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06. November 2010, 09:16 Uhr

Doppel-Inszenierung

Huldigung an einen Kitschklassiker

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Schnapsidee oder genialer Einfall? In Basel starten gleichzeitig das Musical "My Fair Lady" und Christoph Marthalers schelmische Hommage "Meine faire Lady - ein Sprachlabor".

Eine Blumenduftwolke raubt einem hochgescheiten Professor für kurze Zeit den Verstand und lässt den Plan für eine verwegene Frauen-Dressur in seinem Hirn entstehen, davon erzählt das seit seiner New Yorker Uraufführung im Jahr 1956 in aller Welt gefeierte Musical "My Fair Lady", und davon soll auch das neueste Projekt des berühmten Schweizer Theatermachers Christoph Marthaler handeln. Es heißt "Meine faire Lady - Ein Sprachlabor" und hat am kommenden Freitag im rund 300 Zuschauer fassenden kleinen Haus des Basler Theaters Premiere; einen Tag, nachdem nebenan im großen Haus eine aufwendige, ganz reguläre Produktion von "My Fair Lady" herauskommt, in der Regie von Tom Ryser und dirigiert von David Cowan.

Die Doppelnummer klingt nach einem Ulk, und tatsächlich sagt die Basler Marthaler-Dramaturgin Julie Paucker, der "Meine faire Lady"-Abend sei "aus einer Art Schnapsidee entstanden". Christoph Marthaler, der im nächsten Jahr 60 Jahre alt wird, hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten die Theaterwelt erobert als sanftmütiger, zugleich aber mit feiner Ironie und ätzendem Spott gesegneter Rebell gegen die Konventionen des Schauspiel- und Opernbetriebs. Will er also das grandios kitschige "My Fair Lady"-Musical über den strengen Professor Higgins und das unbedarfte Blumenverkäufermärchen Eliza Doolittle, das auf dem Stück "Pygmalion" von George Bernhard Shaw beruht, frech verhohnepiepeln und zerlegen? Keineswegs, der Regisseur huldige dem Stoff und der Musik von Frederick Loewe "liebevoll und mit einem Augenzwinkern", sagt die Dramaturgin Paucker, "so zart und verspielt, wie man es von Christoph Marthaler kennt, auch die Musical-Melodien kommen vor, manche von ihnen aber nur kurz".

Leicht vergammeltes Drill-Studio

Marthaler betreibt mit seinen Schauspielern und Sängern, die ihn oft von Arbeitsort zu Arbeitsort begleiten (in Basel ist unter anderem sein alter Mitstreiter Graham F. Valentine dabei), eine versponnene, kluge, oft saukomische Kunst der Menschen- und Ortserkundung. Für die "Meine faire Dame"-Aufführung hat ihm die Bühnenbildnerin Anna Viebrock ein Sprachlabor gebaut, "in dem die Computertechnik noch nicht ganz angekommen ist", wie Julie Paucker sagt, also ein leicht vergammeltes Drill- und Experimentierstudio. Dort versucht der Professor, der hier nicht Higgins, sondern Zoltan Karpathy heißt, seine Vorstellung eines perfekten Sprachtrainings zu verwirklichen. Aber was wirklich auf der Bühne passiert, soll das Premierenpublikum überraschen. "Es wird bei uns jedenfalls nicht die Musicalhandlung nacherzählt", verspricht die Dramaturgin Paucker, "sondern wir entwerfen eine schöne, ganz eigene Groteske."


"Meine faire Dame". Theater Basel, Premiere am 12.11. auf der Kleinen Bühne. Weitere Vorstellungen 13., 15., 24., 25., 26.11.

"My Fair Lady". Premiere am 11.11. auf der Großen Bühne. Weitere Vorstellungen 14., 21. und 29.11.

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