Doppelte Schimmelpfennig-Premiere Vier Pflaumen für ein Hallelujah

Theater reißen sich um den Dramatiker Roland Schimmelpfennig. Sein neues Stück "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" erlebte jetzt fast zeitgleich zwei deutsche Erstaufführungen. Doch die Top-Teams in Berlin und Hamburg taten sich schwer mit einem allzu leichtgewichtigen Text.

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Peggy Pickit ist eine hässliche Puppe, eine industriell gefertigte Spielware für Kinder, die es gut haben. Gemacht aus Gummi, damit man sie verbiegen kann. Wenn man so etwas im Theater gezeigt bekommt, donnerhallt es: Peggy Pickit ist auch ein Symbol! Nicht nur in Roland Schimmelpfennigs Stück über bürgerliches Leben und individuelle Verantwortung gegenüber der Dritten Welt, sondern auch dafür, wie der Autor mit dem Thema umgeht. Auf lauten Sohlen und mit der ganzen Wucht kabarettreifer Pointen schreitet Schimmelpfennig durch sein Thema. "Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes" erlebte jetzt gleich zwei Premieren in Deutschland, am Freitag am Deutschen Theater Berlin und tags darauf am Thalia Theater in Hamburg. Unterschiedlicher hätte man sie kaum inszenieren können.

Dramatisch - und nicht unpikant - war vor allem das Timing: Einen Premieren- und Erstaufführungs-Showdown wie hier, zwischen den Theater-Hochburgen Berlin und Hamburg, gibt es nicht oft, und wenn, dann nur für Hochkaräter wie Schimmelpfennig. Hinzu kam wohl, dass der ehemalige Thalia-Chef Ulrich Khuon mit dem Berliner DT seinem Nachfolger Joachim Lux an der Hamburger Bühne einen Tag vorher schon mal zeigen wollte, wie hoch die Messlatte liegt. Und was eignet sich besser dafür, als die mit Spannung erwartete neue Arbeit eines Ausnahme-Autors?

Roland Schimmelpfennig, Jahrgang 1967, ist Deutschlands derzeit erfolgreichster Bühnenautor. Mit komplexen und sprachmächtigen Texten durchleuchtet er soziale und zwischenmenschliche Zustände. Publikum und Kritiker jubeln meist unisono über seine Stücke. Zuletzt erhielt sein Werk "Der goldene Drache" den Mühlheimer Theaterpreis und wurde von der Zeitschrift "theater heute" zum "Stück des Jahres 2010" gekürt. Darin ging es um die Schicksale illegaler Migranten in Deutschland, von Schimmelpfennig selbst am Wiener Burgtheater inszeniert. In "Peggy Pickit" verschiebt er den Blickwinkel und kümmert sich um die Befindlichkeiten jener guten Menschen, die der Dritten Welt helfen wollen und doch nur im Wege stehen. "Man ist nicht überall willkommen", resümiert der Mediziner Martin an einer Stelle. Ärzte mit Grenzen eben.

Routinierte Kunstgriffe in Hamburg

Zwei Paare bringt Roland Schimmelpfennig auf die Bühne, alle vier Personen sind Ärzte, gleich alt, gleich erfahren, sie haben zusammen studiert, sind Freunde geworden, bevor sich ihre Wege trennten. Martin und Carol gingen nach Afrika, wollten tätig sein, wo es sonst niemand wollte. Liz und Frank hingegen blieben in Deutschland, machten eine bürgerliche Karriere, mit Haus und Kind, alles in wohlfinanzierter Sicherheit. Martin und Carol kümmerten sich in Afrika zusätzlich zu ihrer Arbeit um ein Findlingskind, dessen Medikamente sie allein nicht bezahlen konnten. Liz und Frank sprangen mit regelmäßigen Zahlungen ein, sicherten sich einen modernen Ablasszettel fürs ruhige Bürgergewissen. Nach sechs Jahren kehren Martin und Carol aus inzwischen unsicher gewordenem Gebiet zurück, das Findelkind blieb in Afrika - dem sicheren Tod ausgeliefert. Der Rest ist Diskurs. Die Puppe Peggy Pickit und ihr von Carol und Martin importiertes afrikanisches Pendant Abeni dürfen dabei schon mal mitreden, gewissermaßen aus dem Bauch der Protagonisten.

"Es war eine komplette Katastrophe", so beginnt Schimmelpfennigs Text, und Frank, Gastgeber des Wiedersehens der vier ehemaligen Studienfreunde, zieht damit eine auktoriale Erzählebene ein, die das eigentliche Geschehen immer wieder unterbricht, kommentiert, relativiert. Ein routinierter Kunstgriff, der immer wieder erlaubt, die Handlung zu bespiegeln - wenn ein Regisseur damit umgehen kann.

