Oliver Trenkamp

Debatte um lügenden Trump-Sprecher Fakt you!

Politiker und Journalisten geißeln Trumps Pressechef als Lügner, weil er "alternative Fakten" anbietet. Es sind Rückzugsgefechte des Establishments, das nicht wahrhaben will: Hier beginnt eine neue Befreiungsbewegung.
Wirklichkeitsformer und Trump-Sprecher Sean Spicer

Wirklichkeitsformer und Trump-Sprecher Sean Spicer

Foto: Alex Brandon/ dpa

Jede Veränderung, jede Umwälzung, ja aller Fortschritt beginnt damit, dass jemand die ausgetretenen Wege verlässt und eine Alternative aufzeigt. Dazu gehört das Risiko, von den Bequemen, den Ewiggestrigen, den Reaktionären als Spinner abgetan zu werden.

Die Progressiven aber erkennen im Botschafter des Neuen, was er ist: ein Visionär.

Sean Spicer ist ein solcher Visionär. Der neue Sprecher des Weißen Hauses sagte bei seinem ersten Auftritt vor Journalisten: "Das war das größte Publikum, das je bei der Amtseinführung eines Präsidenten dabei war. Punkt." Das stimmt zwar nicht, bei Obamas erstem Amtseid acht Jahre zuvor waren deutlich mehr Menschen dabei, aber darum geht es nicht.

Es geht um viel mehr - um den Beginn einer neuen Freiheitsbewegung: Die Befreiung der Fakten von den Fesseln der Wirklichkeit. Spicer habe lediglich "alternative Fakten" präsentiert, sagte Trump-Beraterin Kellyanne Conway - woraufhin ein Aufschrei durch Politik und Medien ging, die sich an den Status quo klammern und behaupten: Nur traditionelle Fakten seien Fakten. Sie verunglimpfen Trumps alternative Fakten als Lügen, als Spinnereien, als Irrweg, weil sie ihre Macht bedrohen.

Video: Kellyanne Conways "alternative Fakten"

SPIEGEL ONLINE

Das Establishment wehrt sich gegen die Faktenfreiheitsbewegung - eine Erfahrung, die auch Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung einst machen mussten. Mittlerweile sind diese politischen Alternativen Teil des Mainstreams. Hoffen wir, dass das auch den alternativen Fakten gelingt - und sie sich beim Marsch durch die Institutionen nicht verbiegen lassen und der Wahrheit zu nahe kommen.

Dabei müssten gerade Linke, Liberale, Leitartikler und Freidenker die alternativen Fakten preisen:

  • Die Linken, weil alternative Fakten ein niedrigschwelliges, auf persönliche Bedürfnisse anpassbares Angebot sind.
  • Die Liberalen, weil alternative Fakten mehr Freiheit für den Einzelnen bedeuten, nicht nur sein Schicksal, sondern seine Realität in die eigenen Hände zu nehmen.
  • Leitartikler, weil sie verlässlich jeden Politiker geißeln, der seine Politik als "alternativlos" bezeichnet. Bei Fakten darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden.
  • Freidenker, weil alternative Fakten nicht nur die bestehenden Herrschaftsverhältnisse, sondern bestehende Wirklichkeitsverhältnisse infrage stellen.

Was ist das überhaupt für ein faktenverachtendes Faktenbild, bei dem jedes Faktum erst einen Check durchlaufen muss, bevor es anerkannt wird? Purer Wahrheitsdarwinismus! Jeder Faktenprüfer muss als das gebrandmarkt werden, was er ist: als wahrer Faktenfeind.

Sicher, wir müssen darauf achten, dass die alternativen Fakten nicht abdriften und zu extremistischen Fakten werden. Wir müssen sie unterstützen und begleiten, so dass aus ihnen demokratisch legitimierte Fakten werden, über die wir als Gemeinschaft abstimmen. Wenn endlich wirklich alle Macht vom Volke ausgeht, dann kann es auch darüber entscheiden, ob es die Mondlandung gegeben hat, ob es im Winter schneit und ob sich die Erde um die Sonne dreht. Was bisher galt, spielt keine Rolle mehr: Gemeinsam können wir Fakten schaffen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.