"Draußen vor der Tür" in Hamburg Mittendrin im Klischee

Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür" traf den Nerv der Kriegsgeneration. Doch heute klingen die Worte etwas altbacken. Darunter leidet die neue Inszenierung am Hamburger Thalia Theater - nur zwischendurch blitzt höchste Schauspielkunst auf.


Die ganz große Bühne für den kleinen, armen Beckmann: Felix Knopp, der den geschundenen Weltkriegsheimkehrer spielt, muss gleich zu Beginn erstmal Luft holen, nach Worten und Gesten suchen, er steht allein vor dem Publikum, ohne Bühnenbild, mit minimalem Licht. Er sucht seinen Einstieg, denn "Draußen vor Tür" ist kein zeitloser Text. Das Stück von Wolfgang Borchert traf den Nerv der Weltkriegsgeneration auf den Punkt, es war für die eine, kaum vorstellbare Menschheitskatastrophe geschrieben. Das waren 1947 die richtigen Worte. Die Wucht seiner Worte wirkt heute allerdings leicht museal.

Man spürt es in den ersten Minuten der neuen Luk-Perceval-Inszenierung am Thalia Theater, wie Felix Knopp innerlich gegen das klassische, beinahe ikonische Bild anspielt, das Hans Quest in der Hamburger Uraufführung an den Kammerspielen seinerzeit lieferte. Mit der geflickten Brille, dem gehetzten Blick, ein Mann wie eine offene Wunde.

Aber genauso befangen, wie Knopp sich vorsichtig dem Drama nähert, so befangen bleibt der karge Bilderbogen, den Regisseur Perceval um den Text arrangiert hat. Und er produziert nur eine Erkenntnis: Die Schlussworte des Kriegsheimkehrers Beckmann, "Gibt denn keiner, keiner Antwort?" stimmen auch für diesen Abend - denn er endet in inhaltlicher Leere.

Leerlauf auf großer Bühne

Raffiniert ist die Bühne (Katrin Brack hatte die Idee) durch eine fast identisch große, leicht geneigte Spiegelwand gedoppelt, die einen perspektivische Irritation erzeugt, wie sie wohl in Beckmanns verschobenem Innenleben stattfindet. Die Bühne als eigenes Bühnenbild, das trägt tatsächlich über die rund 90 Minuten Spieldauer, die sich ansonsten eher zäh gestalten. Viele Generalpausen in einem Text, der alles sagt, reißen eher dramaturgische Löcher auf, als dass sie Spannung oder gar Sinn erzeugen. Symbolisch auch Beckmanns Fluchtlauf vor den Gespenstern seiner Vergangenheit, der ihn im Kreis wieder und wieder übers Drehbühnenrund führt: Leerlauf im Wortsinn.

Dabei hat Felix Knopp eigentlich gut zu tun, denn einen wesentlichen Anteil an der Bühnenatmosphäre bestreitet seine Band My Darkest Star, deren Sänger er ist und mit der er regelmäßig auftritt. Die Musik reflektiert texttreu - und immer ein wenig erwartbar - Beckmanns Innenleben, sie explodiert in rauer Post-Grunge-Geste und findet ebenso leise, zarte Töne, wenn Beckmann verzweifelt. Die Band gibt Felix Knopp auch Gelegenheit, sich immer wieder am Mikrophonständer festzuhalten, was er etwas zu oft tut und damit das Programmheft-Motto des Abend "My Darkest Star live in concert" arg überstrapaziert.

Großartig gelingt Knopp die Kabarettszene, in der er mit seinem Lied den Direktor überzeugen will: Wie der abgehobene Mann im Mond glänzt er - reflektiert durch die Spiegelwand - über der Bühne, windet sich im Schmerz seines hingewimmerten Lovesongs im Kreis, er gibt für ein paar Minuten alles. In diesem Moment zeigt sich, was man aus der Inszenierung hätte machen können, wenn man mehr vom Textstaub des Dramas weggeblasen hätte.

Großartig auch die übrigen Darsteller: Acht Schauspieler des Hamburger Theaterprojekts für Menschen mit Behinderungen, "Eisenhans", stellen die Heimsuchungen Beckmanns dar. Mit großem Elan und Können wirbelt das junge Ensemble-im-Ensemble über die Bühne und holt sich dafür im Anschluss verdienten Beifall ab.

