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Protest bei den Oscars Hollywood rüstet sich gegen Trump

Die Oscars stehen ganz im Zeichen von Donald Trump: Schon vor der Zeremonie machen Schauspieler gegen den US-Präsidenten mobil. Kalifornien wird mehr und mehr zum Zentrum des Widerstands gegen Washington.

Jodie Foster scheut eigentlich jeden öffentlichen Aktivismus. "Ich gehöre nicht zu denen, die sich wohl fühlen, ihr Gesicht für politische Zwecke einzusetzen", ruft die Oscar-Preisträgerin. "Aber es ist jetzt alles anders. Es ist Zeit, sich zu zeigen!"

Lauter Jubel hallt über die abgesperrte Straße. Die Leute halten Plakate hoch: "Widerstand!", "Nein zu Faschismus." Hinten weht ein riesiges US-Sternenbanner.

Ein strahlender Nachmittag in Beverly Hills: Die United Talent Agency (UTA), eine der größten Agenturen Hollywoods, die Stars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie vertritt, feiert jedes Jahr eine rauschende Oscar-Party. Berater, Autoren, Darsteller - und die, die es werden wollen - huldigen sich dabei dann gern selbst.

Diesmal aber ist hier keiner in Feierlaune, selbst so kurz vor den Oscars nicht: Die Party wurde abgesagt und mit einer Kundgebung ersetzt, um gegen Donald Trump und seinen radikalen Kurs in der Einwanderungspolitik zu demonstrieren.

Fast 2000 Protestler haben sich dazu am UTA-Hauptquartier versammelt, gleich neben der "Playboy"-Zentrale. Auf einem Podium stehen Foster - die sonst nie privat auftritt - sowie zahlreiche andere Stars, darunter Michael J. Fox und Kristen Wiig. Die meisten tragen Jeans und T-Shirt, einige haben ihre Kinder mitgebracht. Die Bürgerrechtsorganisation ACLU verteilt Aufkleber und Aktivismus-Broschüren.

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Los Angeles: Protest statt Oscar-Party

Foto: MARIO ANZUONI/ REUTERS

Der Protest ist beispielhaft für die derzeitige Stimmung in Hollywood. Bis heute herrscht in der eher linksliberalen US-Filmfabrik Entsetzen darüber, dass Trump im November die Wahl gewann. Weite Teile der Branche sehen in dem Milliardär nicht nur eine große Gefahr für die Weltoffenheit der USA und den Zusammenhalt des Landes, sondern auch für die Freiheit der Kunst und der Meinungsäußerung.

Selten stand die Oscar-Saison so im Zeichen des politischen Zanks. Auch bei der Gala am Sonntag dürfte sich die Ablehnung Trumps offen zeigen: Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, die den Filmpreis verleiht, ermuntert die Sieger erstmals, auf der Bühne politisch Stellung zu nehmen: Trump, sagte Academy-Präsidentin Cheryl Boone Isaacs, habe aus allen Künstlern "Aktivisten gemacht".

Sowas war bei den Oscars bisher selten und sorgte stets für große Schlagzeilen. 1972 lehnte Marlon Brando seinen Oscar für den "Paten" ab und schickte stattdessen eine Aktivistin auf die Bühne, um gegen die Behandlung der US-Ureinwohner zu protestieren. Susan Sarandon und Tim Robbins brachten 1993 das Schicksal HIV-kranker Haitianer zur Sprache, Richard Gere beklagte das Leid der Tibetaner. Michael Moore hielt 2003 eine Brandrede gegen George W. Bush.

Hollywood als Keimzelle des Widerstands

Die aktuelle Spannung zeigt sich auch schon in der Woche vor den Oscars. Zum Beispiel beim Academy-Empfang für die nominierten Dokumentarfilmer, deren Themen - Syrien, Flüchtlinge, Fremdenhass - die Zerrissenheit der Welt spiegeln.

"Wir haben noch einen weiten Weg vor uns", seufzt Hébert Peck, der mit seinem Bruder Raoul den Film "I Am Not Your Negro" produzierte - eine Anklage gegen den Rassismus, kaschiert als Hommage an den 1987 verstorbenen schwarzen Schriftsteller James Baldwin: "Als habe der seine Worte erst heute früh verfasst."

Hollywood sieht sich dabei als Keimzelle des Widerstands gegen Trump und Vehikel für aufgeklärtes Gedankengut. "Eine Demokratie funktioniert nur, wenn die Leute gut informiert sind", sagt Rory Kennedy, die Nichte John F. Kennedys und selbst eine sozial engagierte, zweifach Oscar-nominierte Dokumentarfilmerin.

Der Aufruhr in Hollywood - der nicht erst mit Meryl Streeps Rede bei den Golden Globes begann - offenbart zugleich, wie sehr ganz Kalifornien zum Zentrum der neuen Résistance wird. Der bevölkerungsreichste US-Staat, den Trump haushoch gegen Hillary Clinton verlor, ist nicht nur einer der wirtschaftlich mächtigsten, sondern auch ein Bilderbuchbeispiel für den demografischen Wandel Amerikas: 40 Prozent der fast 40 Millionen Kalifornier sind Latinos, jeder Vierte ist außerhalb der USA geboren. Viele Arbeitsmarktsektoren sind von Einwanderern abhängig - nicht zuletzt eben die Filmindustrie, die Gastronomie und die Tech-Branche.

