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14. Juni 2001, 13:41 Uhr

Dr. Mitte

"Schnacksel-Demo" statt Love Parade?

Von Jürgen Laarmann

Der "Carneval Erotica" könnte zum großen Gewinner im Berliner Technoparaden-Gerangel werden. Die in der Boulevardpresse als "Schnacksel-Nackt-Demo" gescholtene Veranstaltung tritt an, "Ruf und Realität von Berlin als freiester Stadt der Welt" mit Leben zu erfüllen. Die Love Parade kämpft derweil mit Problemen...

Plakat des "Carneval Erotica": Hedonisten unter sich

Plakat des "Carneval Erotica": Hedonisten unter sich

Mäßige Stimmung herrscht dieser Tage am Alexanderplatz im Hauptquartier der Love Parade bei der Veranstaltungsagentur Planetcom. Durch den Termin-Hickhack und die damit fehlende Planungssicherheit sind der Love Parade eine Reihe fest eingeplanter, langjähriger Sponsoren verloren gegangen. Der Umstand, dass die Planetcom sich dieses Jahr als Sonderflächennutzer an der Beseitigung von Müll und Schäden beteiligen soll, trifft das Betriebsergebnis von Deutschlands größter Ex-Demo zudem empfindlich.

Bedenklich stimmt die Macher auch das nachlassende Medieninteresse: Erstmals überträgt Viva nicht mehr live, auch der eilige Versuch von Planetcom, Szene und Macher stärker einzubinden, gilt als wenig gelungen. Vertreter von treuen Technozeitungen durften als "Float Committee" mit bestimmen, welche 50 unter den angemeldeten Wagen eine Teilnahmegenehmigung bekommen sollten. Heraus kam dabei lediglich, dass in diesem Jahr die Wagenteilnehmer fast identisch mit denen des Vorjahres sind

Frohe Erwartungshaltung herrscht indes bei den Veranstaltern von Berlins neuester Parade, dem Carneval Erotica, der vom "Verein zur Förderung hedonistischer Lebenskultur" ins Leben gerufen wurde. Die Macher kommen aus dem Umfeld des Berliner Kitkat Clubs, der aufgrund seiner SM-, Fetisch- und Dresscodeparties als freizügigster Technoclub der Hauptstadt gilt. In den vergangenen Jahren hatte der Kitkat Club selbst mit einem Wagen an der Love Parade teilgenommen und mit barbusigen Schönheiten Aufmerksamkeit auf sich ziehen können.

Schon die pure Ankündigung, dass der Carneval Erotica für die traditionelle Love-Parade-Route über den Ku'damm angemeldet wurde, bescherte den Hedonisten eine Titelseite im Boulevardblatt "BZ": "Schnacksel-Nackt-Demo auf dem Ku'damm geplant! Alarm!"

Fast fühlt man sich an die Gründerzeit der Love Parde erinnert, als es noch der Techno-Umzug war, der für Sodom und Gomorrha stand. Heute sorgt der Kitkat Club für besorgte Pastoren, Eltern und ängstliche Vorstände der "Arbeitsgemeinschaft City".

Während die Berichterstattung über den Kitkatclub selten über puren Tittenradau hinausgeht, formulieren die "Hedonisten" eindeutige politische Ziele. Konkret geht es ihnen um eine Modifikation eines Abschnitts des Gaststättengesetzes, der nicht zuletzt den Kitkat Club bedroht: Drohender Konzessionsentzug bei Wirten, die der "Unsittlichkeit Vorschub leisten". Diese Regelung stammt aus den 20er Jahren und gilt bei den Kitkat-Betreibern verständlicherweise als nicht mehr zeitgemäß. Sie demonstrieren für das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Techno-Fans auf der Love Parade: Einstmals Sodom & Gomorrha
DPA

Techno-Fans auf der Love Parade: Einstmals Sodom & Gomorrha

Ferner setzen die Macher sich für eine grundsätzliche Streichung der Sperrzeiten für Schank- und Speisewirtschaften ein. In einem Manifest, das bereits vor der Love Parade 2000 entstand, erklärt der Kitkat Club seine ideologischen Ziele: den Ruf und die Realität von Berlin als freiester Stadt der Welt mit Leben zu erfüllen. An die Fahnen heften sich die Hedonisten den Kampf gegen den "staatlichen und klerikalen Bevormundungs-Bürokratie-Komplexes" und für individuelle Freiheitsrechte. Mit ihrem Manifest sind die Schöneberger Kitkatianer somit ganz weit vorne, was die intellektuelle Meinungsführerschaft in der Technoparadenwelt angeht.

Tatsächlich hat der Carneval Erotica mit seinen Zielen offensichtlich keine Probleme, als Demonstration anerkannt zu werden. Spätestens das sollte den Love Parade-Machern zu denken geben, denen die Kitkat-Clubber vorwerfen, ihre ursprüngliche Ziele längst vergessen zu haben und heute allenfalls eine "Sonderform von Folklore" zu repräsentieren.

Doch das Motiv des Kitkat Clubs, eine eigene Parade zu veranstalten, hat auch ganz pragmatische Gründe: Hohe Teilnahmegebühren, das kostspielige Wettrüsten der Love-Parade-Teilnehmer um die größte Sound-Anlage und nicht zuletzt die Restriktionen der Planetcom in Sachen Wagen-Gestaltung. 15 Vehikel haben sich bereits beim Kitkat Club angemeldet, täglich kommen neue hinzu, wohl auch, weil es keinerlei Teilnahmegebühr wie bei der Love Parade gibt.

Die vertrackte Situation am 14. Juli könnte also zu einem denkwürdigen Ereignis in der Partygeschichte Berlins werden. Der Ku'damm ist bei vielen Alt-Love-Parade-Fans als Demostrecke beliebt, Tausende von Ravern sind in der Stadt, die ihnen am diesen Tag keine Love Parade bietet, und das Medieninteresse ist ohnehin angeheizt. Die Hedonisten geben sich zunächst gelassen. "Wir verstehen unsere Demo auch als gesellschaftliches Experiment".

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