wege zu leiten, was McGahn aber verweigert habe. "Fake News, Leute", behauptete Trump. Doch Mueller untermauerte diese Story nicht nur, sondern ergänzte, Trump habe McGahn danach - vergeblich - zu einem öffentlichen Dementi gedrängt. McGahn, der später abdankte, ist der meistzitierte Zeuge Muellers und soll demnächst vor dem Kongress aussagen.

Skandalbuch "Feuer und Zorn"

Skandalbuch "Feuer und Zorn"

Foto: Christian Charisius/ dpa

Beispiel 5: Anfang 2018 machte Michael Wolff mit dem Skandalbuch "Feuer und Zorn" über das Chaos im Weißen Haus Furore. Mueller bestätigte nun viele kontroverse Enthüllungen Wolffs - auch das Fazit, dass das Trump-Team für eine Verschwörung mit den Russen zu ignorant gewesen sei.

Sicher: Manche Journalisten und Moderatoren haben sich bei der juristischen Schlussfolgerung verhoben. Doch die medialen Rekonstruktionen der Mauscheleien hinter den Kulissen entpuppen sich als weitgehend korrekt. Die Trump-Berichterstattung - inzwischen auch mit mehreren Pulitzerpreisen ausgezeichnet - wurde nicht zur Niederlage des Journalismus, sondern zum Fanal der freien Presse.

Was wiederum - das ist vermutlich die eigentliche Pointe - zur Folge hat, dass der Mueller-Bericht jetzt keinen mehr wirklich schockiert. Das meiste hat man ja längst schon anderswo gelesen und verdaut: die zahllosen Russland-Kontakte, die alltäglichen Lügen, die Intrigen, die Normverstöße. Die US-Medien haben ihre Leser perfekt informiert - nur damit leider auch abgestumpft.