Antwort auf Augstein Der Doppelpass ist kein Geschenk

War die doppelte Staatsbürgerschaft für Türken ein Fehler? Angesichts demonstrierender Erdogan-Anhänger in Köln meinte unser Kolumnist Jakob Augstein: Ja. Hier widerspricht ihm der Autor Imran Ayata.
Demonstrierende Erdogan-Anhänger in Köln

Demonstrierende Erdogan-Anhänger in Köln

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Imran Ayata, geboren 1969 in Ulm, ist ein deutscher Autor, DJ und Gesellschafter einer Agentur für Kampagnen. Er lebt in Berlin. Der Mitbegründer von Kanak Attak veröffentlichte 2005 seinen Erzählband "Hürriyet Love Express", 2011 den Roman "Mein Name ist Revolution" und 2015 "Ruhm und Ruin. Roman in elf Geschichten" .

Bekannt ist er auch für die von ihm und Bülent Kullukcu zusammengestellte CD-Kompilation "Songs of Gastarbeiter Vol. 1".

Der Kampf um die Meinungshoheit verführt Autoren bisweilen zu banalen Zuspitzungen und zur Skandalisierung in der politischen Berichterstattung. Das ist ganz offensichtlich auch bei Jakob Augstein der Fall, wenn er mal eben die doppelte Staatsbürgerschaft für gescheitert erklärt, weil reaktionäre und durchgeknallte AKP-Anhänger sich in Köln heiser schrien für Erdogan und im Chor der Tausenden die Einführung der Todesstrafe in der Türkei forderten.

Selbst Boulevardmedien war nicht entgangen, dass trotz der Massenmobilisierung der AKP und ihr nahestehender Organisationen in Deutschland weniger Demonstranten gekommen waren und zeitgleich fast genauso viele Gegendemonstranten auf der Straße waren, um gegen den Putsch nach dem Putsch und Recep Tayyip Erdogan zu demonstrieren.

Der Tagtraum von Abschiebungen deutscher Staatsbürger

Migranten zu homogenisieren, ohne zu verstehen, dass Migranten-Communities selbstverständlich heterogen sind, dass innerhalb solcher Gruppen unterschiedliche Werte vertreten und diverse politische Positionen existieren, dass Migranten gläubig sind oder sich eben um Religion nicht scheren, ist ein Ausdruck rassistischer Denkmuster. Dazu gehört, bei jeder scheinbar opportunen Gelegenheit nach härteren Gesetzen zu rufen und den Tagtraum von Abschiebungen von Staatsbürgern zu leben, die hier geboren und aufgewachsen sind - oder eben der Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft das Wort zu reden.

Wenn Augstein die Überschrift "Wir haben uns geirrt" wählt, welches "Wir" meint er dann eigentlich? Sind Migranten Teil dieses "Wir" oder inkludiert es ausschließlich die Deutsch-Deutschen, also die Augsteins schon, aber die Ayatas nicht? Die doppelte Staatsbürgerschaft war kein Geschenk der damaligen rot-grünen Regierung. Der Verabschiedung dieses Gesetzes gingen Jahrzehnte politischer Auseinandersetzungen voraus.

Das Narrativ der Einwanderung in Deutschland ist von den gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kämpfen von Migranten geprägt. Und das nicht von den Erfolgsmigranten der sogenannten Zweiten Generation, sondern schon von Gastarbeitern der ersten Stunde. Sie setzten sich für bessere Arbeits- und Wohnverhältnisse ein und protestierten gegen unwürdige Unterbringungen in Wohnheimen. Sie gründeten Theatergruppen und Musikbands, schrieben Gedichte und gründeten Vereine.

Viele Jahre später waren es migrantische Aktivisten und Intellektuelle, die in den Neunzigerjahren Theorien des Rassismus in die gesellschaftliche Debatte einbrachten - bis dahin sprachen nicht nur Politiker von Ausländerfeindlichkeit. Möglicherweise fällt es schwer nachzuvollziehen, aber Menschen mit Migrationshintergrund haben in Almanya feministische Diskurse und die LGBT-Community verändert.

Einwanderung gehört zur deutschen DNA

Wenn heute bis in Teile des Mainstreams antirassistische Haltungen existieren, dann ist das auch dem unermüdlichen gesellschaftspolitischen Einsatz von Menschen mit Migrationshintergrund zu verdanken. Anders gesagt: Migranten haben in Deutschland nicht nur für ihre Interessen gekämpft, sondern gesellschaftliche Bewegungen hierzulande maßgeblich mitgeprägt.

Jakob Augsteins publizistische Intervention ignoriert all das und suggeriert zudem, dass man Fragen der Einwanderung mit dem Entzug von Rechten und Errungenschaften begegnen könne, indem man die doppelte Staatsbürgerschaft künftig EU-Bürgern vorbehält.

Heute verschwinden Grenzen von In- und Ausland, drinnen und draußen oder "Wir" und "Sie". Daraus erwächst nicht nur die Notwendigkeit, sich globalen Herausforderungen wie Migration und Einwanderung zu stellen, sondern zu akzeptieren, dass sie keine Randerscheinung sind, sondern zur DNA Deutschlands gehören. Ohnehin ist die doppelte Staatsbürgerschaft nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einer demokratischen Staatsbürgerschaft in Zeiten der Globalisierung. Denn demokratische Teilhabe und politische Integration von Eingewanderten bleiben zentrale Herausforderungen - und nicht nur deshalb, weil Deutschland Antworten auf die demografische Entwicklung finden muss.

Dass Tausende AKP-Anhänger in Köln auf die Straße gehen, hat übrigens weit weniger mit der doppelten Staatsbürgerschaft, sondern mit dem Erstarken des politischen Islam und dem Abdriften der Türkei in eine Erdogansche Autokratie zu tun. Zu glauben, dass eine politische Antwort darin bestehen könnte, die doppelte Staatsbürgerschaft abzuschaffen, ist nicht nur grundfalsch, sondern auch eine Bankrotterklärung. Denn eigentlich wäre es dringend nötig, endlich politische Alternativen gegen den sich radikalisierenden politischen Islam und Erdogans Politik der Repressionen zu formulieren. Und genau darum sollte es gehen, gerade jenen, die im Zweifel links sind.