Margarete Stokowski

Trumps Sexismus Wer lacht, gibt Macht

Alle sind angewidert von Trumps zuletzt öffentlich gewordenen Video. Sein darin zur Schau gestellter Sexismus war allerdings schon bekannt - der Mitschnitt entlarvt ihn vielmehr als unfreiwilligen Experten für Genderstudies.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: Evan Vucci/ AP

Eklig, hässlich, bitter, hart, schäbig, schmutzig, abstoßend, abscheulich - das waren die Worte, mit denen Donald Trumps Prahlerei mit sexuellen Übergriffen und das darauf folgende TV-Duell zwischen Trump und Clinton kommentiert wurden. Nun ist es mit Menschen, die sich vor etwas ekeln, so, dass sie entweder ganz schnell wieder weggucken, oder ganz besonders gründlich hingucken.

Im Falle von Trump wäre es einerseits verständlich, sich endgültig angewidert abzuwenden und aus sicherer Entfernung abzuwarten, ob das Niveau von Trumps Auftreten in den wenigen Wochen bis zur Wahl noch weiter sinkt, was wohl nur möglich wäre, wenn er vor laufenden Kameras einem Chihuahua den Kopf abbeißt.

Andererseits würde man dabei übersehen, dass Trump in dem Video, in dem er sich damit rühmt, Frauen einfach drauflos zu küssen oder ihnen zwischen die Beine zu greifen, einen zentralen Aspekt hervorgehoben hat, der in all den Debatten um sexuelle Belästigung und Übergriffe immer wieder vergessen wird: dass es dabei keineswegs hauptsächlich um sexuelle Anziehung geht, sondern um Macht.

In dem aufgezeichneten Gespräch zwischen Trump und dem Moderator Billy Bush gibt es diese Stelle:

Trump: "Just kiss. I don't even wait. And when you're a star they let you do it. You can do anything."

Bush: "Whatever you want."

Trump: "Grab them by the pussy."

[Bush lacht]

Trump: "You can do anything."

Allein in dem kurzen Satz "When you're a star, they let you do it" steckt viel mehr Wahrheit, als man aus Trumps Mund je erwartet hätte. Trump versucht gar nicht erst so zu tun, als wäre seine Attraktivität ausschlaggebend dafür, dass er sich so viel erlauben kann. Ein Anflug von Klarheit. Er könnte auch sagen: "Ich bin so heiß, die Frauen werden zu Wachs in meinen Händen". Tut er aber nicht. Er sagt: "Wenn du ein Star bist" - sprich: wenn du Macht hast - "lassen sie dich machen" - sprich: kommst du damit durch.

Diese "sie", die ihn machen lassen, müssen dabei nicht unbedingt die Frauen sein, die er angreift, denn er berichtet zuvor ja auch von einer, die sich erfolgreich seiner erwehrt hat, als er sie beim Möbelkauf besteigen wollte. Diese "sie" können auch einfach die anderen ihn umgebenden Menschen sein, die Gesellschaft, die sich manchmal eben materialisiert in Form eines Moderators, der auf derartiges Alphatiergehabe nicht viel mehr antwortet als: "That's huge news", "Haha", "Whoa! My man!", "Hahahaha".

In der #Aufschrei-Diskussion - aber eigentlich in fast jeder der letzten Diskussionen um Sexismus, Belästigung und Übergriffe - ließ sich das immer gleiche Schema beobachten: Menschen berichten davon, dass ihre Grenzen nicht respektiert wurden. Die zentrale Frage lautete dann aber ganz schnell gar nicht mehr, wie sich diese Grenzen besser schützen lassen. Stattdessen ging es nur noch darum, was denn nun überhaupt noch erlaubt sei und wie man denn eigentlich noch flirten könne.

Es geht nicht um Sex, sondern um Macht

In der Debatte um Trumps offensichtliches Fehlverhalten in dem Video ging es darum nun überhaupt nicht, weil sehr eindeutig war, dass es nicht um Flirtsituationen ging. Denn erstens gab Trump das selbst zu, und zweitens kamen die Anschuldigungen nicht von einer oder mehreren Frauen, denen man nun Hinterhältigkeit oder Übertreibung unterstellen könnte. Die Vorwürfe ergaben sich direkt aus der Szene - von der es dann aber wiederum hieß, es sei ja wohl alles kein Wunder bei jemandem wie diesem Mann, von dem man ja inzwischen wusste, wie er über Frauen  und sogar über seine eigene Tochter spricht.

Es hilft ihm wenig, dass Trump jetzt betont, das Video sei über zehn Jahre alt und nur "locker room talk", woraufhin sich haufenweise Sportler gezwungen sahen zu erklären, dass sie in ihren Umkleidekabinen gar nicht so eine Scheiße reden . Da hatten bereits Zehntausende Frauen ihre Geschichten ähnlicher Übergriffe geteilt: Geschichten von Ärzten, Lehrern, Stiefvätern, Vorgesetzten, die sie unerlaubt anfassten oder sich an ihnen rieben.

Beim Thema Sex höre der Spaß für die Konservativen auf, hieß es in einem Kommentar auf "Zeit Online" . Nur war das Thema in dem Video gar nicht Sex, obwohl Trump darin Sätze sagt wie "Ich habe versucht, sie zu vögeln". Ähnlich wie bei den meisten Vorfällen, die von Medien als "Sexskandal" bezeichnet werden, geht es hier nicht um Sex, sondern um Macht, weil ein Mensch sich von einem anderen etwas nimmt, was er eigentlich nur im einvernehmlichen Austausch kriegen sollte.

Selten konnte man so gründlich mithören, wie sich übergriffiges Verhalten im Keim legitimiert - nämlich nicht durch die unsagbare Potenz des Täters und auch nicht einfach durch mangelnde Gegenwehr der Opfer, sondern bisweilen einfach durch ein unterwürfiges Höhö-Haha-Höhö derer, die gern auch mal ganz weit oben wären.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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