Mehr Langeweile als Pointierung

Peter Maertes und vor allem die großartige Barbara Nüsse spielen alle übrigen Rollen mit souveräner Tongebung und feinsten Nuancen. In ihrer Führung zeigt Luk Perceval, was für ein herausragender Regisseur er eigentlich ist, wenn er - wie bei vielen anderen Inszenierungen - sich traut, den Dramentext genau zu betasten.

Wenn Barbara Nüsse den obszön schmatzender Oberst ausbreitet oder die fiesen, opportunistischen Phrasen des Kabarettdirektors herunterschnurrt, dann wird darstellerische Technik in Sekunden zu Kunst. Doch das könnte sie jederzeit, auf jeder Bühne. Der Text bleibt hier eine hermetische Angelegenheit, die Inszenierung bricht nie aus der Nummernrevue Borcherts aus und produziert so am Ende mehr Langeweile als Pointierung.

So bleibt alles Klischee: Die Rockmusik als Stimmungsmacher, der Krieg als mystischer Zerstörer, die Menschen als Opfer und Täter, je nach Charakterlage, die Katastrophe als Schicksal. Warum das alles? Natürlich kann es darauf keine Antworten geben, nicht für Beckmann und nicht fürs Publikum. Dennoch gibt es viel Jubel für die Akteure und für das Regieteam, das wohl auch dafür gefeiert wird, mal wieder einen Hamburg-Mythos gewürdigt zu haben. Ab und zu muss eben "Draußen vor der Tür" mal überprüft werden - aber nächstes Mal bitte mit etwas mehr Mut zum Risiko.



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Arion's Voice, 03.04.2011
1. Fernsehen
Zitat von sysopWolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür" traf den Nerv der Kriegsgeneration. Doch heute klingen die Worte etwas altbacken. Darunter leidet die neue Inszenierung am Hamburger Thalia Theater - nur zwischendurch blitzt höchste Schauspielkunst auf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754737,00.html
Wieso läuft so etwas fast nie im Fernsehen auf den Sendern der Öffentlich-Rechtlichen, die doch angeblich eine Art Bildungsauftrag haben? Ansonsten: Egal, wie die Kritik ausfällt - wer Zugang zu Theaterhäusern wie dem Thalia hat, der hat richtig Glück.
systemfeind 03.04.2011
2. nie hat irgendjemand Borchert freiwillig gelesen
Zitat von sysopWolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür" traf den Nerv der Kriegsgeneration. Doch heute klingen die Worte etwas altbacken. Darunter leidet die neue Inszenierung am Hamburger Thalia Theater - nur zwischendurch blitzt höchste Schauspielkunst auf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754737,00.html
Sprachmüll aus der Nachkriegswelt , interessiert mich nicht
schalkenberg 03.04.2011
3. mittendrin, nicht mitten drin
Zitat von sysopWolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür" traf den Nerv der Kriegsgeneration. Doch heute klingen die Worte etwas altbacken. Darunter leidet die neue Inszenierung am Hamburger Thalia Theater - nur zwischendurch blitzt höchste Schauspielkunst auf. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754737,00.html
Es sieht immer etwas blöd aus, wenn man sich als Kritiker über etwas erhebt, aber schon in der Überschrift einen dicken Rechtschreibfehler macht. ;-)
Was bedeutet das alles? 03.04.2011
4. Gibt's als Hörspiel. Regie: Ludwig Cremer (NWDR 1947). Ca. 90 Minuten.
Zitat von systemfeindSprachmüll aus der Nachkriegswelt , interessiert mich nicht
Gibt's als Hörspiel. Regie: Ludwig Cremer (NWDR 1947). Ca. 90 Minuten. Danach werden Sie vielleicht das Zeitlose und die im Stück konservierte Erfahrung besser verstehen, auf daß sie anderen erspart bleibe. A propos "Müll": Sollte in allen Egoshootern statt des erhofften Mülls liegen.
Hawkeye 1 04.04.2011
5. Sprachmüll??
Zitat von systemfeindSprachmüll aus der Nachkriegswelt , interessiert mich nicht
Doch, ich habs freiwillig gelesen, und es mag alles sein, aber kein Sprachmüll. Lesen Sie dafür die heutigen "Bestseller". Nun ja, auf einen Toten ist leicht spucken, er mag sich wohl nicht wehren....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.