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18. Januar 2017, 16:58 Uhr

Offener Pressebrief an Trump

"Genießen Sie Ihre Amtseinführung"

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Das Verhältnis zwischen dem nächsten Präsidenten und den meisten Medien der USA könnte schlechter nicht sein. Der Chefredakteur des renommierten Magazins "Columbia Journalism Review" schreibt nun eine Kampfansage.

"Genießen Sie Ihre Amtseinführung - Ihre Presse", so schließt Kyle Pope, Chefredakteur der "Columbia Journalism Review", einen am Mittwoch veröffentlichten offenen Brief an Donald Trump. Was scheinbar freundlich klingt, ist eine Drohung. Die Botschaft des Briefes: Nach der Amtseinführung werden Sie keinen Spaß mit uns haben. Wir werden nicht klein beigeben. Wir werden kämpfen. Wir werden Ihnen ganz genau auf die Finger schauen.

Pope schreibt den Brief "im Namen der US-Presse". Die Beziehung zwischen großen Teilen der Medien und Donald Trump ist bekanntermaßen schwierig, um es milde zu formulieren. Zuletzt hatte er die Hauptstadtkorrespondenten mit seinem Plan verärgert, das White House Press Corps vor die Tür zu setzen.

In seinem Brief zählt Pope beinahe genüsslich noch einmal die Tiefpunkte des vergifteten Verhältnisses auf. Dass Trump schon im Wahlkampf bei seinen Veranstaltungen die Berichterstattung erschwerte. Wie er über Twitter regelmäßig Hexenjagden auf individuelle Journalisten vom Zaun bricht, wie er einen Reporter mit Behinderung nachäffte und einen anderen bei einer Pressekonferenz abkanzelte und sich seinen Fragen verweigerte.

Die politische Presse in den USA will dagegenhalten. "Wir glauben an eine objektive Wahrheit, und wir werden Sie daran messen", schreibt Pope. "Wir entscheiden, wieviel Raum wir Ihren Sprechern einräumen. Wir bestimmen die Spielregeln."

US-Medien sind nach Jahren der Krise wieder im Aufwind

Und, eine diesmal unverhohlene Drohung: "Wir werden uns obsessiv mit Details Ihrer Regierungsarbeit auseinandersetzen. (...) Sie wollen vielleicht kontrollieren, was aus dem West Wing nach außen dringt, aber wir werden die Oberhand haben, wenn es darum geht, zu berichten, wie Ihre Politik umgesetzt wird."

Machen sich die US-Medien mit solchen Tönen selbst Mut? Durchaus. Nach Trumps Wahlsieg war die Kritik groß. Der Vorwurf lautete, viele politische Journalisten lebten in den großen Städten wie in einer Blase und hätten den Kontakt zum großen Rest des Landes verloren. Sonst wären sie von Trumps Wahlsieg nicht so überrascht worden.

Dementsprechend findet sich in dem offenen Brief durchaus auch Selbstkritik - allerdings eine in Aktionismus gewendete: "Wir müssen Vertrauen zurückgewinnen. Das werden wir durch genaue, angstfreie Berichterstattung tun und indem wir unsere Fehler einräumen." Auch die Reihen zwischen konkurrierenden Medien würden geschlossen: "Wir erkennen, dass die Herausforderung der Berichterstattung über Sie darin liegt, dass wir kooperieren und uns wann immer möglich gegenseitig helfen müssen."

Das klingt ein wenig nach Wunschdenken. Allerdings ist es schon so, dass die US-Medien sich auf Trumps Amtszeit ganz konkret vorbereiten, um in einer Welt der Tweets und Fake News gewappnet zu sein. Vor allem die "New York Times" und die "Washington Post": Die "Post" will laut ihres Herausgebers Fred Ryan "Dutzende Journalisten" einstellen und gründet ein "Rapid Response Investigative Team", das Trumps Tweets unmittelbar auf ihren Wahrheitsgehalt abklopfen soll. Die "Times" investiert fünf Millionen Dollar in die Berichterstattung über die Trump-Administration.

Überhaupt scheint die Presselandschaft in den USA nach Jahren der sinkenden Abonnentenzahlen und der Krise infolge des digitalen Wandels im Aufwind zu sein. "Los Angeles Times" und "Wall Street Journal" verzeichneten nach Trumps Wahlsieg Rekordzuwächse bei den Abonnenten, auch die "New York Times" wird von mehr als 130.000 Lesern neu abonniert.

Die "Washington Post" muss sich Dank ihres Besitzers Jeff Bezos gerade ohnehin keine finanziellen Sorgen machen. Der Amazon-Gründer steckte 50 Millionen Dollar in das Traditionsblatt, das seit 2016 mit seiner Digitalsparte Gewinne macht.

Ein neues Selbstbewusstsein ergreift also die Medien in den USA, sie sehen ihr Profil als Verteidiger der Demokratie durch Trumps Angriffe geschärft. Im letzten Absatz von Kyle Popes Brief an Trump klingt das so: "Wenn es gut läuft, sind Sie für acht Jahre im Amt. Uns gibt es seit der Gründung der Republik, und unsere Rolle in dieser großen Demokratie wurde in dieser Zeit wieder und wieder bestätigt und verstärkt."

Korrektur: In einer früheren Version des Artikels stand, der Brief sei im Namen des White House Press Corps geschrieben worden. Das ist falsch. Der Verfasser schreibt allgemein "im Namen der amerikanischen Presse".

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