Jungstars der politischen Linken

Trumps radikalen Pläne für die Abschiebung undokumentierter Einwanderer treffen in Kalifornien auf heftige Gegenwehr. Aber auch anderswo stehen hier heftige Konflikte zwischen dem Westküstenstaat und dem Präsidenten an. Nirgends sonst wurde zuletzt mehr für den Klimaschutz getan. Auch leitete der Staat eine Justizreform in die Wege und modernisierte Arbeitsrechte. Kalifornien wirkt wie das Gegenstück zur Programmatik Trumps, und die Landesregierung fürchtet, dass sie demnächst mehr damit beschäftigt sein wird, dem Machthaber in Washington Gegenwehr zu leisten, als die eigenen Fortschritte zu manifestieren.

Ein Investor aus dem Silicon Valley kündigte unlängst sogar an, eine Kampagne für die Abspaltung Kaliforniens vom Rest der USA finanzieren zu wollen. Dazu wird es zwar nicht kommen. Aber dass Kalifornien in der Ära Trump eine wichtige nationale Rolle zukommen wird, liegt nicht nur wegen seiner vielen prominenten Politiker im Kongress auf der Hand - sondern auch wegen der Tatsache, dass hier einige der interessantesten Jungstars der politischen US-Linken beheimatet sind.

Xavier Becerra, Kaliforniens neuer Justizminister, wurde im Wahlkampf als möglicher Vizepräsident Clintons genannt. Nun dürfte sein Bekanntheitsgrad weiter wachsen, steht er doch im Mittelpunkt harter juristischer Auseinandersetzungen mit der US-Regierung, gerade in der Einwanderungsfrage.

Dem Bürgermeister von Los Angeles, Eric Garcetti, werden ebenso Präsidentschaftsambitionen nachgesagt wie dem Gouverneur Jerry Brown. Der hielt im Januar eine zornige Rede gegen Trump, stellte seinen Staat auf massive Spannungen mit Washington ein und bemerkte ironisch, man solle vielleicht über eine eigene Mauer nachdenken, um sich zu verteidigen. Die nächste Zeit wird zum Schaulaufen all jener werden, die sich vorstellen können, Trump zu beerben.

Ein Vorteil der Trump-Gegner ist, dass Kalifornien über ein bestens organisiertes und finanziertes Netzwerk an Protestgruppen verfügt. Ob Einwanderer, Arbeiter, Homosexuelle, Umweltschützer, Marihuanafreunde oder Rentner - für fast alle gibt es Interessengruppen. Wie hoch der Mobilisierungsgrad vieler Kalifornier jetzt bereits ist, zeigt sich auch vor Ort in den Wahlbezirken republikanischer Politiker.

Aufgebrachte Bürger stürmen da die Sprechstunden der lokalen Abgeordneten, um gegen die drohende Abschaffung von Obamacare oder die Abschiebungspläne zu protestieren. Der Kongressabgeordnete Tom McClintock musste in seinem Wahlkreis Roseville kürzlich sogar unter Polizeischutz aus dem Saal geführt werden, nachdem er zuvor die Agenda seines Präsidenten unterstützt hatte.

Iranischer Boykott, Maren Ades Botschaft

Bei der Demonstration in Beverly Hills geht es friedlicher zu. Über eine Videoleinwand zugeschaltet wird der iranische Regisseur Asghar Farhadi, dessen Drama "The Salesman" als Best-Foreign-Film nominiert ist. Farhadi boykottiert die Verleihung aus Protest gegen Trumps Einreiseverbot für sieben mehrheitlich muslimische Staaten. "Ich bin dankbar für den Anstand meiner Kollegen", sagt er.

Gemeinsam mit den anderen für den Auslands-Oscar nominierten Regisseuren, darunter die deutsche Anwärterin Maren Ade ("Toni Erdmann"), hat Farhadi ein Statement für Weltoffenheit veröffentlicht. Die Filmemacher verurteilen darin "das Klima von Fanatismus und Nationalismus, das wir heute in den USA und in so vielen anderen Ländern sehen, in Teilen der Bevölkerung, und, was am bedauerlichsten ist, unter führenden Politikern".

Der schwarze Komödiant Keegan-Michael Key - der 2015 beim Galadinner der Washington-Korrespondenten als "wütender" Sidekick eines coolen Barack Obamas auftrat - beklagt die "schaurigen Folgen" der Einwanderungsrestriktionen auf "den globalen Ideenaustausch". Er fordert seine wohlhabenden Hollywood-Kollegen auf: "Wir müssen für die sprechen, die selbst nicht sprechen können."

Am Rande steht ein Food Truck, da gibt es Tacos umsonst, drei pro Person. Woher sie kämen, werden die zwei Verkäufer gefragt. Ihre Antwort: "Mexiko."