Fotostrecke

Karin Henkel inszeniert Dostojewski: Glaube, Liebe, Hoffnung? Fehlanzeige

Foto: Klaus Lefebvre

Karin Henkel inszeniert Dostojewski Gott ist blind

"Schuld und Sühne" heißt der Roman von Dostojewski, den Karin Henkel auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gebracht hat. Die Regisseurin malt dabei ganz schön schwarz. Und Charly Hübner ermittelt den Mörder.

"Steenblaiben vaboten" steht in krakeliger Kreideschrift auf dem schwarzen Sockel, der die Aufbauten auf der Drehbühne trägt. Es wirkt wie eine Beschwörungsformel, und sie scheint zu funktionieren: Die Drehbühne dreht sich brav immer dann, wenn sie soll in den vier Stunden, die Karin Henkels "Schuld und Sühne"-Premiere am Hamburger Schauspielhaus dauert.

Das ist deshalb bemerkenswert, weil sie es am Freitagabend, einen Tag vor der Premiere, eben nicht tat. Die Generalprobe musste abgebrochen werden und fand erst am Morgen der Premiere statt. Man kann sich die Verzweiflung der Beteiligten vorstellen angesichts der Vorgeschichte dieser Inszenierung: Karin Henkels "Schuld und Sühne"-Inszenierung sollte ursprünglich zum Eröffnungsreigen gehören, als Karin Beier im Herbst 2013 ihre Intendanz antrat. Damals war es der Eiserne Vorhang, der nicht funktionierte und alle Pläne durcheinanderbrachte. Henkel wich auf die Nebenbühne aus und präsentierte dort im Februar 2014 "Schuld", eine intelligente und amüsante Improvisation über den Anfang von Dostojewskis Roman.

Wie einem expressionistischen Film entsprungen

Das Team dieser Vorübung war fast identisch mit dem jetzigen, und auch eine Grundidee ist geblieben: die Aufspaltung des Protagonisten Raskolnikow auf mehrere Darsteller. Der bettelarme Student, der sich für so außergewöhnlich hält, dass er glaubt, er habe das Recht, die allzu Gewöhnlichen umzubringen, und bald auch einen Doppelmord an zwei alten Frauen zu begehen, wird zwar hauptsächlich von Jan-Peter Kampwirth verkörpert. Aber seine Alter Egos, alle versehen mit dem gleichen Fusselbart, mischen sich immer wieder ein, als Stimmen in seinem Kopf oder andere Aspekte seiner Persönlichkeit. Wenn es etwa gilt, den Unerschrockenen, Dreisten zu mimen, übernimmt eine burschikose Lina Beckmann den Part, Angelika Richter ist eher die besonnen Rationale.

So überzeugend dieser fliegende Wechsel anfangs ist, so lähmend ist er auf langer Strecke: Denn Kampwirths Raskolnikow wird damit reduziert auf den verzagt-bekümmerten Wimp, einen Schwächling also im lächerlichen Secondhand-Outfit, der mit wirren Haaren und Panik im schwarzumrandeten Blick von der Monströsität seiner Tat verfolgt wird. Streckenweise wirkt er wie aus einem expressionistischen Film entsprungen; die Gothic-Atmosphäre der schwarzen Bretterbude, in der er haust, unterstreicht diesen Eindruck noch (Bühne: Thilo Reuther).

Raskolnikows Gegenspieler, der Untersuchungsrichter Profiri, der seelenruhig darauf setzt, dass dem Mörder irgendwann die Nerven versagen, ist Charly Hübner. Schon optisch ist er Kampwirth überlegen, und man kann gar nicht anders, als bei der von Hübner immer sehr selbstbewusst, aber auch ein ganz bisschen selbstironisch eingesetzten Körperlichkeit an seinen "Polizeiruf"-Kommissar Buckow zu denken. (Auch da vertraut der Ermittler gern darauf, dass die allermeisten Mörder eben doch ein Gewissen haben.)

Für Romantik ist kein Platz

Wie nebenbei lässt Hübner beim Verhör Raskolnikows irgendwann den Satz fallen: "Ein Glück, dass Sie nur zwei alte Frauen umgebracht haben. Mit ihrer Theorie hätten es hundert Millionen werden können." Das ist ein Hammer-Satz - aber die Regisseurin Henkel verfolgt diese Spur nicht weiter. Auch zwei andere Setzungen bleiben in der Luft hängen. Da ist einmal der Glaube: Der Raum auf der Rückseite des Bretterverschlags wird dominiert von einem überdimensionalen, sehr sanft blickenden Jesus-Konterfei. Ein Maler übermalt erst das eine, später das andere Auge mit schwarzer Farbe - eines der stärksten Bilder des Abends. Gott sieht alles? Von wegen. Gott ist blind.

Henkel verweigert Raskolnikow aber nicht nur den bei Dostojewski vorgesehenen Glauben, sondern auch die Liebe: Die Szene, in der Raskolnikow und die junge, gute Sonja (die aus purer Not Prostituierte geworden ist) sich annähern, spulen Kampwirth und Lina Beckmann mit einer solchen Routine ab, dass klar wird: Für Romantik ist hier kein Platz.

Kein Glaube, keine Liebe - also auch keine Hoffnung auf Erlösung? Das könnte ein Ansatz sein, aber bevor man ihn weiterdenken kann, wird er schon begraben von neuen Textbergen und Nebenhandlungen. Je später der Abend, desto mehr steht die reine Nacherzählung im Vordergrund: Strecke muss gemacht werden, um voranzukommen in diesem 800-Seiten-Roman. Und bevor es auf dieser Langstrecke zu düster wird (was ohne Glaube und Liebe nur logisch wäre), baut Henkel hier und da ein humoristisches Licht ein - Lina Beckmann etwa muss Raskolnikows übergriffige Mutter in einem albernen, an eine Matroschka erinnernden Kleid als Mutter Beimer von St. Petersburg spielen (Kostüme: Nina von Mechow). Oder die Regisseurin lässt das Musiker-Trio in seinen russischen Folklore-Gewändern das soziale Elend akustisch noch ein bisschen untermalen.

Mag sein, dass für eine Straffung des Abends am Ende die Zeit gefehlt hat, weil die Technik soviel Aufmerksamkeit gefordert hat. Schade. So bleibt bei allem Respekt für die Mannschaft, das Ding endlich auf die Bühne gestemmt zu haben, doch nur ein ziemlich müder Applaus.


"Schuld und Sühne". Deutsches Schauspielhaus Hamburg  , wieder am 2., 6., 10. und 30.6., Tel. 040 24 87 13

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.