Kabarett mit Picknick

In der Version des Hamburger Thalia Theaters, inszeniert von Regie-Veteran Wilfried Minks, verliert das dramatische Quartett keine Zeit mit Zwischentönen. Die Wohlsituierten erscheinen zum Wiedersehensdinner in Pullunder und Cocktailkleid, die Afrika-Helfer nicht mal Smart Casual: Carol in sandfarbener Langjacke, Martin in oller Jeans, wie es sich gehört. Dazu ein gedeckter Picknick-Tisch, ordentlich aufgereihte Stühle und eine drohend schwebende Weltkugel im Hintergrund: theatralische Old School. Passend dazu spielt Matthias Leja seinen Frank mit einer schneidenden, überdeutlichen Herrscherstimme, die an sich schon eine Karikatur ist - er setzt den kabarettistischen Tonfall, aus dem sich Minks' Inszenierung nie wieder befreit.

Die retardierenden Momente und Brechungen der Erzählebene reduziert Minks auf die Ironie, was den Text einer seiner schmalen Möglichkeiten beraubt. Das ergibt zwar Tempo, Pointenlacher und grelle Überzeichnungen, doch die Momente der Vertiefung rauschen unbeachtet vorbei. Die anderen Schauspieler wetteifern in diesem reißbrettartig durchorganisierten Schlagabtausch um die Effekte: Tilo Werner trinkt sich als Dschungel-Martin burlesk durch den Abend, Gabriele Maria Schmeide barmt als frustrierte Samariterin und Oda Thormeyer zickt nervig über die Party-Distanz. Zwischen den Szenen wacht das Auge Gottes per Laserlicht über allem: erhellend schlicht. Dennoch gab's am Ende nicht mehr als höflichen Beifall für alle Darsteller, weniger aber für den neuen Text des Abends, dem Regisseur und Bühnenbildner Minks nur Routine angedeihen ließ.

Ein grandioser Haufen Müll

Ganz anders tags zuvor Regie-Star Martin Kušej in Berlin: Der schmalen Statur und den Klischees des Textes trat er mit der ganzen Wucht seiner Mittel entgegen. Ohne Requisiten, inmitten eines grell ausgeleuchteten, rechteckig gestalteten Guckfenster-Bühnenraums, inszenierte er ein hochartifizielles Ballett. Seine Personen, allesamt verunsichert, steif und vorsichtig, umkreisen sich ständig um ein gedachtes Kraftzentrum in der Bühnenmitte, ziehen sich an, stoßen sich ab wie Magneten, und erzählen allein durch die forcierte Körpersprache, dass sie doch im Grunde alle gleich sind.

Ob hier oder in Afrika, zuallererst ist man oder frau doch der Europäer, der immer sein Bestes geben will und doch immer der Eindringling bleibt. Man sorgt sich ums Älterwerden: "Vor sechs Jahren waren wir 35 und jung, jetzt sind wir 41 und alt!", versichern sie sich. "Bald sind wir vertrocknet wie Dörrpflaumen!", prustet Carol ins Champagnerglas. Der Sprache und den Formulierungen des Textes traut der Berliner Regisseur auch in der Behandlung der Erzählebene erheblich mehr zu, denn die Wiederholungen, die Schimmelpfennig daraus ableitet, lässt Kušej in Duktus, Betonung und Körperausdruck variieren, was ihnen die in Hamburg so betonte Komik nimmt, dafür aber mehr Bedeutung verleiht.

So ganz verlässt sich Kušej aber dann doch nicht auf seine karg stilisierte Textbehandlung: Kurz vor Schluss fällt noch ein grandioser Haufen Wohlstandsmüll vom Bühnenhimmel des Deutschen Theaters, auf dem dann ebenso bedeutungsvoll die beiden Puppen Peggy und Abeni landen.

Ein Allstar-Ensemble erleichterte das Berliner Text-Ballett mit darstellerischer Grandezza: Dass Maren Eggert (bravourös als bürgerlich hysterische Liz), Ulrich Matthes (gelungen gewundener Frank), Sophie von Kessel (exaltiert genervte Carol) und der sich verbissen betrinkende, von Norman Hacker gespielte Martin einen rasanten, nur 80 Minuten kurzen Abend hinlegen können, hatte ernsthaft wohl niemand bezweifelt. Rauschender Beifall für Schauspieler und Regie, auch hier ein paar Buhs für Roland Schimmelpfennig. Das dicke Afrika-Brett des Abends durchbohrte der Autor diesmal nicht.


Nächste Termine: Thalia Theater Hamburg: So., 21.11.; Fr., 26.11.; Mi. 08.12.; Do., 16.12.; Deutsches Theater Berlin: Di., 23.11.; Fr., 26.11.; Mi., 01.12.; Do., 09.12.; Mo., 13.12.

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