Doppel-Premiere an der Berliner Schaubühne Diktaturfolklore und Abstiegsängste

Die Berliner Schaubühne zeigt in einer Aufführung gleich zwei Stücke: auf der einen Seite der Leinwand einen brachialen Diktator, der sich sein Volk zurechtschnitzt - auf der anderen Seite ein verunsichertes Mittelstandspaar. Das Experiment scheitert an seiner Selbstgenügsamkeit.

Von Christine Wahl


Da hat es der bäurische junge Mann mit seinem Extremkurzhaarschnitt nun endlich bis zum Chefchirurgen des Landes geschafft und bettelt um diesen spektakulären operativen Eingriff. "Weil ich frei sein will", gibt er fanatisiert zum Besten und nestelt an einem Spießer-Blouson, wie ihn nur Großstadt-Touristen aus Hundert-Seelen-Kaffs tragen. "Frei sein von mir." So hat der junge Mann (David Ruland) das nämlich "in diesem Spot" gesehen.

Aber das kümmerliche Chirurgen-Würstchen (Thomas Bading) auf der anderen Seite des Schreibtischs, das über die nötigen "Instrumente" verfügt, schwächelt im Angesicht solch tumber Tapferkeit leider gewaltig. Weinerlich hockt es da in seinem grauen Business-Anzug, nervt seinen Klienten und vor allem das Publikum in der Berliner Schaubühne, die zum Stück "Die Stadt/Der Schnitt" gekommen sind.

Der Chefchirurg klagt über sein Intimleben ("Nicht mal mit meiner Frau schlafen ist ... mehr möglich") und scheint überhaupt eine knackige Midlife-Crisis zu schieben: "Als ich jung war, dachte ich: Alles ändern. Ich kann die Welt verbessern. Und jetzt, sehen Sie mich an: Ekelhaft."

Stimmt. Man kann seiner nervlich angegriffenen Gattin (Judith Rosmair) die sexuelle Abstinenz tatsächlich nicht verdenken und könnte ferner meinen, der Herr Doktor lamentiere hier gerade darüber, dass er es vor dreißig Jahren vielleicht doch lieber mal mit der Kunsthochschulbewerbung hätte versuchen sollen, statt auf seine spießigen Eltern zu hören und sich ins bürgerliche Medizinstudium zu stürzen. Dann klappte es ja – nach allem, was man aus Künstlerkreisen so hört – möglicherweise auch im Bett ein bisschen besser.

Futuristische Gehirnwäschemethoden

Aber nein; Überraschung: Es ist gar kein Chefchirurg, der da gerade ein bisschen mit seinem Berufsbild und seinem Sexualleben hadert. Sondern ein veritabler Diktator, der sein Volk mit brachialen operativen Eingriffen zu willfährigen Abnickern zurechtschnippelt, die die Abwesenheit jeglichen eigenen Gedankens im Idealfall noch als höchsten Lebensgenuss empfinden: Huxleys "Schöne neue Welt" lässt grüßen.

Und dass dieser Typ heute also keinen guten Tag erwischt hat, müsste einen im Grunde nicht weiter stören - wenn man dieses Schicksal nicht leider unverschuldet zu teilen gezwungen wäre: Wer hier im Zuschauerraum bei Mark Ravenhills neuem Stück "Der Schnitt" an der Berliner Schaubühne sitzt, macht nämlich mindestens genauso harte anderthalb Stunden durch wie der kleine Diktator da oben auf der Bühne. Denn was dem britischen Dramatiker über diktatorische Staatsformen und ihre futuristischen Gehirnwäschemethoden eingefallen ist, verärgert durch eine geradezu anstößig selbstgefällige Naivität.

"Der Schnitt" bleibt eine gewollt ominöse Angelegenheit: Was da genau entfernt wird, wenn der Diktator zum Messerchen greift wie der Bereitschaftsarzt in einer Krankenhausserie, lässt Ravenhill ebenso offen wie Zeit und Ort seiner OP-Despotie. Auf dass jeder ordentliche Staatsbürger – so mag er sich das gedacht haben - in England, Deutschland oder den USA jeweils seine eigenen üblichen Spitzenverdächtigen assoziiere. So diffus, wie das alles daherkommt, passt das dann schon irgendwie.

