Feminismus und Trump-Sieg Die ungerechte Gerechtigkeit

Nur 54 Prozent der Frauen in den USA haben für Hillary Clinton gestimmt - warum? Ihre Niederlage zeigt, dass der Feminismus in seiner aktuellen Form nicht alle erreicht.
Trump-Unterstützerinnen

Trump-Unterstützerinnen

Foto: CARLO ALLEGRI/ REUTERS

In ihrem Streben nach Unabhängigkeit geben sich Clintons Gegnerinnen häufig kämpferischer als die demokratische Kandidatin: "Wir lassen uns nicht von Tyrannen umherkommandieren, die uns sagen, wie wir sein sollen", schreiben etwa die "Women for Trump" auf ihrer Homepage. 

Mit den "Tyrannen" meinen sie dann aber nicht Männer, die ihrer Emanzipation im Weg standen - sondern Clinton. "Wir werden nicht still bleiben, nur weil es die Machteliten in Washington D.C. wollen!" Sie führen ihren Aufstand nicht mit einer Frau gegen eine Männermacht, sondern mit einem Mann gegen eine Elite.

Insgesamt stimmten nur 54 Prozent der Wählerinnen für Clinton. Und nur 43 Prozent der weißen Frauen. Die Kandidatin konnte nur bei den weißen Frauen mit College-Abschluss gewinnen, mit 51 Prozent. Bei den weißen Wählerinnen ohne College-Abschluss sah es aber richtig bitter aus: Clinton bekam nur 34 Prozent der Stimmen.

Trump-Unterstützerinnen: Der Feminismus ist blind geworden für Ungerechtigkeiten

Trump-Unterstützerinnen: Der Feminismus ist blind geworden für Ungerechtigkeiten

Foto: CHIP SOMODEVILLA/ AFP

Wieso konnte Clinton so wenige von ihnen erreichen? Sie bezeichnet sich selbst als "stolze, lebenslange Kämpferin für Frauenrechte", thematisierte ihr Anliegen immer wieder im Wahlkampf.  Und zu ihren Ideen zählten durchaus Themen, die für alle Frauen in mittleren und unteren Bildungs- und Einkommensschichten attraktiv sind. Sie plante etwa den Ausbau von Kinderbetreuung, eine zwölfwöchige bezahlte Elternzeit und wollte den Mindestlohn erhöhen.

Dass es ihr dann aber nicht gelang, diese Inhalte so zu kommunizieren, dass sie ankamen, lag vor allem an einer Kampagne, deren Ton nur auf eine feministische Bildungs- und Wohlstandselite in den amerikanischen Großstädten abzielte. Die Idee, dass sie als erste Frau im Präsidentenamt die wirklich allerhöchste gläserne Decke durchstoßen wollte, zog sich wie ein roter Faden durch die Kampagne. Öffentlichkeitswirksam ließ sie sich vor allem von Frauen unterstützen, die "es" ökonomisch nach ganz oben geschafft hatten, aber halt häufig auch schon weit oben gestartet waren: Sheryl Sandberg etwa, die sich nach ihrem Studium in Harvard über Unternehmensberatungen und das Finanzministerium zur Geschäftsführerin von Facebook hocharbeitete.

Kulturell flankierten Clinton Stars, die im allerweitesten Sinne für weibliche Selbstbestimmung im Mainstreampop stehen: Katy Perry, Lady Gaga, Taylor Swift. Und natürlich die Schauspielerin und Publizistin Lena Dunham, die Clinton zum Auftakt ihres Newsletters "Lenny" aus der Fanperspektive interviewte . Dunham, die wie derzeit kaum eine andere einen hippen, großstädtischen College-Feminismus verkörpert, unterhielt sich im vergangenen Jahr  mit Clinton über Rassismus im College, Polizeigewalt gegen Schwarze und Donna-Karan-Kleider.

Clinton mit Lady Gaga: Die Fähigkeit zur Systemkritik nimmt ab

Clinton mit Lady Gaga: Die Fähigkeit zur Systemkritik nimmt ab

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Dieser liberale Feminismus, den Dunham verkörpert und dessen sich Clinton bediente, definiert sich vor allem über Gleichbehandlung von Männern und Frauen, Schwarzen und Weißen, Homosexuellen und Transmenschen. Dass mit Identität und Sexualität keine gesellschaftlichen Nachteile oder gar Gewalt verknüpft sind, ist das wichtigste Anliegen. Dafür stellt er aber häufig nicht mehr die Klassenfrage, ist blind geworden für Ungerechtigkeiten, die nicht den eigenen Lebenshorizont betreffen: Man solidarisiert sich, wenn auch häufig punktuell statt längerfristig, mit Minderheiten. Aber in erster Linie mit Menschen, die einen ähnlichen sozioökomischen Hintergrund haben.

Die Fähigkeit zur Systemkritik nimmt so ab: Dass Sandberg es etwa an die Spitze eines internationalen Unternehmens aus dem Silicon Valley geschafft hat, wird als Erfolg ausgedeutet; als Machtgewinn einer Frau in einer männerdominierten Welt. Die ökonomische Kluft zwischen Frauen wie Sandberg, einer der jüngsten US-amerikanischen Milliardärinnen, und vielen anderen Frauen wird hingegen nicht problematisiert.

