Trump, Mueller und die Medien "Es ist nicht Aufgabe von Reportern, Straftaten nachzuweisen"

Donald Trump sieht sich in der Russlandaffäre entlastet. Waren die Journalisten zu voreilig? Paul Farhi, Medienreporter der "Washington Post", über Fakten, Fehler - und warum Trump keine Entschuldigung verdient.
Donald Trump vor Pressevertretern vor dem Weißen Haus

Donald Trump vor Pressevertretern vor dem Weißen Haus

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Zur Person
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Paul Farhi, 61, ist der Medienreporter der "Washington Post". Er schreibt seit 1988 für die US-Haupstadtzeitung. Seine Journalismuskarriere begann er als 14-jähriger Sportberichterstatter - für seine Highschool-Zeitung.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Mueller-Bericht ein Debakel für die Medien?

Paul Farhi: Kommt drauf an, was Sie unter "Medien" verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Die Kritik richtet sich gegen US-Kabelsender wie CNN und MSNBC, die eine Schuld Trumps in der Russlandaffäre oft vorwegnahmen, aber auch gegen die "Washington Post" und die " New York Times". Waren die Russlandermittlungen einfach zu verlockend als "großartige Geschichte"?

Farhi: Ich halte sie immer noch für eine großartige Geschichte.

SPIEGEL ONLINE : Sie glauben, dass die Sache noch nicht vorbei ist?

Farhi: Sonderermittler Robert Mueller scheint zwar seine Schlussfolgerungen gezogen zu haben, aber es ist ja auch nicht die Aufgabe von Reportern, Straftaten nachzuweisen. Ihre Aufgabe ist es, Fakten aufzudecken. Und bei der Russland-Berichterstattung wurden viele sehr wichtige Fakten aufgedeckt. Resultierten die in Straftaten? Das zu behaupten, sollten wir uns als Reporter nicht anmaßen.

SPIEGEL ONLINE : Haben aber viele.

Farhi: Sicher, viele haben das behauptet und scheinen jetzt falsch zu liegen. Aber wir sollten die Informationen von den Schlussfolgerungen trennen, die man aus diesen Informationen zeigt. Das sind zwei verschiedene Dinge.

SPIEGEL ONLINE : Einige haben diese Trennung missachtet. Glauben Sie, es gab da ein Wunschdenken? Eine Art Watergate-Syndrom - dass man auf den nächsten großen Skandal hofft?

Farhi: Ja, einige Kommentatoren und Kolumnisten haben vorzeitige Rückschlüsse gezogen. Und es gab auch etliche fehlerhafte Berichte, die möglicherweise auf Wunschdenken zurückgingen. Aber bei jeder Berichterstattung kann es Fehler geben. Die "New York Times" hat sehr gut berichtet, die "Washington Post" hat sehr gut berichtet, andere haben sehr gut berichtet.

SPIEGEL ONLINE : Aber spielen diese Fehler nicht in das rechte Mantra von "Fake News"?

Farhi: Natürlich. Alles spielt da hinein. Wenn Sie ein Hammer sind, suchen Sie einen Nagel. Es gibt diese Pauschalbehauptung, dass alle Medien "falsch liegen". Aber was meinen Sie mit den "Medien"? Nehmen Sie das, was Trumps Sprecherin Sarah Huckabee Sanders diese Woche getwittert hat, diese Grafik aus der "New York Post",...

SPIEGEL ONLINE: ...die alle vermeintlichen Mediengegner von Trump namentlich auflistet...

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Farhi: Das ist eine lächerliche Messlatte, da auch die TV-Talkmaster Jimmy Kimmel und Stephen Colbert draufstehen und der Schauspieler Alec Baldwin. Die sind nicht in demselben Geschäft, in dem ich bin, in dem Sie sind.

SPIEGEL ONLINE : Hat die Russland-Story die Glaubwürdigkeit der Newsmedien generell beschädigt? (Lesen Sie hier eine Analyse zu Trump und der Russlandaffäre)

Farhi: Das hängt von der Geschichte ab, vom Reporter, von der Quelle, der Tiefe der Berichterstattung. Die Newsmedien haben eine selbstkorrigierende Natur, wir berichtigen falsche Berichterstattung, und mit der Zeit entsteht so ein korrekter Datensatz. Viele erste Entwürfe der Geschichte sind fehlerhaft.

SPIEGEL ONLINE : Journalisten müssen sich also nicht entschuldigen, wie es Sarah Huckabee Sandersverlangt?

Farhi: Ich weiß nicht, wer genau sich da entschuldigen sollte und wofür.