Fest steht ja immerhin, dass der oppositionelle Diktatorensohn - als Repräsentant einer neuen Regierung – den gestürzten Papa am Ende im Knast besuchen muss und wir dank dieser machtanalytischen Unterredung zwei Erkenntnisse mit nach Hause nehmen dürfen. Erstens: "Es gibt böse Systeme, Dad!" Und zweitens: Manchmal läuft es unter einer neuen Garde genauso wenig supi wie unter der alten.

Nur ein Fall für die Psychiatrie?

So weit, so schlecht. Die noch schlimmere Nachricht: Man hat mit dem "Schnitt", der wenige Tage vor dieser Berliner Präsentation in Konstanz seine deutschsprachige Erstaufführung erlebt hatte, erst die Hälfte der im Pressetext behaupteten Analyse westlicher Gesellschaften à la Schaubühne hinter sich gebracht.

Der Intendant Thomas Ostermeier hat nämlich gleich zwei kleine britische Gegenwartsstücklein zum Thema aufgestöbert und mit gewaltigem Aufwand zu einem satten Vier-Stunden-Abend aufgebläht: Bevor die Ravenhillsche Diktaturfolklore ihren holprigen Lauf nimmt, wird man durch einen frei zum Thema vor sich hin assoziierenden Video- und Aktionskunst-Parcours geschleust, in dem man sich eine halbe Stunde frei bewegen darf, bevor eine Mittelwand herunterfährt und die Zuschauer in zwei Gruppen unterteilt. Die eine sieht den "Schnitt", die andere parallel die Uraufführung von Martin Crimps Stück "Die Stadt". Nach der Pause wechselt das Publikum zwar die Seiten, aber das Reflexionsniveau bleibt leider das gleiche.

Im Gegensatz zu Ravenhill ist Crimp nur noch bemühter verrätselt und lässt Diktatur und Terror lediglich durch Randfiguren ins bürgerliche Eheleben von Clair (Bettina Hoppe) und Chris (Jörg Hartmann) hereinbrechen: Die eine heißt Mohammed, ist Schriftsteller sowie Folteropfer aus einem nicht explizit benannten Land und hat möglicherweise eine Affäre mit Clair. Die andere Figur schneit in Gestalt einer ominösen Nachbarin (Lea Draeger) herein, die von irgendeinem geheimen Krieg halluziniert und möglicherweise recht hat, vielleicht aber auch einfach nur ein Fall für die Psychiatrie ist.

Fest steht bei Crimp schließlich noch nicht mal, ob Chris tatsächlich seinen Bürojob verloren hat und jetzt an der Fleischertheke malocht, denn der Dramatiker gedenkt sich sozusagen an die ganz große Existenzfrage heranzupirschen, indem er damit spielt, dass jede Stückfigur vielleicht nur eine Erfindung einer anderen und das ganze Leben am Ende ein einziger Fake ist. Ostermeier interpretiert das als existenzielle Verunsicherung der abstiegsbedrohten Mittelschicht und bringt es im gleichen psychologischen Fernsehrealismus wie den "Schnitt" auf die Bühne, der jedes Klischee der Vorlage breit auspinselt.

Fazit: Zu helfen ist dem Bühnenpersonal bei seinen Selbstfindungsproblemchen nicht, denn René Descartes alter Selbstvergewisserungstrick "Ich denke, also bin ich" würde hier mit hoher Sicherheit nicht funktionieren.

Dass man sich über diesen Abend so derart ärgert, liegt an der unterkomplexen Selbstgenügsamkeit, mit der hier nicht nur Abstiegsängste, sondern eben auch Kriege und Diktaturen für kleine harmlose Unterhaltungsstückchen ausgebeutet werden, die ernsthaft meinen, mehr zu sein.



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