Dabei wächst sie immer weiter - und zwar genauso schnell wie bei Männern: Wie die Soziologin Leslie MacCall mit Langzeitstudien belegt,  stiegen die Einkommen von Frauen zwar zwischen 2000 und 2010 um 14 Prozent - aber nur dann, wenn sie Spitzenpositionen bekleideten. Die Löhne in der Arbeiterklasse stagnierten. Und auch die Mittelschicht und die Elite driften immer weiter auseinander.

Für McCall führt diese wachsende Kluft zu einer der wichtigsten Konfliktlinien im aktuellen Feminismus, weil offenbar nur die Frauen in den oberen Klassen vom Kampf für mehr Chancengleichheit profitieren: Gleichberechtigung ist ungleich verteilt. Und wird zementiert, weil diese Elite-Frauen fast nur Männer heiraten, die ebenfalls Top-Verdiener sind, während schlechter verdienende Frauen sich auch mit schlechter verdienenden Männern zusammentun.

Wie groß mit der sozialen auch die kulturelle Entfremdung zwischen den Frauen geworden ist, zeigt sich daran, dass sich das Verständnis, was als Angriff auf Frauen gewertet wird, stark unterscheidet: Nach Trumps "Grab-Her-by-The-Pussy"-Skandal schien für viele glasklar, dass ein Mann, der auf diese Weise Frauen durch Übergriffe abwertet, als Präsident untragbar ist.

Trump-Unterstützerin: Mittelschicht und Elite driften auseinander

Trump-Unterstützerin: Mittelschicht und Elite driften auseinander

Foto: MARK WILSON/ AFP

Die Journalistin Tina Brown schreibt im "Guardian" dazu , diese "zwei Wochen mediales Hyperventilieren" hätten auf viele Frauen im Landesinneren den gegenteiligen Effekt gehabt - gerade weil ihnen Trumps Verhalten so vertraut war: "Das sind belastbare Frauen, die häufig zwei oder drei Jobs gleichzeitig haben und für die flegelhafte Männer ein gelegentliches Berufsrisiko darstellen, keine existenzielle Bedrohung. Sie mögen ihre Augen gerollt haben angesichts Trumps ungebremster Rüdheit, aber kauften ihm trotzdem ab, dass er so gut wie kein anderer darin ist, Jobs zu schaffen. Und sie fragten sich, ob sein Verhalten tatsächlich schlimmer war als das von Bill Clinton."

Hillary Clintons Umgang mit Trump, der sie und ihren Ehemann im Wahlkampf schwer beleidigte, war wiederum einer, mit dem sich viele dieser Frauen vermutlich viel weniger identifizieren konnten: Clinton fuhr ihr nicht an oder verwies ihn offensiv in seine Schranken. Sondern blieb stets auf dem Gebiet, das ihr vertraut war: Sie wollte ihn mit ihrem Fachwissen sachlich auseinandernehmen statt emotional.

Vor diesem Hintergrund wundert es weniger, dass Clinton die Solidarität, die sie von allen Frauen forderte, nicht von allen Frauen bekam. Und dass den Willen, über Clintons Nähe zur Wall Street und ihre Zugehörigkeit zu einer demokratischen Spitze, die in der Finanzkrise keinen Weg fand, um das Kapital der Mittelschichten zu schützen, hinwegzusehen, weniger Frauen besaßen als viele dachten.

Clinton-Unterstützerin Dunham: sichtlich geschockt

Clinton-Unterstützerin Dunham: sichtlich geschockt

Foto: JUSTIN SULLIVAN/ AFP

Lena Dunham blieb auch nach der Wahl bei der Idee, dass sie eine Schlacht kämpft, in der sich Männer und Frauen plus Minderheiten gegenüberstehen. In der ersten Ausgabe ihres Newsletters "Lenny" schrieb sie sichtlich geschockt:  "Viele Menschen sprechen davon, dass wir verstehen müssen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht, die für Donald Trump gestimmt haben. Vielleicht überlassen wir das aber den Strategen, den Männern in den Büros (...). Es sollte nicht der Job der Frauen, der Schwarzen, der Queeren und Transmenschen sein, zu verstehen, wer sie nicht als menschlich betrachtet. Genauso, wie es nicht der Job der Missbrauchten ist, ihre Vergewaltiger zu verstehen."

Das stimmt, einerseits. Natürlich ist die Wut auf alle, die ihre Stimme einem Rassisten und Sexisten wie Trump gegeben haben, gerechtfertigt. Solange es keine gemeinsame Erzählung gibt, die die Kluft auch zwischen den Frauen schließt, wird es andererseits aber auch keine Frauensolidarität geben, die nicht nur horizontal dem eigenen Umfeld verhaftet bleibt, sondern auch die Lebensverhältnisse der wirklich anderen begreift.

Das ist umso bitterer, weil sie in den nächsten Jahren unter einem Präsidenten Trump vermutlicher umso wichtiger wäre.