SPIEGEL ONLINE: Sanders sagte: "Demokraten und die liberalen Medien schulden dem Präsidenten und dem amerikanischen Volk eine Entschuldigung."

Farhi: Wer sind diese "liberalen Medien"? Wenn sie möchte, dass Stephen Colbert sich entschuldigt, kann sie sich gerne mit ihm auseinandersetzen. Ich erwarte nicht viele Entschuldigungen von guten Reportern. Ich bin nicht sicher, wofür sie sich entschuldigen sollten.

SPIEGEL ONLINE : Sollten wir das Schlagwort "Russiagate" in Rente schicken?

Farhi: Wenn Sie damit eine Verschwörung von Trump, seinen Beratern und Wahlhelfern meinen, dann würde Mueller sicher sagen, dass das nicht mehr zutrifft. Es gibt aber noch viele andere Dinge, die in die Rubrik passen. Also, nein. Letztendlich wird es einen Platz dafür geben. Sie müssen mit dem Wort Russiagate jetzt nur immer den Vorbehalt verbinden, dass der Chefermittler dazu keine konkrete Verschwörung gefunden hat.

SPIEGEL ONLINE : So oder so, die Russen haben die US-Wahlen 2016 manipuliert.

Farhi: Und das ist das wahre Russiagate. Es gab eine Verschwörung auf russischer Seite, um sich in die US-Wahlen einzumischen und diese Wahlen Richtung Trump zu lenken. Trump will das nicht zugeben. Er will das nicht anerkennen, weil er glaubt, und das ist meine Spekulation, dass das seinen Wahlsieg schmälert.

Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders

Pressesprecherin Sarah Huckabee Sanders

Foto: SHAWN THEW/ EPA-EFE/ EX/ Shutterstock

SPIEGEL ONLINE : Haben manche Journalisten nicht zu viel Vertrauen in Mueller als ultimativen "Retter" gesetzt?

Farhi: Einige Leute haben das getan. Nicht unbedingt in der Presse, aber es gab Leute, die haben für ihn gebetet und Votivkerzen mit seinem Konterfei angezündet. Amerika ist ein sehr, sehr großes Land mit vielen Menschen und vielen Meinungen.

SPIEGEL ONLINE : Viele US-Journalisten treten in parteipolitisch gefärbten TV-Shows auf. Halten Sie das unter diesen Umständen für eine gute Idee?

Farhi: Es gibt so viele Versuchungen für Reporter, Meinung zu verbreiten. Wir sollten dem wirklich widerstehen. Auch ich bin damit manchmal in Schwierigkeiten geraten und nicht stolz darauf.

SPIEGEL ONLINE : Sind die USA nicht sowieso zu gespalten, als dass die Debatte über Trump je enden würde?

Farhi: Da ist was dran. Es herrscht eine enorme Polarisierung, viele Menschen nehmen Informationen nur in ihren Filterblasen wahr. Die Frage ist: Können wir korrekt und fair berichten? Was die Leute damit machen, entzieht sich unserer Kontrolle. Unsere Aufgabe ist es, Fakten zu finden und sie den Menschen zu präsentieren. Wir sind nicht hier, um Meinungen zu ändern. Wir sind hier, um zu sagen, was wahr ist.

SPIEGEL ONLINE : Wissen wir denn, was wirklich wahr ist, was wirklich im Mueller-Report steht? Wir kennen bisher nur die Zusammenfassung.

Farhi: Wir machen viel Wirbel um diese dreieinhalb Blätter. Dahinter steckt ein über Hunderte Seiten starker Bericht, dem massives Rohmaterial zugrunde liegt. Mueller arbeitete fast zwei Jahre daran, er sprach mit Hunderten von Menschen und sammelte enormen Mengen an Informationen. Das eignet sich nicht für ein dreieinhalbseitiges Memo. Ich sage nicht, dass dieses Memo richtig oder falsch ist, ich sage nur, dass wir die zugrunde liegenden Informationen sehen müssen.

Robert Mueller

Robert Mueller

Foto: TASOS KATOPODIS/ AFP

SPIEGEL ONLINE : Also wird diese Geschichte auch noch im Sommer weitergehen.

Farhi: Oh, sie wird weit über Trumps Amtszeit hinausgehen. Schauen Sie sich doch mal Watergate an. Es gibt Elemente von Watergate, die heute noch umstritten sind und debattiert werden. Es dauert lange, bis komplexe Ereignisse, historische Ereignisse in eine bestimmte Perspektive gebracht werden können.

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